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Ein Hoffnungsstern am Himmel

Ein Hoffnungsstern


Ein Hoffnungsstern am Himmel
Elizabeth Haran
Verlag:Lübbe
ISBN-10: 3404151593
604 Seiten





Rezension von Edelgard Kleefisch

Als Estella erfährt, dass sie schwanger ist, fährt sie in das Büro ihres Mannes um ihm die freudige Mitteilung zu machen. Doch das Büro existiert nicht mehr. Völlig verwirrt und ratlos verlässt sie das Gebäude und entdeckt unter den Passanten zufällig ihren Mann James, der gerade ihre reiche Cousine Davinia leidenschaftlich küsst. Als sie ihn zur Rede stellt, verlangt er kurzerhand die Scheidung. Estella beschließt daraufhin ihrem Mann die Schwangerschaft erst einmal zu verheimlichen.

Als auch ihr Haus wegen der hohen Schulden ihres Mannes verkauft werden muss, bricht für sie eine Welt zusammen. Zunächst sucht sie bei Ihrer Tante Flo Zuflucht. Diese bringt sie dann schließlich auf die Idee, die Stelle ihres kürzlich verstorbenen Vaters zu übernehmen, dem sie jedoch niemals zuvor begegnet war. Ross Cooper lebte als Tierarzt in Kangaroo Crossing, einem kleinen Ort in Australien. Obwohl sie noch nie zuvor in ihrem erlernten Beruf gearbeitet hat, will sich der Aufgabe stellen und macht sich so mittellos auf den Weg.

Nachdem Estella nach einem stundenlangen strapaziösen Flug endlich im australischen Busch angekommen ist, ist sie schockiert. Ganze 13 Einwohner zählt Kangaroo Crossing. Doch eines ist sicher, es wird schwer werden ihr Vertrauen zu gewinnen.

Elizabeth Haran besticht durch ihren leichten flüssigen Schreibstil. Über 605 Seiten bleibt sie ihrem Stil treu und bietet ausgezeichnete Unterhaltung. Die facettenreichen Beschreibungen lassen bei dem Leser Mitgefühl für die Farmer aufkommen, die gegen Staub, Hitze, Krankheiten und die grausame nie enden wollende Dürre ankämpfen. Dass auch das zwischenmenschliche Zusammenleben unter diesen Umständen nicht einfach ist, vermag die Autorin gut darzustellen. Ein insgesamt ansprechender Roman, sogar zum Schluss mit einem Hauch von Romantik, der bevorzugt bei Leserinnen Anhänger finden wird.

Die Autorin: Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Mit ihrer Familie lebte sie zunächst in London und wanderte dann nach Australien aus. Heute lebt sie in Südaustralien, nahe dem Barossa Valley. Im Lübbe Verlag sind von ihr weitere Romane erschienen.


