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Auf der Suche nach der Vergangenheit

 


Nora Berger wurde in Düsseldorf geboren, heiratete nach Bayern und bekam zwei Söhne. Die Erlebnisse ihrer Eltern als Zeitzeugen des zweiten Weltkriegs inspirierten sie zu einem Roman. Erst später begann sie ein Studium der Literatur und Philosophie in Paris. Ihr erstes Buch, das während der französischen Revolution spielt, erschien 2005.


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Auf der Suche nach der Vergangenheit

VON NORA BERGER

Paris - graue Mauern um mich herum. Die Stadt ist hektisch, laut rücksichtslos. Feiner Nieselregen nässt meine Wangen und ein böiger Wind von der Seine her lässt mir die Haare zu Berge stehen. Die bröckligen Häuserfassaden um mich herum wirken trist und schmutzig und ich erschrecke über mein Spiegelbild in einer Vitrine mit Trödelkram. Bin ich das, so unausgeschlafen aussehend, blass und zerzaust? Menschen hasten mit gleichgültigem Ausdruck eilig an mir vorbei. Ich fröstele und ziehe meinen Schal enger um den Hals während ich einen Blick auf das Straßenschild werfe: Rue St. André des Arts, eine Straße, die sich von der Seine aufwärts durch Saint Germain schlängelt. Bunte Läden, Bistrots, Cafés, das übliche Bild; doch an diesem Vormittag alles wie mit einem Grauschleier überzogen. „Was suchst du eigentlich hier in Paris?", hatte mich Samy, der Papa von meiner Freundin Jeannine eines Tages verwundert gefragt: „Hier ist doch alles dreckig, kaputt; die Luft verpestet! Wie anders ist es dagegen bei Euch in Bayern, dieser sauberen, wunderbaren Landschaft!" Ja, heute finde ich fast, dass er Recht hat. Es ist schon komisch, andere Leute fahren nach Hawai, auf die Malediven, nach Thailand - und ich, ich will immer bloß nach Paris!

Da, endlich erspähe ich die Auslage der wenigen Bücher vor dem unscheinbaren Laden, meinem Lieblings Antiquariat „Le livre". Beim Eintreten klingelt noch ganz altmodisch eine Ladenglocke und ein mürrischer Mann blickt nur ganz kurz von seinem Buch auf, in das er vertieft scheint und nickt mir kurz zu. Ein junges Mädchen rangiert einige gut erhaltene Werke hinter die Glasvitrinen. Ich trete vorsichtig näher, denn es ist gefährlich, sich in diesem Raum zu hastig zu bewegen. Man könnte eine Lawine ins Rollen bringen - einen Stapel der unzähligen Schriften, die sich übereinander, aufeinander, ja geradezu halsbrecherisch nebeneinander reihen. Nur ein einziger ungeschickter Stoß - und schwupps, Hunderte von Büchern brächen mit Getöse vom überladenen Stapel und fielen in einen der engen Gänge, durch die man sich hindurch winden muss, wenn man, wie ich, zu den hintersten Schätzen vordringen will - den Biographien und Abhandlungen über die Geschichte Frankreichs und natürlich auch der anderer Länder.

Ich nehme den vertrauten Geruch vergilbten Papiers wahr, von Jahrzehnte altem Staub, die Stille, die nur vom Rascheln vorsichtig umgewandter Seiten unterbrochen ist.

