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Corinna Kastner - Ort der Handlung: Faszination




Corinna Kastner wurde 1965 in Hameln geboren. Nach einer Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin für Fremdsprachen und Korrespondenz arbeitet sie seit 1985 am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover.

Ihre ersten Schreibversuche im Alter von zwölf Jahren endeten bereits nach zwei Seiten, mittlerweile beweist sie etwas mehr Ausdauer... In der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft „Von Herder Airguns", deren Mitbegründerin sie war, lernte sie ihren heutigen Ehemann, den Schriftsteller Jörg Kastner, kennen. Gemeinsam veröffentlichten sie den Jugend-Fantasy-Roman „Die Steinprinzessin" beim Ueberreuter-Verlag, in den Jahren darauf folgten als Solo-Projekte bei Bastei-Lübbe-Taschenbücher ihre Romane „Eileens Geheimnis", „Das Erbe von Ragusa" und „Die geheimen Schlüssel". Zurzeit arbeitet sie an ihrem vierten Buch, das im Juni 2009 erscheinen wird.
Homepage der Autorin: www.kastners-welten.de

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Ort der Handlung: Faszination

VON CORINNA KASTNER

Ich gebe zu: Beim Romankauf achte ich auf die Schauplätze. Wenn mich ein Cover oder ein Titel in der Buchhandlung anlacht, ich das Buch umdrehe und lese: „13. Jahrhundert, Spanien" lege ich es wieder weg. Weil mich Spanien aus irgendeinem unerfindlichen Grund überhaupt nicht lockt. Es könnte da auch stehen: „2005, New York." Wenn kein ungeheuer spannender Thriller lockt, lege ich auch dieses Buch wieder weg. Weil mir New York ziemlich egal ist. Steht da aber möglicherweise, wie neulich geschehen: „2002, Prag", schnappe ich das Buch und gehe damit zur Kasse. Ich hatte zuvor noch nie einen Roman gelesen, der in Tschechien spielt, freue mich aber inzwischen auf die Fortsetzung zu „Nasses Grab" von Helena Reich. Ich mag interessante, bisher noch wenig beackerte Schauplätze sehr gerne. Die machen neugierig - darauf, wie es da wohl ist, ob die Autoren es schaffen, Atmosphäre zu transportieren - und mich sogar dazu bringen zu sagen: Da will ich unbedingt auch mal hin! Wie zum Beispiel bei „Der Historiker" von Elizabeth Kostova, ein Roman, der zum Teil in Budapest spielt. Kurz nach der Lektüre war ich in Budapest.

Was mir beim Lesen wichtig ist, ist mir beim Schreiben sogar noch wichtiger. Ich kann mir keinen noch so wunderbaren Plot vorstellen, der in einem Land angesiedelt ist, für das ich überhaupt nichts übrig habe. Mir muss die Gegend, über die ich schreibe, wirklich am Herzen liegen, denn nur so gelingen mir atmosphärische Schilderungen, und nur so kann ich selbst möglicherweise Leser animieren zu sagen: Da will ich unbedingt auch mal hin!

Für mich ist also die wichtigste Frage: Wo? Danach kommen: Was? und Wie? und Wer?

Beim meinem ersten Solo-Projekt, „Eileens Geheimnis", lag der Schauplatz ganz klar auf der Hand: die Kanalinsel Guernsey. Ich war mit meinem Mann Jörg schon diverse Male dort gewesen - und bis heute kann ich sagen, dass Guernsey einer der schönsten Orte ist, die ich kenne. Die Insel bietet alles: tolle Landschaften, geheimnisvolle Hügelgräber, ebenso geheimnisvolle Menhire, alte Martellotürme und Festungen, malerische Orte, einsame Strände, Klippenpfade, hübsche Granitsteinhäuser. Außerdem ist Guernsey eine wunderbare Mischung aus Englisch und Französisch, sowohl in der Sprache als auch in der Küche. Eigentlich muss man nur an irgendeinem beliebigen Flecken der Insel stehen, den Blick schweifen lassen - und schon fallen einem mindestens fünf verschiedene Geschichten ein.
 