Leseprobe

Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Lübbe

Ein Hoffnungsstern am Himmel

1

London, 1954

Tut mir Leid, dass Sie warten mussten, Estella, sagte Dr. Blake, als er wieder ins Sprechzimmer kam. Die Untersuchung hat etwas länger gedauert als üblich. Meine neue Assistentin ist noch ein bisschen unsicher. Ein Glück, dass sie nicht bei jeder Spritze in Ohnmacht fällt ...
Bitte, Dr. Blake, wie lautet das Ergebnis?
Arthur Blake spürte Estellas Ungeduld, und so teilte er ihr die Neuigkeit sofort mit.
Ihre Vermutung war richtig, Estella. Sie sind schwanger. Ich gratuliere!
Zu Dr. Blakes Erstaunen schien Estella alles andere als glücklich zu sein. Über seinen unordentlichen Schreibtisch hinweg sah er, dass sie auf der vordersten Kante des Stuhles saß, die unruhigen Finger im Schoß ineinander verschlungen. Sie hielt den Kopf gesenkt. Als sie ihn wieder hob, sah er Tränen in ihren großen grünen Augen und auf ihren blassen Wangen glitzern.
Ich weiß nicht, ob die Neuigkeit wirklich ein Grund für Glückwünsche ist, Dr. Blake.
Der Arzt war ein älterer Herr und schon vor Estellas Geburt Hausarzt ihrer Familie gewesen. Er hatte sie auf die Welt geholt, und es brach ihm fast das Herz, sie nun so unglücklich zu sehen.
Was ist denn, Estella? Möchten Sie das Kind nicht?
Sie nickte, schüttelte dann jedoch den Kopf, um Dr. Blake gleich darauf durch ein erneutes Nicken zu verwirren.
Es tut mir Leid, dass ich so sentimental reagiere, Dr. Blake. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich eine ruhige, sachliche Frau, aber zurzeit breche ich beim geringsten Anlass in Tränen aus und widerspreche dem armen James in fast allem, was er sagt.
Der Arzt kam um den Tisch herum und nahm ihre Hand. Das ist unter diesen Umständen ganz normal, Estella. Ihr Körper macht dramatische Veränderungen durch.
Wollen Sie damit sagen, dass diese Empfindlichkeit die ganze Schwangerschaft hindurch anhält?
Nein, Ihre Gefühlswelt beruhigt sich schon wieder. Und machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie ab und zu ein bisschen vergesslich sind – das ist völlig normal. Leiden Sie unter morgendlicher Übelkeit?
Manchmal fühle ich mich unwohl, ja, aber zu ganz unterschiedlichen Zeiten.
Diese Übelkeit muss nicht unbedingt nur am Morgen auftreten. Zu allen Tageszeiten kann Ihnen vorübergehend schlecht sein. Außerdem kann Ihr Geschmacksempfinden sich verändern. Es ist möglich, dass Sie den Geruch von Speisen, die Sie sonst gern gegessen haben, plötzlich nicht mehr ertragen, oder Sie entwickeln eine Vorliebe für Dinge, die Sie vorher nie mochten ...
Du liebe Zeit, das hört sich ja schrecklich an!
Ob Sie’s mir glauben oder nicht, Estella, es wird im Gegenteil wunderschön!