Spannung ergreift mich: Sind wieder neue Bücherschätze aus Nachlässen oder vom Flohmarkt eingetroffen? Ich frage den gleichgültig wirkenden Verkäufer. „Haben Sie vielleicht etwas von „Lênotre" bekommen?" „Désolé, Madame, rien!", antwortet er entschieden, ohne nachzusehen oder auch nur einen Finger zu rühren, (was in diesem Wust ungeordneter Bücher im Übrigen auch sinnlos wäre) und wendet sich wieder seiner Lektüre zu. Ich streiche wachsam durch die Bücherreihen und überfliege dann die Bücherrücken in den bis zur Decke reichenden Regalen. Freudige Erregung, ja Erwartung ergreift mich. Da ist es, was ich suche: Ein Band von Lenôtre, dem von Liebhabern der Geschichte äußerst geschätzten Forscher der kleinen Notizen und vergessenen Dossiers! Glücklich nehme ich ihn zur Hand. Die graue Welt dort draußen versinkt, die Geschichte der französischen Revolution erhebt sich um mich und ich sehe Marie Antoinette in den Tuilerien, wie sie dem jungen, eine wenig in sie verliebten Chevalier de Rougeville freundlich zulächelt. Er wird wenig später für sie bei einem letzten Entführungsversuch aus dem dunklen Kerker der Conciergerie sein Leben wagen und als Mann mit der Nelke in die Geschichte eingehen! Gebannt verschlinge ich die Fakten, die der Historiker Lenotre darüber akribisch aus alten Akten zusammengetragen hat. Ich vergesse die Zeit, das nasskalte Wetter, das graue Paris draußen vor der Tür und eine Zauberwelt, die des längst vergangenen 18. Jahrhunderts, tut sich vor mir auf. Die Personen auf dem trockenen Papier nehmen plötzlich Leben an - fiktive Figuren mischen sich unter die Wirklichen; Liebe, Haß bevölkern die Seiten, erheben sich aus diesen verschollenen Dokumenten, die der wunderbare, akribisch recherchierende Historiker aus dem Staub verfallenen Papiers gesammelt hat. Ich lese, staune über die unendlich vielen Geschichten, die hinter dürren Worten stehen und sehe plötzlich die Umrisse meines neuen Romans vor mir.

„On ferme, Madame, wir schließen!" Die Stimme des Buchhändlers schreckt mich aus meiner Versunkenheit. Wie ein kostbares Gut halte ich die beiden Bände an meine Brust gedrückt, zahle und trete wieder hinaus in die Wirklichkeit. Langsam schlendere ich zur Seine hinab; es dämmert langsam und am Horizont erscheint ein matter, hellblauer Streifen am Himmel, der besseres Wetter anzukündigen scheint. Alles ist plötzlich verändert, die verschnörkelten Simse der Häuser, die stummen Portale der Kirchen scheinen jedes für sich ein Geheimnis zu bergen. Ich schaue an der Pont Neuf über den Fluss zu den Türmen der düsteren Conciergerie hinüber und langsam formen sich die ersten Sätze der Protagonisten in meinem Kopf. Ein neuer Roman entsteht: „Die Botschaft des Medaillons!" So könnte es gewesen sein, sage ich mir, so, und nicht anders!



Veröfffentlichung:

Amélie und die Sturmzeit von Valfleur
Nora Berger
Verlag: Weltbild
ISBN-10: 3898978346
ISBN-13: 978-3898978347
592 Seiten
3,95 Euro



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weltbild.de

Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts: Amélie d' Emprenvil ist eine schöne, lebenshungrige junge Frau. Doch die blutige Revolution bricht eines Tages in die Idylle ihres Landschlosses Valfleur ein und raubt Amélie alle Menschen, die sie liebt - ihre Eltern und ihren Ehemann. Und auch sie selbst muss um ihr Leben fürchten. In größter Gefahr rettet sie Fabre d' Eglantine. An seiner Seite kämpft sie nun um ihr Glück und ihre Besitztümer.

Neu seit März 2009:

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Amélie und die Botschaft des Medallions

Verlag: Federfrei Verlag
ISBN-10: 3950256083
ISBN-13: 978-3950256086
350 Seiten
9,60 Euro

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Frankreich 1793. Ist der Gatte Amélies, Graf de Montalembert, wirklich im Gefängnis ums Leben gekommen? Oder gehört er zu den Verschwörern, die eine Entführung der Königin Marie Antoinette aus dem Kerker der Conciergerie planen? Die geheime Botschaft eines Medaillons bringt Amélie auf eine ungewöhnliche Spur, die bis in die unterirdischen Verliese von Paris führt.

 

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