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Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht




Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht
Paul Bourget, Jules Barbey d´Aurevilly
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
ISBN-10: 3882217022
ISBN-13: 978-3882217025
158 Seiten
17,80 Euro



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Rezension von Daniel Bigalke


Der universelle Konformismus war seit jeher dem sozialen Typus des Dandys ein Dorn im Auge. Der Dandy will gefallen. Dennoch provoziert er mit dem, was er sagt und mit dem, was er angezogen hat, um den universellen Konformismus zu brechen. Er ist ein Mensch der Gesellschaft, auch wenn er sie verachtet und mit einer solchen Eitelkeit übertüncht, die zugleich Ausdruck innerer Sensibilität ist.

Zu diesem Typus gehört Barbey d’Aurevilly, geboren 1808 in Saint-Sauveur-le-Vicomte (Manche). Mit Melancholie und ätzendem Spott reagierte der Fortschrittsskeptiker auf den Untergang der christlich-feudalen Welt und auf die beginnende Moderne. Seine nun endlich vorliegenden Aphorismen sind provozierend und unzeitgemäß. Seine Bosheiten, Spitzfindigkeiten und Klugheiten führen uns einen Mann vor Augen, bei dem die Leidenschaften immer noch vor den Überzeugungen kamen, er deshalb stets eher Polemiker als Christ war, obwohl er gerade damit als entschiedener Christ lebte. Zeitgenossen sagten über ihn: "Er schreibt wie ein Engel oder wie ein Teufel." (132) - Man erinnere sich an die bemerkenswerten Worte Ernst Jüngers über Leon Bloy, Bloy sei ein Zwillingskristall aus Diamant und Kot.

Die Konvergenz des sich Ausschließenden scheint Grundvoraussetzung für das Wesen des Genius zu sein. Barbey nun, der selbst aus christlichem Glauben heraus der Leidenschaft des Duellierens offen gegenüber stand, kann als solcher gelten. Er begeisterte sich für die Sünde und tat damit seinen Glauben kund - durch Lästerung über die Allgemeinplätze, die er so verachtete. Und das machte diesen Lästerer vor der Hölle sicher, denn in Vielem hatte er einfach recht:

"Bücher muß man mit Büchern bekämpfen, wie Gifte mit Gegengiften; würde unsereins sonst schreiben?" (19)

"Nichts zeigt die Nichtigkeit des Lebens besser als der Tod großer Menschen und die Leichtigkeit, mit der die dumme Welt auf sie verzichten kann." (33)

"Es gibt gelegentlich eine Art Gewandtheit in der Unbeholfenheit, die, so scheint mir, anmutiger ist als die Anmut selbst." (82)

Barbey schreibt zum Zwecke eigener Konfliktbewältigung mit der Konsequenz eines apolitischen Denkens, welches darin gerade politisch ist und sich vom Apolitismus des Mitläufers absetzt. Den außengeleiteten Verhaltensmustern und der Apathie des Mitläufertums als Modifikation von Verfall, von diaphtora, setzt er die Medizin, vielmehr das Gift der maßlosen Polemik entgegen, deren Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in jedem Aphorismus dennoch zu spüren ist. Witzige, originelle, treffende Formulierungen sind Barbey d’Aurevilly nur so zugeflogen. Der große Dandy und Plauderer unterhielt ganze Salons damit. Einen Eindruck von dieser Gabe vermitteln jene Aphorismen, die hier zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen.

Sie kreisen um seine großen Themen: Liebes- und Lebenslügen, gesellschaftliche Codes und Abgründe, Dandytum, die Einsamkeit des Künstlers, seine Selbstinszenierungen und seine Masken, die das Elend der Lebensfristung ästhetisch aufzuwerten trachteten. Barbey mußte jede Woche ein Buch lesen und besprechen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er nannte dieses "in Konklave gehen" - und trotzdem wurde sein Lohn gekürzt. Dennoch, in seiner Kraft, widrigen Schicksalsschläge standzuhalten, die sich als Spott tarnte, lag sein Lebensrezept.

Krankhafte Empfindlichkeit verbarg sich hinter kühnen Paradoxa, Sinn für Romantisches und die Liebe zu seiner Mutter hinter argwöhnischer Menschenscheu. Die Waffe dieses Unangepaßten blieb bis zuletzt geladen; es war das Wort. Dies war das Ausdruckmittel eines menschgewordenen Idealismus, der sich vornahm, sich nicht zu ergeben und dies bis zuletzt im Jahre 1889, als das hochmütige Gesicht von Leid gezeichnet war, auch nicht tat.


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