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Der Besuch der roten Katze oder Wie alles begann





1950 in Fürth geboren und aufgewachsen, lebt seit 1996 in einem alten Fachwerkgehöft in Binzwangen bei Colmberg und ist als Schriftsteller und Bildender Künstler tätig. Gerd Scherm hat eine Vielzahl von Einzelveröffentlichungen vorzuweisen, darunter Theaterstücke, Lyrikbände, Erzählungen und Romane. Bekannt wurde er auch durch seinen ironischen, mehrfach ausgezeichneten Roman „Der Nomadengott" und seine Satiren. 2006 erhielt Gerd Scherm den Friedrich-Baur-Preis für Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2007 war er Turmschreiber auf Burg Abenberg. Er ist u.a. Gastdozent für Kultur- und Religionssoziologie an der Freien Universität Berlin.



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Der Besuch der roten Katze oder Wie
alles begann

VON GERD SCHERM


Alles begann damit, dass eine rot getigerte Katze in meinem Kontor auftauchte. Meine eigenen Stubentiger duldeten sonst keine fremden Invasoren in ihrem Territorium, doch von dem kleinen Rotschopf hielten sie sich seltsamerweise fern. Warum, wurde mir klar, als die neue Katze eines Morgens zu mir sprach: »Du wirst für mich schreiben.«
»Ich habe zurzeit keinen Bock auf Tiergeschichten «, lehnte ich ab.
»Ich bin nicht irgendein Streuner, der von dir seine Memoiren geschrieben haben will. Ich bin ein Gott!« Das knurrte sie so kalt,, dass sich auf meinem Monitor Eiskristalle bildeten.
Die rot getigerte Katze entblößte langsam ihre Eckzähne. »Mach hier bloß keinen auf Jonas! Du solltest dir Umwege ersparen. Die Eingeweide eines riesigen Meeressäugers sind kein angenehmer Aufenthaltsort.«
«Wer bist du und was willst du?« ,fragte ich nun eingeschüchtert.
»Ich bin ein Gott und du sollst für mich arbeiten!«
«Verzeih, du Gott, du hast dich anscheinend im Haus geirrt. Ich bin Schriftsteller und kein Prophet. Und außerdem, warum ich?«
«Weil sich heutzutage kaum noch jemand mit Göttern und Mythen auskennt.«
Aber ich habe andere Projekte ...«
Statt einer Antwort begann mein PC zu qualmen. Ich verstand: Diese Katze, respektive dieser Gott, duldete keinen Widerspruch. Also fügte ich mich in mein Schicksal. Schließlich konnte ich nicht riskieren, dass diese kleine Gottheit durch weitere Maßnahmen mein wunderschönes altes Fachwerkhaus in Brand setzte.
»Gut! Was soll ich schreiben?«, lenkte ich ein.
»Die Geschichte von mir und meinem Propheten und den anderen Göttern und den mythischen Wesen und den dramatischen Ereignissen und den Menschen ...«
»Halt! Langsam! So wird das nichts! Gott und Propheten und so, das gibt es schon. Ist ein ziemlich dicker Wälzer und heißt Bibel.«
»Ich sehe in meiner momentanen Erscheinungsform vielleicht nicht so aus, aber ich kenne die alten Schriften. Du willst dich doch nur drücken.«
»Was springt eigentlich für mich bei der Sache heraus?«, fragte ich neugierig.
»Eine tolle Belohnung: Ich lasse dich am Leben.«
Mir schien es, als würde die Katze lachen. Es war ein sehr reißzahn-betontes
Lachen und ich denke, mein Teint färbte sich in diesem Augenblick um einige Nuancen heller. Der kleine Gott grinste wie die Edamer Katze und versprach:
»Ich sorge dafür, dass die Geschichte in einem großen Verlag erscheint. Also hör zu! Die Sache fängt im alten Ägypten an. Denk dir einen sympathischen Typen als meinen Propheten aus, so einen wie dich: klein, schmalbrüstig und Stubenhocker. Und weil er das Produkt deiner Phantasie ist, nennst du ihn am besten Seshmosis, den Sohn des Schreibers. Natürlich hat er auch Feinde. Vor allem Feinde. Aber er ist clever und führt sein Volk aus Ägypten. Obwohl ihm die Götter und der Pharao und Dämonen Steine in den Weg legen. Das Übliche eben, nur schlimmer und schräger.
Dann führst du sie hinters gelobte Land.«
»Moment mal!«, rief ich dazwischen. »Wieso sagst du >du<, wieso soll ich das tun? Das macht doch dieser Seshmosis. Und warum hinters gelobte Land? Du meinst doch sicher ins gelobte Land?«
»Hinters, glaub mir, du wirst es eines Tages verstehen. Jetzt skizziere ich erst einmal grob: Dann geht es zum Minotaurus ins Labyrinth auf Kreta. Und von dort in den Trojanischen Krieg. Danach begleitest du Odysseus auf seinen Irrfahrten. Nach einer kleinen Pause fährst du dann nach Island und triffst die germanischen Götter. Und einige Zwerge, ein achtbeiniges Pferd und ein hyperaktives Eichhörnchen. Außerdem lernst du eine Walküre kennen und triffst Siegfried und Drachen und ...« »Stopp! Das ist doch viel zu viel für ein einziges Buch!«
»Dann schreibst du eben mehrere. Schreib einfach so lange, bis alles erzählt ist.«
Und seitdem schreibe ich über GON, den kleinen Gott ohne Namen, und seinen Propheten Seshmosis. Unter Aufsicht einer rot getigerten Katze.
PS: Wie einflussreich die rote Katze ist, zeigt sich daran, dass nach „Der Nomadengott" und „Die Irrfahrer" bereits der dritte Band der GON-Saga - „Die Weltenbaumler" - im Heyne Verlag erschienen ist.

