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Die Hebamme von Kerstin Cantz

 

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Die Hebamme
Kerstin Cantz
Diana Verlag
ISBN: 3453351541
410 Seiten

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Rezension von Edelgard Kleefisch


 

Gesa Langwasser will nach dem Tod ihrer Tante die Nachfolge als Hebamme antreten. Von ihr hat sie schon einiges über die Arbeit der Hebammen gelernt, doch die Geburtshilfe ist zum akademischen Fach erhoben worden, und somit muss Gesa erst eine Prüfung bei Prof. Kilian, im Accouhierhaus Haus Am Grün in Marburg ablegen. In das Gebärhaus begeben sich nur die Ärmsten oder unverheiratete Schwangere. Dort finden die Geburten unter menschenunwürdigen Bedingungen statt. Die in diesem Haus angewendeten Werkzeuge jagen den niederkommenden Frauen Angst und Schrecken ein; die Sterblichkeitsrate ist enorm hoch, doch den Frauen bleibt keine andere Wahl. Für die Ärzte sind diese Frauen eine gute Möglichkeit den weiblichen Körper und die Geburtsvorgänge zu erforschen. Gesa findet dies abschreckend, doch auch sie ist hilflos. Die Bürgerinnen vertrauen auf das Können der ortsansässigen Hebamme Elgin Gottschalk. Diese hält nichts von dem Geburtshaus und lehnt jegliche Zusammenarbeit ab. Zudem hat die Gottschalkin, wie sie von den Dorfbewohnern genannt wird, eigene Probleme. Sie hat ein Verhältnis mit dem Apotheker Lambert, der in Kürze Therese Herbst heiraten wird. Elgin beendet das Verhältnis. Lambert kann dies nicht verwinden und stürzt sie beide ins Unglück.

Es fällt sehr schwer, sich an den Schreibstil von Kerstin Cantz zu gewöhnen. Die schnellen Gedankenwechsel der Autorin tragen nicht gerade dazu bei, dass man sich im Geschehen schnell zurechtfindet. Vielleicht liegt es daran, dass die Autorin ursprünglich aus dem Bereich Drehbuch stammt. Die Einblicke in die medizinische Geschichte der Gynäkologie, dies darf man der Autorin zugute halten, hat sie sehr realistisch gegeben. Der Leser kann sich daher durchaus in die damalige Zeit versetzt fühlen. Sie beschreibt die Geburten, die zu jener Zeit mit vielen Gefahren verbunden waren, sehr faktisch. Sehr interessant sind auch beispielweise die Schilderungen, wie das Handeln zur damaligen Zeit aussah, wenn Kinder nicht die richtige Lage hatten, und für die Frauen größte Lebensgefahr bestand. Auch die hygienischen Bedingungen werden thematisch behandelt; viele Frauen und Kinder starben während oder kurz nach der Geburt. Die Hebamme kannten auch einige Kräuter, die bei ungewollten Schwangerschaften eine Abtreibung einleiteten. Viele Frauen waren von den etlichen schnell hintereinander folgenden Schwangerschaften sehr entkräftet.

Die schwierigen Lebensumstände beschreibt die Autorin so interessant, dass ein gewisser Bann zwar aufgebaut wird, der Leser benötigt meiner Ansicht nach aber bis mindestens zur Hälfte des Buches, um ein entspanntes Verhältnis zum Stil zu erhalten. Diese Tatsache erlaubt es, ein Augenmerk auf ein eventuell neues Buch Kerstin Cantz zu legen. Enttäuschend fand ich das Ende, es erweckte den Eindruck, als sei der Schluss schnell vorangetrieben worden und wirkte auf mich auch sehr verwirrend.

Fazit: Angesichts der doch stellenweise guten Ansätze, wäre es durchaus ratsam ein Augenmerk auf ein eventuell neues Buch der Autorin zu werfen.

Biographie:
Kerstin Cantz
Kerstin Cantz wurde 1958 in Potsdam geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach dem Publizistik-Studium arbeitete sie als freie Journalistin, war Redakteurin bei einem privaten Fernsehsender und schrieb Drehbücher. Die Hebamme ist ihr erster historischer Roman. Heute lebt sie mit ihrer Familie in München.