Die junge Frau schluchzte. Ich habe Biologie, Anatomie und Physiologie studiert. Da sollte man doch meinen, ich wüsste über alle körperlichen und seelischen Veränderungen in der Schwangerschaft Bescheid ...
Dr. Blake ließ sich auf der Ecke seines Schreibtisches nieder und erwiderte lachend: Sie haben Tiermedizin studiert, Estella, und alles über Hunde und Katzen, Pferde und Kühe gelernt – aber nicht über Menschen. Deren Gefühlswelt ist schon ein wenig komplizierter als die der Tiere. Er runzelte die Stirn. Oder macht Ihnen der Gedanke Sorgen, was James zu der Schwangerschaft sagen wird?
Estella nickte, und ihre Augen schimmerten schon wieder verdächtig. Er ist noch nicht bereit, die Rolle eines Vaters zu übernehmen.
Ob er bereit ist oder nicht, jetzt muss er sich damit abfinden. Und Sie dürfen sich nicht aufregen, das bekommt weder Ihnen noch dem Kind. Ich bin überzeugt, James wird begeistert sein, wenn er sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat. Dr. Blake reichte ihr ein sauberes Taschentuch.
Da bin ich nicht so sicher, sagte sie. Wann immer ich dieses Thema angesprochen habe, wollte er gar nicht erst darüber reden.
Aber Ihre Ehe ist doch glücklich?
Ja. Nur ... James ist im Grunde seines Herzens noch ein großer Junge.
Arthur Blake lächelte und zwinkerte ihr beruhigend zu. Ich fürchte, daran wird sich auch nichts ändern, bis er wirklich Verantwortung tragen muss. Ein ganzes Jahr lang waren Sie zu zweit und mussten an niemand anderen denken – also gab es für James keinen zwingenden Grund, erwachsen zu werden. Sicher ist seine Arbeit als Anwalt sehr anstrengend, aber Sie haben zusammen alles genießen können, was London an gesellschaftlichen Ereignissen zu bieten hat.
Ja, das stimmt. Und James schätzt das gesellschaftliche Leben sehr. Ich glaube nicht, dass er darauf verzichten will. Aber als Mutter werde ich nicht so viele Partys und Bälle besuchen können, wie wir es jetzt tun, nicht einmal, wenn wir jemanden einstellen.
Es ist ein sehr schöner Tag, Estella. Sie sollten einen Picknickkorb packen und James im Büro mit der Nachricht überraschen. Gehen Sie mit ihm in den Hyde Park, und erzählen Sie ihm die große Neuigkeit. Dann werden Sie sehen, dass Ihre Sorgen völlig unbegründet waren.
Estella stand auf. Ich nehme an, früher oder später werde ich es ihm sagen müssen.
Allerdings. Und was fühlen Sie selbst in dieser Sache? Freuen Sie sich auf Ihr erstes Kind?
Estella legte eine Hand auf ihren Leib und versuchte sich das Leben vorzustellen, das in ihr heranwuchs. Ein zaghaftes Lächeln legte sich auf ihre schönen Züge, gepaart mit einem Ausdruck des Erstaunens. Dr. Blake liebte diesen Ausdruck auf den Gesichtern von Frauen, die ein Kind erwarteten. Es waren die Momente, in denen er seine Arbeit am liebsten tat.