Erschienen in „NAUTILUS - Magazin für Abenteuer und Phantastik", Mai 2008
Copyright: Gerd Scherm





Veröffentlichung:


Die Weltenbaumler
Gerd Scherm
Verlag: Heyne
ISBN-10: 3453523997
ISBN-13: 978-3453523999
395 Seiten
8,95 Euro



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Während der Stamm der Tajarim in der phönizischen Stadt Byblos ein sorgenfreies Leben genießt, träumt Seshmosis von der Aufnahme in die Gilde der Schreiber – und von Tani, einer liebreizenden Priesterin. Seine Visionen von einer glorreichen Zukunft finden ein jähes Ende, als GON ihm erscheint, der Gott ohne Namen, der sich Seshmosis als Propheten erwählt hat. In Gestalt eines geflügelten Drachen offenbart er ihm, dass sein einziger Nachfahre in größter Gefahr sei. Gegen alle Proteste sieht Seshmosis sich gezwungen, aufs Neue eine Reise ins Ungewisse zu unternehmen, allein geführt von einem Gott, dessen Wirkungsradius gerade mal der Sehweite seiner kurzsichtigen Augen entspricht.

Zur selben Zeit herrscht tiefe Besorgnis im fernen Eisland. Ein vorwitziges Eichhörnchen bringt das Gefüge des Weltenbaums durcheinander, in Asgard wird ein allseits beliebter Gott ermordet, und die mythischen Tiere fliehen aus der Götterwelt, um den Widerstand gegen ihre Herren zu organisieren. Als Seshmosis an Bord der Gublas Stolz die eisige Insel erreicht, wird klar: Ragnarök, der Weltuntergang, steht bevor. Auf der Suche nach seinem Nachkommen gerät der kleine Schreiber aus Byblos unversehens in das unbarmherzige Spiel der Götter. Doch er bleibt nicht der Einzige: Auch die viel gerühmten Helden Siegfried, König Gunther und Hagen von Tronje landen im Hafen Eislands …








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