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Das Kind





Das Kind
Sebastian Fitzek
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 3426197820
ISBN-13: 978-3426197820
400 Seiten
16,95 Euro


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Rezension von Dietmar Stanka

In der Öffentlichkeit präsentiert sich Robert Stern als erfolgreicher Staranwalt, der mit großem Erfolg seine Kanzlei leitet. Teure Anzüge, ein Fahrzeug der automobilen Oberklasse und ein Büro mit Blick auf das Brandenburger Tor sind die Insignien dieser beruflichen Karriere. Doch im Privaten ist Robert Stern ein tieftrauriger und vom Leben gezeichneter Mann, der sich abends in seine Villa zurückzieht und die Öffentlichkeit scheut. Der Schicksalsschlag für den Anwalt war der plötzliche Kindstod seines Sohnes Felix und die dadurch entstandene Trennung von seiner Frau, die, mittlerweile wieder verheiratet, Mutter zweier Kinder ist. Die Bekanntschaft mit der lebenslustigen Krankenschwester Carina war in den letzten Jahren der einzige Lichtblick in seinem ansonsten grauen Alltag. Eines Tages ereilt ihn ein Anruf von ihr, wo sie ihn dringend bittet, sich schnellstmöglich mit ihr zu treffen, denn es ginge um Leben oder Tod. Er willigt ein und trifft auf einen kleinen Jungen, ebenso alt, wie Felix heute wäre und aufgrund eines Gehirntumors dem Tode geweiht. Der kleine Junge erzählt ihm von Erinnerungen an sein früheres Leben und führt ihn in einem aufgelassen Fabrikgelände zu einer skelettierten Leiche. Noch dazu behauptet er, dass er der Mörder wäre und seiner Erinnerung nach noch mehr Menschen ermordet habe. Vollkommen verwirrt nimmt Robert Stern mit Hilfe eines ehemaligen Mandanten die Ermittlungen auf und bereut es alsbald: Denn man spielt ihm eine Nachricht zu, dass sein Sohn Felix noch am Leben sei und bei Adoptiveltern lebt. Genaueres würde er aber erst erfahren, wenn er den Mörder überführt hat.

Sebastian Fitzeks drittes Werk ist ein Psychothriller erster Güte. Die Geschichte, am Anfang nur verworren, klärt sich Seite für Seite auf und führt zu einem dramatischen Ende. Der Autor muss den Vergleich mit angloamerikanischen Kollegen nicht scheuen und wir dürfen auf seine weiteren Werke gespannt sein.


Sebastian Fitzek gibt in diesem Trailer Einblicke in seine Arbeit.
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Rezension von Edelgard Kleefisch

Robert Sterns Sohn verstarb vor 10 Jahren am plötzlichen Kindstod. Der Anwalt, dessen Ehe darüber zerbrach, lebt seither sehr zurück gezogen und nur seine Freundin Carina findet noch Zugang zu ihm. Nach außen gelingt es ihm Haltung zu wahren.

Carina, die als Krankenschwester arbeitet, bittet Stern eines Tages zu einem ungewöhnlichen Treffen, bei dem es um Leben und Tod gehen soll. Der Anwalt soll nachts zu einem verlassenen Industriegelände kommen. Mit allem hätte er gerechnet, nicht aber damit, dass Carina ihm den 10-Jährigen Simon vorstellen würde, der an einem inoperablen Gehirntumor leidet und der behauptet in seinem früheren Leben einen Menschen getötet zu haben. Als Simon ihn dann auf dem Gelände noch zu einer Leiche führt, die bereits mehrere Jahre dort gelegen haben muss, willigt er schließlich ein, dem Jungen zu helfen. Denn dieser möchte vor seinem Ableben sein Gewissen bereinigen. Wieder kommen die Emotionen in Stern hoch, denn sein Sohn wäre nun im gleichen Alter wie Simon. Als er noch eine DVD zugespielt bekommt, auf der er das Sterben seines Sohnes sieht und er von einer metallisch veränderten Stimme die Frage gestellt bekommt, ob er an die Wiedergeburt glaube, ist die Verwirrung komplett.

Ein weiterer Junge, der auch auf der DVD zu sehen ist, hat das gleiche Feuermal wie sein verstorbener Sohn. Felix. Ist dies das Zeichen für seine Reinkarnation?

Sebastian Fitzek hat mit seinem neusten Buch Das Kind wieder gezeigt, dass er zu den Großen des Genres gehört. Gleich zu Anfang schafft er es den Leser mitzureißen und der temporeiche Plot sorgt durchgehend für pralle gleich bleibend spannungsgeladene Unterhaltung. Der Autor hat sich nicht nur eine ungewöhnliche Story einfallen lassen. Auch sein Protagonist, ein Junge der an einer unheilbaren Krankheit leidet machen den Leser sehr betroffen und beim Zuschlagen des Buches kann man sich immer noch nicht des dumpfen Gefühls, der Hilflosigkeit dieser Krankheit gegenüber erwehren. Fitzek erzeugt darüber hinaus auch nachhaltige Emotionen, indem er dass ein perverses Verbrechensszenario der Kinderpornographie in die Handlung einfließen lässt.