In Gedanken verloren schlenderte Estella unter dem Glasdach der Burlington-Arkaden entlang. Irgendwann blieb sie stehen, um ein hübsches Tweedkostüm zu bewundern, das ihr ins Auge fiel. Der wadenlange graue Rock und die passende hüftlange Jacke hätten ihre schlanke Figur gut zur Geltung gebracht. Der Gedanke, dass ihre Körperformen sich bald verändern würden, zauberte ein nachdenkliches Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie fragte sich, ob sie wirklich bereit war für alles, was mit ihr geschehen würde.
Als sie sich umwandte, sah sie ihr Spiegelbild in der Schaufensterscheibe. Sie trug ein cremefarbenes wadenlanges Kleid, dessen weit schwingender Rock mit roten Rosen bedruckt war; dazu rote Schuhe und einen passenden Hut mit breiter Krempe. Sie versuchte, sich ihren schwangeren Leib vorzustellen, die geschwollenen Füße ... Würde James sie unattraktiv finden?
So ein Unsinn!, murmelte sie ärgerlich. James liebt dich, und er wird auch unser Kind lieben. Obwohl James dazu neigte, seinen Schwächen und Leidenschaften nachzugeben, war Estella sicher, dass er ein wunderbarer Vater sein würde. Sie hoffte, einen Sohn zu bekommen, mit dem James im Park Fußball spielen konnte. Er war immer sehr sportlich gewesen, besonders während seines Studiums; deshalb zweifelte sie nicht daran, dass auch er gern einen Sohn hätte.
Estella öffnete die Tür zu James’ Büro, das er in einem Gebäude am Grosvenor Square gemietet hatte – und blieb verwundert stehen: Statt wie erwartet Miss Frobisher zu sehen, die Sekretärin ihres Mannes, stand sie vor einer Frau mit breiten Schultern, kräftigen Armen und einschüchterndem Blick, die eher für den Posten der Leiterin des Obdachlosenasyls in Ealing geeignet schien. Nach einem Blick auf den Berg von Sandwiches und Kuchen auf dem Tisch, der Estella seltsam fremd vorkam, wurde ihr klar, dass sie die Frau beim Mittagessen störte. Entschuldigen Sie, wo ist Miss ... Frobisher?
Wer ist Miss Frobisher?, fragte die Frau, die eben in ein dickes Sandwich hatte beißen wollen, unfreundlich zurück.
Die Sekretärin meines Mannes. Ist sie krank?
Ich arbeite für Mr. Cook, und Sie sind ganz sicher nicht seine Frau.
Estella wurde von einem eisblauen Augenpaar mit durchdringendem Blick gemustert. Normalerweise hätte sie sich jetzt kerzengerade aufgerichtet, doch so, wie sie sich im Moment fühlte, hätte sie sich am liebsten umgedreht und die Flucht ergriffen. Ich bin Mrs. Lawford, sagte sie leise. Und ich kenne keinen Mr. Cook.
Und ich kenne keinen Mr. Lawford. Die eisigen blauen Augen wurden schmal, als die Frau ihr Sandwich widerstrebend auf den Tisch legte. Sie erhob sich und kam auf Estella zu. Ihre ganze Haltung drückte aus, dass sie die Besucherin am liebsten auf nicht eben freundliche Art hinauskomplimentiert hätte. Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Büro sind, Mrs. Lawford?, fragte sie mit kaum verhohlener Ungeduld.
Ich weiß doch, wo mein Mann arbeitet!, entgegnete Estella mit einem Blick auf die Mattglasscheibe in der Tür. Alarmiert stellte sie fest, dass das Schild mit der Aufschrift james lawford rechtsanwalt verschwunden war, und brach mit einem Mal in Tränen aus. Sie kam sich albern vor, konnte aber nichts dagegen tun. Wie war es möglich, dass sie das Büro ihres Mannes nicht fand?
Sofort entdeckte Edwina McDonald ihre mütterliche Ader. O je, was ist mit Ihnen, meine Liebe?
Ich weiß es selbst nicht, erwiderte Estella kläglich. Ich wollte doch nur meinen Mann zu einem Picknick einladen und ihm sagen, dass ich ... wir erwarten unser erstes Kind, und ... und nun kann ich sein Büro nicht finden. Es tut mir Leid ...
Schon gut. Mir ist es bei jedem meiner fünf Sprösslinge genauso gegangen. Zum Glück sind sie inzwischen erwachsen!
Estella versuchte vergeblich, sich ihr Gegenüber als zärtliche Mutter vorzustellen.
In diesem Moment betrat ein Mann in mittleren Jahren das Büro und zog seine Jacke aus. Ist schon ziemlich warm draußen, meinte er und wandte sich dem Schreibtisch zu. Als er die schluchzende Estella sah, fragte er seine Sekretärin mit einem verwunderten Blick: Ist etwas passiert, Edwina?
Nein, Mr. Cook. Mrs. Lawford geht es sicher gleich wieder besser. Sie sucht ihren Mann und hat sich in der Tür geirrt.
Aber ich war sicher, dass es hier ist, beharrte Estella. Ich bin hier doch im Edmund-Foley-Gebäude, nicht wahr?