Manchmal passieren dann auch merkwürdige Dinge. Auf Guernsey habe ich gemerkt: Meine Fantasie ist geradezu unheimlich nah an der Wirklichkeit. Vom Friedhof in St. Martin, auf dem Eileens Grab mit dem keltischen Kreuz liegt, kannte ich nur den Eingang. Dort steht ein uralter Statuenmenhir, den man einfach gesehen haben muss. Ansonsten ist es ein ganz gewöhnlicher hübscher kleiner Friedhof mit einer Kirche, nichts Außergewöhnliches. Als ich nun aber mitten im Schreibprozess hinkam, um nachzuprüfen, ob das Grab überhaupt an der von mir vorgesehenen Stelle liegen könnte, stellte ich fest: Es gibt auf dem gesamten Friedhof ganze zwei Gräber mit keltischen Kreuzen - zu einem davon kam ich, als ich meiner eigenen fiktiven Wegbeschreibung folgte...

 
Auch bei meinen zweiten Roman „Das Erbe von Ragusa" stand der Schauplatz zuerst fest. Ich erinnerte mich an einen ewig lange zurückliegenden Urlaub im Jahr 1987, in dem ich für einen Tag in Dubrovnik gewesen war. Damals hatte die Reiseleiterin erzählt, dass sich dort eine der ältesten Apotheken Europas befindet - und ich wusste plötzlich, dass ich daraus etwas machen wollte und sogar sollte. Es gibt nicht viele Romane, die in Dubrovnik spielen, und genau das hat mich angespornt. Auf der anderen Seite musste ich feststellen, dass ein ungewöhnlicher Schauplatz die Recherchen enorm erschwert. Natürlich fand ich jede Menge Reiseführer, aber das reichte nicht aus, weil „Das Erbe von Ragusa" zu einem Teil auch ein historischer Roman ist. Literatur zu finden speziell zur Geschichte Ragusas - also dem heutigen Dubrovnik - und deren (evtl. sogar bekannte) Bürger im 16. Jahrhundert und zusätzlich noch zum Thema Hexerei und der Stellung der Frau, stellte mich vor ungeahnte Herausforderungen. Was mich aber keinesfalls davon abhielt, um meinen Handlungsort herum die Geschichte der angeblichen Hexe Mirjana zu weben, die sich aus der Apotheke des Franziskanerklosters ab und zu mal „bediente". Dubrovnik musste es sein!
 

Natürlich waren meine Erinnerungen an jenen einen Urlaubstag nicht mehr frisch genug, um es dabei zu belassen. Zweimal flog ich erneut hin und ließ mich im wahrsten Sinne des Wortes verzaubern von dieser faszinierenden Stadt mit ihrer wechselhaften Vergangenheit, die nur wenige Jahre zuvor im Balkankrieg furchtbar zerschossen worden war. Dabei begriff ich, dass ich diese Tatsache im Gegenwartsteil des Romans nicht einfach ignorieren konnte. Ich war also vor Ort auf Dinge gestoßen, die auf jeden Fall in das Buch einfließen mussten, weil sie mehr zum Schauplatz gehörten als gedacht. Oder anders formuliert: Ich hatte zwar vom Wüten des Balkankriegs in Dubrovnik gewusst, war aber davon ausgegangen, dass das für meinen Handlungszeitraum nach dem Krieg unwichtig wäre. War es aber nicht, weil der Krieg natürlich Auswirkungen gehabt, seine Spuren nicht nur an den Gebäuden hinterlassen hat (die man, wenn man sich nur die Mühe macht, ein bisschen genauer hinzuschauen, gar nicht mehr übersehen konnte), sondern auch und gerade bei den Menschen.
 
Daneben sammelte ich andere, ganz normale Erfahrungen, die dementsprechend die Protagonistin später im Roman macht. Auch das ist mir beim Schreiben wichtig: Authentizität, nicht nur was Geografie, Lage der Straßen, der Gebäude etc. angeht, sondern genauso das Gefühl, das mitschwingt, das Gefühl, das ich selbst habe, wenn ich beispielsweise auf der Stadtmauer stehe und auf das Meer oder auf die Gassen sehe, der Geschmack der heißen Schokolade im Café, der Geruch des Windes, der Blick der Menschen, das Quirlige oder das Ruhige der Umgebung. All das trägt dazu bei, dass ich am Ende für mich sagen kann: Die Geschichte ist in allen Aspekten stimmig und stimmungsvoll.