Leseprobe

Mit freundlicher Genehmigung des Diana Verlages.
www.randomhouse.de/diana

MARBURG, MÄRZ 1799

Sie hatte nicht erwartet, dass der Schmerz aus der Mitte des Rückens kommen würde, und nun zerrte er an ihr, als wollte er sie in Stücke reißen. Wenn er ihr eine Ruhepause gönnte, dann nur, um danach noch zorniger zu werden.
Feine Schneeflocken schwebten an ihr vorüber, berührten sie kaum, schienen nur die Nacht ein wenig heller zu machen, und kälter. Der Winter war noch einmal zurückgekehrt, als hätte er in den Wäldern vor den Toren der Stadt nur darauf gewartet, sie in dieser Nacht hier anzutreffen und ihr alles noch schwerer zu machen.
Alle waren gegen sie, davon war sie inzwischen überzeugt. Alle, die in den Häusern der Oberstadt schliefen. Denen es nicht passieren konnte wie ihr, schnurstracks in die Hölle zu geraten für etwas, das ohne jedes Versprechen über sie gekommen war. Das reichte, um gegen sie zu sein. Sie konnte nicht anders, als zu glauben, dass sie es verdiente. Etwas anderes hatte man ihr nicht beigebracht.
Sie lief, so schnell sie konnte, und kam doch kaum voran auf der alten Pilgerstraße, die unten an der Stadt entlangführte. Ihre Füße fühlte sie nicht mehr, sie hatten in der Kälte jede Beweglichkeit verloren, fanden keinen Halt auf dem steinigen Weg.
Sie hatte es nicht gewagt, ihre Holzschuhe mitzunehmen, denn sie musste auf ihrer Flucht jedes Geräusch vermeiden. Heute Nacht war sie das erste Mal froh gewesen über das Schnarchen der alten Textor, deren schlechter Atem ihr mehrfach ins Gesicht geschlagen war. Dann, wenn sie nach ihren Wehen gefragt hatte.
Keine der anderen Frauen hatte sie aufgehalten, und sie hatte nicht darauf geachtet, ob sie schliefen oder vielleicht wach lagen in den harten, mit muffigem Stroh gestopften Betten. In wenigen Stunden würde eine von ihnen wieder hinter die Flügel jener Tür geführt werden. Im Fortgehen hatte sie es vermieden, dort hinzuschauen, als könnten sie sich plötzlich öffnen und sie für alle Ewigkeit verschlucken.
Draußen hatte sie den Fluss gerochen und für einen Moment in Erwägung gezogen, allem ein Ende zu setzen. Doch dann war der Schmerz zurückgekommen, in einer mächtigen Welle, um sie von dem Haus nahe der Brücke fortzutreiben. Dieser Schmerz, den sie gefürchtet und den sie seit Einsetzen der Dunkelheit belauscht hatte. Sie durfte sich doch nicht verraten, denn was sie dort erwartet hätte, wäre noch schlimmer gewesen als alles, was sie bisher über sich ergehen lassen musste. Das hatte sie begriffen in den Tagen, die mit Angst begannen, noch bevor man sie rief und die Scham sie durchflutete.
Wenn die Hände der Alten sie mit rohen Griffen auf den Tisch hievten, vor die wartenden Männer.Wenn dieses Zittern durch ihren Körper lief, das sie nicht beherrschen konnte. Immer hielt sie den Blick gesenkt, sie wollte sich schützen, nur ein Versuch. Hände hatten ihren Leib betastet, waren in sie eingedrungen, als suchten sie in ihr nach einem düsteren Geheimnis. Worte, deren Bedeutung sie nicht verstand und die nie an sie gerichtet waren, sprachen sie schuldig, immer wieder, jeden Tag.
Sie wusste von Werkzeugen, mit denen sie das Leben aus ihr herauszerren würden. Sie hatte die Schreie einer Frau gehört und den barschen Ton der Alten, der diese zu einem Wimmern erstickte.
Ein leichter Wind fuhr durch die Bäume des verwilderten Parks, an dem sie vorbeimusste. Sie hörte Äste knarren und zog das Schultertuch enger um sich. Sie versuchte, ihre Schritte zu beschleunigen, und plötzlich, ohne dass erneuter Schmerz sie gewarnt hätte, spürte sie einen heißen Schwall zwischen den Beinen hervorbrechen. Sie suchte Halt, und für einen Momentspürte sie die zerfurchte Rinde eines Baumriesen so hoffnungsvoll wie eine menschliche Berührung. Ein Schluchzen stieg in ihr hoch, sie schlug die Hand vor den Mund, um es nicht herauszulassen. Mit der anderen umschlang sie ihren Bauch, der hart war und sie nach unten zog, sodass sie ihm am liebsten nachgegeben hätte. Sie wollte auf die Knie fallen, sich auf dieHände stützen, das Gewicht von ihren steifen Beinen nehmen, von den wunden Füßen. Sie wollte ihren Rücken lehnen an etwas, das sie wärmend stützte, und alles geschehen lassen, auch die Schmerzen. Sie wollte schreien.
Stattdessen setzte sie ihren Weg fort und lief weiter auf der dunklen Straße, ohne jemandes Schlaf zu stören. Sie hatte es nicht mehr weit bis zum Haus des Töpfers, dort, wo sie als Magd verdingt gewesen war, und wo man sie weggeschickthatte. Die Dienstherrin hatte gesagt, es sei zu ihrem Besten, aber sie wusste doch nicht, wovon sie redete, als sie ihr versprach, sie würden ihr helfen in jenem Haus. Sie hatte vielleichtnoch nie gehört, was die Leute erzählten. Oder doch?
Im Laufen schlangen sich die Röcke um ihre Beine, durchnässt und schwer, als wäre sie durch Schlamm gewatet. Sie stellte sich die Stiege vor und zählte im Stillen die Stufen, die außen am Haus zur Öffnung des Dachstuhls führten, wo sie das Stroh lagerten. Sie würde der Versuchung widerstehen müssen,sich unten in der Werkstatt am Brennofen aufzuwärmen, denn er wurde bewacht.Und sie würde alle Kraft brauchen, unbemerkt hinaufzukommen. Sie würde alle Kraft brauchen, ihr Kind zu gebären. Ohne einen Laut.




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