Ja, allerdings.
Und an der Tür steht die Nummer sechs, also muss das hier das Büro meines Mannes sein.
Wir sind jetzt seit ungefähr einem Monat hier, Mrs. ... Lawford, nicht wahr?, fragte Mr. Cook.
Estella nickte.
Ah, dann ist Ihr Mann sicher James Lawford, der Anwalt?
Genau. Estellas Miene hellte sich auf. Also war sie doch nicht dabei, den Verstand zu verlieren!
Das hier war früher sein Büro. Ich hatte meines direkt gegenüber, bevor ich hier eingezogen bin.
Oh. Und wo ist mein Mann jetzt, Mr. Cook? Haben Sie die Büros getauscht?
Mr. Cook schien sich plötzlich nicht mehr wohl in seiner Haut zu fühlen. Nein, Mrs. Lawford. Ihr Mann hat hier kein Büro mehr.
Verwirrt fragte Estella: Wollen Sie damit sagen, er hat sein Büro in ein anderes Gebäude verlegt?
Das nehme ich an.
Aber warum?
Brian Cook fühlte sich immer unbehaglicher; außerdem tat Estella ihm Leid. Ich glaube, es war eine ... nun ja, geschäftliche Entscheidung.
Oh. Estella nahm an, dass James ein größeres, besseres Büro gefunden hatte. Er hatte des Öfteren davon gesprochen, dass er gern in größeren und moderneren Räumen arbeiten würde. Sie wissen nicht zufällig, wo sich sein neues Büro befindet, Mr. Cook?
Ich fürchte, er hat keine Adresse hinterlassen, Mrs. Lawford. Nur unbezahlte Rechnungen, fügte er in Gedanken hinzu. Brian Cook sah Estella ihr Befremden deutlich an. Er warf einen Blick auf den Picknickkorb in ihrer Hand, und seine Haltung wurde freundlicher. Vielleicht hat er es Ihnen ja erzählt, und Sie haben es bloß vergessen? Auch ich vergesse ständig irgendetwas.
Ich glaube kaum, dass ich etwas so Wichtiges vergessen würde, aber Sie haben Recht ... mein Arzt hat mir eben erst gesagt, dass so etwas in meinem Zustand normal ist.
Brian Cook warf Edwina einen fragenden Blick zu, und diese sagte leise: Sie erwartet ein Kind!
Estella blickte Mr. Cook an und begriff allmählich, dass er sich bemühte, ihr weitere Peinlichkeiten zu ersparen. Doch es war zu spät – sie hatte sich in ihrem Leben noch nie so gedemütigt gefühlt. Ich komme mir schrecklich albern vor. Tut mir Leid, dass ich Sie gestört habe.
Sie haben uns nicht gestört, Mrs. Lawford, sagte Mr. Cook und geleitete sie bis auf den Korridor.
Wann haben Sie dieses Büro übernommen, sagten Sie?, fragte Estella leise und versuchte fieberhaft, den Aussagen Mr. Cooks einen Sinn zu entnehmen.
Cook steckte den Kopf ins Büro, um seine Sekretärin zu fragen. Es ist sogar schon mehr als einen Monat her, nicht wahr, Edwina?
Morgen sind es fünf Wochen, erwiderte die Sekretärin ein wenig ungehalten, da sie sich gerade einen Bissen Cornedbeef-Sandwich in den Mund geschoben hatte.
Verwirrt und ratlos wandte Estella sich zum Gehen.
Draußen, im hellen Sonnenlicht, blieb sie stehen und las die in Stein gemeißelte Inschrift über dem Hauptportal des Gebäudes: edmund foley 1785. Sie hatte zwar nicht an den Worten Mr. Cooks gezweifelt, musste sich trotzdem aber noch einmal vergewissern, dass sie keinen Fehler gemacht hatte. James schien wirklich das Büro gewechselt zu haben, aber warum hatte er ihr nichts davon gesagt? Jeden Morgen machte er sich um die gleiche Zeit auf den Weg zur Arbeit, und jeden Abend kam er zwischen sechs und sieben Uhr zurück, je nachdem, wie viele Mandanten er gehabt hatte. Meist war er dann müde und ging nach dem Abendessen schlafen. Estella wusste nicht, was sie denken sollte. Sie konnte unmöglich vergessen haben, dass ihr Mann in ein anderes Büro umgezogen war! Andererseits war sie in letzter Zeit tatsächlich ungewöhnlich erschöpft und vergesslich gewesen und hatte erst an diesem Vormittag den Grund dafür erfahren. Der Gedanke an das Baby zauberte den Hauch eines Lächelns auf ihr Gesicht, das jedoch rasch wieder verblasste.
Estella seufzte tief, als sie daran dachte, dass sie James nun erst am Abend von ihrer Schwangerschaft erzählen konnte. Sie wusste, dass es albern war, doch sie fühlte sich deprimiert und sehr allein, und in ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Wieder begann Estella zu weinen.
Verflixt!, rief sie sich dann selbst zur Ordnung und wischte die Tränen mit einer ungeduldigen, zornigen Bewegung fort. Es geht nicht an, dass du als heulendes Nervenbündel durch die Gegend läufst! Nach einem Blick auf den Picknickkorb beschloss sie, allein im Park zu Mittag zu essen. Dort würden ihr wenigstens die Tauben Gesellschaft leisten.