Auf Guernsey passten die Tatsachen unerwartet gut zu meiner Fantasie. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein - und dann muss man mit den Fakten ein kleines bisschen tricksen. Das Buch, an dem ich zurzeit arbeite und das im Juni 2009 erscheint, spielt an der Ostsee in einem kleinen Ort auf dem Fischland. Es geht dabei um ein Haus, das die Protagonistin von einem ihr unbekannten Mann erbt. Damit bestimmte Dinge in der Handlung möglich sind, musste ich dieses Haus an eine Stelle der Straße „versetzen", wo zu jener Zeit, als es erbaut wurde (Anfang des 20. Jahrhunderts), überhaupt noch nichts stand. Diese kleine Notlösung allerdings habe ich gern in Kauf genommen, denn als ich zum ersten Mal auf dem Fischland war, gab es keinen Zweifel: Ich wollte unbedingt ein Buch schreiben, das in diesem Landstrich spielt. Dabei war es eigentlich nur „Zufall", dass mein Mann und ich dort gelandet waren - ursprünglich wollten wir woanders hin. Naja. Ich glaub ja nicht an Zufälle...
 



Fischland ist nun ganz anders als Dubrovnik oder gar die größeren Städte quer durch Europa, die in meinem dritten Roman „Die geheimen Schlüssel" eine Rolle gespielt hatten. (Dass ich mir u. a. gerade Salzburg dafür ausgesucht hatte und Salz dann tatsächlich im Roman wichtig wurde - diesen bemerkenswerten „Zufall" habe ich erst bemerkt, als das Buch fertig war.)

 

Aber gerade diese Verschiedenartigkeit der Handlungsorte ist reizvoll: Ich kann mich danach richten, woran mein Herz hängt und wo es mich unwiderstehlich hinzieht. Die Kontraste der Landschaften und Orte sind spannend. Nicht nur in die neuen Charaktere und die Handlungen der Bücher einzutauchen, sondern auch in die unterschiedlichen Umgebungen - das macht für mich (auch) den Spaß am Schreiben aus. Aber wohl fühlen muss ich mich an „meinem" Ort, denn ich lebe während des Schreibens ja genauso dort wie meine Protagonisten. Ich bin jeden Tag für einige Stunden und am Wochenende auch ganztags da. Nicht jeder hat das Privileg, sich aussuchen zu können, wo er lebt. Ich habe es zumindest in meiner Fantasie.

Was nicht heißt, dass ich nicht gern in Hannover lebe - was man daran erkennt, dass in zwei meiner Bücher auch Hannover zumindest eine kleine Rolle spielt...

© Fotos: Corinna Kastner


 

 

 



Veröffentlichung:


Die geheimen Schlüssel
Verlag: Lübbe
ISBN-10: 3404157583
ISBN-13: 978-3404157587
506 Seiten
7,95 Euro




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Aus dem Inhalt:

Als Juta Berg in einem Salzburger Krankenhaus erwacht, weiß sie weder, wer sie ist, noch, was sie in Salzburg macht. Sie erfährt, dass man sie verletzt und ohne Bewusstsein in den Katakomben eines Friedhofs gefunden hat. Merkwürdige Alpträume plagen sie, in denen ein mysteriöser Fremder sie um Hilfe bittet. Juta ahnt, dass diese Träume und ihr Unfall etwas miteinander zu tun haben. Auf dem Friedhof entdeckt sie das Grab eines Mannes, das ihr Rätsel aufgibt. Der Name auf dem Grabstein kommt ihr bekannt vor. Allmählich dämmert ihr, wer der geheimnisvolle Fremde in ihren Träumen ist. Como, ein Freund aus Kindertagen und ihre erste große Liebe, scheint in großer Gefahr zu schweben...


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