Fazit: Raffiniert inszeniert, widmet er sich Themen die neben seiner gekonnt guten Unterhaltung den Nachgeschmack der Betroffenheit hinterlassen.
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Leseprobe – Das Kind

Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Droemer/Knaur.

http://www.droemer-knaur.de/

1.
Als Robert Stern vor wenigen Stunden diesem ungewöhnlichen Treffen zugestimmt hatte, wusste er nicht, dass er damit eine Verabredung mit dem Tod einging. Noch weniger ahnte er, dass der Tod etwa hundertdreiundvierzig Zentimeter messen, Turnschuhe tragen und lächelnd auf einem gottverlassenen Industriegelände in sein Leben treten würde. »Nein, sie ist noch nicht da. Und ich habe langsam keine Lust mehr, auf sie zu warten.« Stern sah entnervt durch die regennasse Windschutzscheibe seiner Limousine auf das fensterlose Fabrikgebäude in hundert Metern Entfernung vor ihm und verwünschte seine Anwaltsgehilfin. Sie hatte vergessen, die Verabredung mit seinem Vater abzusagen, der in diesem Augenblick wütend an der anderen Leitung hing.»Rufen Sie Carina an und fragen sie, wo sie verdammt noch mal bleibt!«Stern drückte energisch auf einen Knopf am Lederlenkrad, und nach einem atmosphärischen Knacken hörte er seinen Alten Herrn über die Lautsprecher husten. Der 79-Jährige rauchte ununterbrochen. Jetzt hatte er sich sogar für die kurze Zeit in der Warteschleife eine Zigarette angesteckt. »Tut mir leid, Papa«, sagte Stern. »Ich weiß, wir wollten heute zu Abend essen. Aber wir müssen das auf Sonntag verschieben. Ich bin zu einem völlig unerwarteten Termin gerufen worden.«
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Du musst kommen. Bitte. Ich weiß nicht mehr weiter. Noch nie zuvor hatte Carinas Stimme am Telefon so ängstlich geklungen wie vorhin. Wenn es geschauspielert gewesen war, verdiente sie einen Oscar. »Vielleicht sollte ich dir auch fünfhundert Euro die Stunde zahlen, damit ich dich mal wieder sehe«, fauchte sein Vater wütend. Stern seufzte. Er besuchte ihn dreimal die Woche, aber es hatte überhaupt keinen Sinn, das jetzt zu erwähnen. Weder die Hundertschaften gewonnener Strafprozesse noch die verlorenen Schlachten seiner zerrütteten Ehe hatten ihn lehren können, wie er in einer Auseinandersetzung mit seinem Vater die Oberhand behielt. Sobald er mit dem Alten diskutierte, fühlte er sich wieder wie das kleine Kind mit den schlechten Schulnoten, und nicht wie der fünfundvierzigjährige Robert Stern, Seniorpartner von Langendorf, Stern und Dankwitz, den führenden Strafverteidigern Berlins. »Ich habe, ehrlich gesagt, nicht die leiseste Ahnung, wo ich hier gerade bin«, versuchte er die Unterhaltung aufzulockern. »Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, irgendwo in Tschetschenien. Mein Navigationssystem hat nur mit Mühe hierhergefunden. « Er schaltete das Fernlicht seines Wagens an und leuchtete damit Teile des ungepflasterten Vorplatzes aus, auf dem sich abgerissene Stahlträger, verrostete Kabelrollen und anderer Gewerbemüll türmten. Vermutlich waren hier einmal Farben und Lacke hergestellt worden, wenn er den Berg leerer Metallfässer richtig interpretierte. Vor der baufälligen Backsteinbaracke mit dem eingefallenen Schornstein sahen sie aus wie die Requisiten eines Weltuntergangsfilms. »Hoffentlich findet dein Navigationsdingsbums später einmal den Weg zu meinem Grab«, hustete der Vater, und Stern
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fragte sich, ob diese Verbitterung erblich war. Immerhin trug er sie ansatzweise in sich selbst. Seit nunmehr zehn Jahren. Seit Felix. Die traumatischen Erlebnisse damals auf der Säuglingsstation hatten ihn auch äußerlich seinem Vater nähergebracht. Stern war vorzeitig gealtert. Früher war er noch jede freie Minute auf dem Basketballplatz gestanden, um seine Wurftechnik zu verbessern. Heute traf er kaum den Papierkorb seines Büros, wenn er vom Schreibtisch aus eine leere Getränkedose entsorgen wollte. Die meisten Menschen, die ihm nicht zu nahekamen, ließen sich vielleicht durch seine großgewachsene, schlanke Gestalt und die breiten Schultern täuschen. In Wahrheit versteckten die perfekt sitzenden Maßanzüge seine mittlerweile untrainierten Muskeln, die Augenringe wurden durch eine