Entschlossen ging Estella über die Straße. Sie hörte nicht, wie der Fahrer eines Austin bewundernd hinter ihr her pfiff, noch vernahm sie das Mittagsläuten des Big Ben. Als sie sich dem Grosvenor Hotel näherte, grübelte sie immer noch darüber nach, wie sie wohl vergessen konnte, dass James ein anderes Büro bezogen hatte. Konnte das wirklich sein? Estella musste sich eingestehen, dass sie sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, seit sie vermutete, schwanger zu sein. James hatte sogar Bemerkungen über ihre Vergesslichkeit gemacht, doch sie hatte ihm nichts von ihrem Verdacht erzählt. Ihre Angst vor seiner Reaktion war zu groß gewesen.
Estella erschrak, als sie mit einer hochschwangeren Frau zusammenstieß. Sie entschuldigte sich, aber die Frau lächelte ihr freundlich zu, bevor sie weiterging. Plötzlich sah Estella ihren Mann aus dem Grosvenor Hotel kommen. Erstaunt beobachtete sie, wie er ein Taxi heranwinkte. Sie wunderte sich über sein Äußeres, das nicht so makellos war wie üblich, und fragte sich, wohin er wohl fahren wollte. In dem Moment entdeckte sie ihre Cousine Davinia.
Na, so was, murmelte Estella. James muss ihr zufällig begegnet sein.
Es musste sich tatsächlich um einen Zufall handeln, denn James hatte nicht erwähnt, dass er sich mit Davinia treffen wollte – oder doch? Wie dem auch war, Estella hatte Mitleid mit James, denn Davinia war ausgesprochen exaltiert. Seit dem Tod ihres dritten Ehemannes zogen sich selbst geduldige und verständnisvolle Menschen von Davinia zurück. Unter dem Vorwand, einen Rat oder Unterstützung zu suchen, nahm sie jeden sofort ganz in Beschlag. Wegen seiner Hilfsbereitschaft war James sicher eine leichte Beute. Er war galant, aufmerksam und sanft, und viele Frauen schwärmten von seinem Charme. Estella vertraute ihm vorbehaltlos; niemals würde James sie betrügen.
Sie ging auf die beiden zu, froh und dankbar, dass sie nie Anlass zur Eifersucht hatte, als James Davinia plötzlich in die Arme schloss.
Estella blieb stehen. Fassungslos beobachtete sie, wie ihr Mann ihre Cousine leidenschaftlich küsste – vor allen Leuten, die um diese Mittagsstunde auf dem Grosvenor Square unterwegs waren. Sie merkte, wie ihr die Knie zitterten. Mit dem Gefühl tiefster Demütigung sah sie die glühenden Blicke, die James und Davinia tauschten, während er sie zärtlich an sich zog und mit dem Handrücken sanft ihre Wange berührte. Offensichtlich waren sie sich der Blicke und des Getuschels der Vorübergehenden nicht bewusst, und keiner von beiden sah Estella, die nicht mehr als zehn Schritte von ihnen entfernt stehen geblieben war. James und Davinia befanden sich in ihrer eigenen Welt – einer Welt, von der Estella bisher geglaubt hatte, sie gehöre ihr ganz allein.
Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie Davinia ins Taxi steigen sah. Durch das hintere Fenster lächelte sie James liebevoll zu. Ihre blonden, kunstvoll frisierten Haare umrahmten ihr hübsches Gesicht. Tränen stiegen Estella in die Augen, als James dem davonfahrenden Wagen hinterherblickte, als könne er sich nicht von der Frau losreißen, die darin saß. Estella wäre am liebsten geflohen, doch ihre Beine fühlten sich so schwer an, als wären sie aus Blei. Sie wünschte sich sehnlichst, die letzten Minuten aus ihrem Gedächtnis löschen und zu jenen Tagen zurückkehren zu können, als sie noch nichts vom Betrug ihres Mannes geahnt hatte. Es brach ihr fast das Herz, als sie an das Baby dachte. Wie kannst du mir so etwas antun, James, flüsterte sie und legte unwillkürlich eine Hand auf ihren Leib. Tränen strömten ihr über die Wangen. Warum?, sagte sie leise. Ich brauche dich doch ... Ich brauche dich jetzt mehr als je zuvor. In diesem Augenblick verwandelte ihre Verzweiflung sich in Wut.
Mit der selbstzufriedenen Miene eines von der Liebe gesättigten Mannes beobachtete James, wie Davinias Taxi sich hinter einem roten Doppeldeckerbus in den Verkehr einfädelte und in Richtung Park Lane fuhr.
Estella ging zu ihm hinüber, zitternd vor Zorn.
Als James spürte, dass jemand neben ihm stand, wandte er sich um. Estella! Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Estellas Blick sagte ihm deutlich, dass sie Zeuge des rührenden Abschieds von seiner Geliebten geworden war.
Du erinnerst dich also noch an mich – Estella Lawford, die seit kaum einem Jahr deine Frau ist? Sie starrte ihn finster an. Und bis vor einer Minute habe ich nicht mal geahnt, dass mein geliebter Mann in aller Öffentlichkeit einer Affäre mit meiner lebenslustigen Cousine frönt, die nicht viel intelligenter ist als ein Regenwurm und deren Mann gerade erst unter der Erde liegt!
James geriet in Panik, denn Estella hatte so laut gesprochen, dass sie die Aufmerksamkeit anderer, ebenfalls auf Taxis wartender Hotelgäste erregte. Er nahm ihren Arm und versuchte sie fortzuziehen, doch Estella rührte sich nicht von der Stelle.
Können wir nicht irgendwohin gehen und wie zivilisierte Menschen über diese Sache sprechen, Estella?
Wieso? Gerade eben hat es dir nichts ausgemacht, deine Affäre öffentlich zur Schau zu stellen. Sie schüttelte den Kopf. Wie konntest du mich so demütigen? Ich komme gerade von deinem Büro und habe mich dort schon schrecklich blamiert, als ich erfahren musste, dass du gar nicht mehr dort arbeitest – und das schon seit fast fünf Wochen!


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© 2003 by Elizabeth Haran
© für die deutschsprachige Ausgabe 2004 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach - All rights reserved.

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