naturgegebene Dauerbräune kaschiert, und ein geschickter Schnitt seiner dunklen Haare verhinderte, dass die lichten Stellen über den Schläfen durchschimmerten. Morgens brauchte er nun fast eine Stunde, um die Müdigkeit aus seinem Gesicht zu schrubben, und wenn er das Bad verließ, fühlte er sich mehr und mehr wie eine lebendige Mogelpackung; ein aufpoliertes Designermöbelstück, dessen verborgene Macken erst sichtbar wurden, wenn man es im schonungslosen Deckenlicht des heimischen Wohnzimmers aufgestellt hatte. Es klopfte in der Leitung an. »Entschuldige, ich bin gleich wieder dran«, floh Stern vor weiteren Vorwürfen seines Vaters und nahm den Rückruf seiner Sekretärin entgegen. »Lassen Sie mich raten: Carina hat den Termin abgesagt?« Das würde ihr ähnlich sehen. In ihrem Beruf war sie eine
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zuverlässige und tüchtige Krankenschwester, ihre privaten Verpflichtungen organisierte sie hingegen genauso wie ihr Liebesleben: chaotisch, wechselhaft und absolut unkoordiniert. Obwohl ihre Beziehung schon vor drei Jahren nach nur wenigen Wochen in die Brüche gegangen war, telefonierten sie noch regelmäßig miteinander und trafen sich sogar manchmal auf einen Kaffee. Beides endete in der Regel im Streit. »Nein, ich konnte Frau Freitag leider nicht erreichen.« »Okay, danke.« Stern aktivierte die elektronische Zündung und zuckte nervös zusammen, als der Herbstwind unvermittelt einen Regenschwall auf die Windschutzscheibe klatschen ließ. Er schaltete die Wischer an und blieb mit seinem Blick kurz an einem rotbraunen Ahornblatt hängen, das sich außerhalb ihres Einzugsbereichs festgesaugt hatte. Dann drehte er sich um und setzte langsam mit knirschenden Reifen über den Rollsplitt zurück. »Wenn Carina sich melden sollte, dann sagen Sie ihr bitte, dass ich hier unmöglich noch länger ...« Stern stockte, als er wieder nach vorne sah und den ersten Gang einlegen wollte. Was immer da mit blinkenden Warnleuchten in zweihundert Meter Entfernung frontal auf ihn zuraste - es war nicht Carinas altersschwacher Kleinwagen. Der weiß-rote Kastenwagen schoss mit der höchsten Geschwindigkeit die Zufahrt hoch, die die Schlaglöcher erlaubten. Für einen kurzen Moment dachte Stern, der Fahrer wolle ihn tatsächlich rammen, doch dann drehte dieser ab, und der Krankenwagen kam seitlich von ihm zum Stehen. »Papa?«, aktivierte Robert wieder die andere Leitung, nachdem er sich von seiner Sekretärin verabschiedet hatte. »Mein Termin ist da, ich muss Schluss machen«, erklärte er, obwohl sein Vater bereits aufgelegt hatte. Dann drückte er die
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schwere Limousinentür gegen eine Windböe nach außen und stieg aus. Was zum Teufel will sie mit einem Krankenwagen?Carina sprang von der Fahrerseite in eine Pfütze, aber es schien ihr nichts auszumachen, dass sie damit ihre weiße Schwesterntracht mit tiefschwarzen Dreckfäden besprenkelte. Sie trug ihr langes, rotweinfarbenes Haar zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden und sah damit so blendend aus, dass Stern sie gerne in den Arm genommen hätte. Doch irgendetwas an ihrem Blick hielt ihn davon ab.»Ich stecke echt verdammt tief in der Scheiße«, sagte sie und zog eine Packung Zigaretten hervor. »Ich glaube, dieses Mal habe ich wirklich Mist gebaut.« »Was soll das Theater?«, fragte Stern. »Warum treffen wir uns nicht in meiner Kanzlei, sondern ausgerechnet hier, auf diesem ... diesem Schlachtfeld?« Jetzt, da er nicht mehr von den gut isolierten Türen seiner Limousine abgeschirmt wurde, spürte er die unangenehme Kälte des auffrischenden Oktoberwindes. Er zog seine Schultern fröstelnd zusammen. »Lass uns keine Zeit verlieren, ja? Ich hab mir den Krankenwagen nur ausgeborgt und muss ihn ganz schnell zurückbringen.« »Okay. Aber wenn du was ausgefressen hast, bespricht sich das bestimmt besser an einem zivilisierten Ort.« »Nein, nein, nein.« Carina schüttelte den Kopf und hob dabei abwehrend die Hand. »Du verstehst nicht! Hier geht's nicht um mich.« Sie ging mit festen Schritten um den Rettungswagen herum, öffnete die Hintertür und deutete ins Wageninnere. »Dein Mandant liegt da drinnen.« ..............




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