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Daniela Matijevic, 1975 geboren und lebhaft in Osnabrück war 4 Jahre als Rettungssanitäter bei der Bundeswehr. Danach studierte sie Jura, ist allerdings heute hauptberuflich Schriftstellerin.

 

 

 

 

 

(Foto Copyright: Kay Blaschke)

 

Flashback

VON DANIELA MATIJEVIC

Ich bin mir dessen bewusst, dass wahrscheinlich nur ein Bruchteil derer, die mein Buch „Mit der Hölle hätte ich leben können" lesen, überhaupt wissen, was ein Flashback ist, respektive wie er sich anfühlt, was er mit einem macht.

Ich versuche, Ihnen das zu beschreiben...

Der Flashback schleicht sich an wie ein Niesen. Ich spüre, wie es in meinem Kopf anfängt wie in einem Bienenstock zu vibrieren. Der Boden unter mir wird weich wie Watte und es scheint, als würde ich in ihm versinken. Alles um mich herum verschwimmt, ich bekomme einen Tunnelblick und bin nicht mehr in der Lage, Dinge wirklich an zu visieren. Je mehr ich versuche, diesem Gefühl zu entrinnen, desto mehr hat es mich in seiner Gewalt.

Plötzlich fällt ohne Vorwarnung ein Vorhang vor meinen Augen. Ich komme mir vor, als würde ich in einem alten, verwitterten, nach Tod und Verwesung stinkenden Kino sitzen, dessen einziger Gast ich bin. Die Platzanweiser tragen dunkle Fräcke und beobachten jede einzelne meiner Bewegungen.

Auf einmal geht der Film los. Was genau er zeigt, bestimmt der Filmvorführer - in meinem Fall ein vor sich hingrinsendes, bösartig lachendes Skelett.

Einer der meistgezeigten Filme in meinem ganz persönlichen Alptraum von Flashback ist die Situation mit den beiden Mädchen, die mir vor der Nase explodiert sind. Es ist nicht so wie in einem schlechten Alptraum, nein, ich ERLEBE die Dinge jedes Mal wieder.

Bei jedem Flashback sehe ich die Kinder vor, während und nach der Explosion.

*Ich rieche die kosovarische Luft, die ich tief in meine Lungen ziehe, als ich den Wolf (die militärische Golf-Ausgabe von Mercedes, allerdings fast ungepolstert und sagenhaft unbequem) verlasse.

*Ich spüre die Sonne, wie sie heiß und erbarmungslos auf meinen Helm brennt und meinen Kopf zu einem einzigen Dampfkochtopf werden lässt.

*Ich sehe die beiden Mädchen, wie sie kichernd und giggelnd auf uns zu kommen.

*Ich höre, wie ich die beiden bitte uns zum Dorfältesten zu führen.

*Ich schaue den beiden amüsiert über ihren Frohsinn hinterher, wie sie über die Wiese laufen.

*Ich höre die unsagbar laute Explosion. Ein Geräusch, das sämtliche Sinne meines Gehörs einnimmt und es mit wahnsinniger Gewalt an sich reißt.

*Ich rieche die Explosion. Fragen Sie mich nicht WIE das riecht. Es riecht einfach.

*Ich spüre etwas Nasses im Gesicht und an meinen Armen.

*Ich schmecke Blut in meinem Mund, von dem ich nur langsam registriere, dass es nicht von mir ist!

*Ich bemerke die Panik, die in mir aufsteigt.

*Ich bekomme Todesangst.

*Ich sehe an mir herab und bemerke das unglaublich viele Blut.

*Ich mache in Gedanken schon meinen Frieden mit der Welt, weil ich denke, es wäre MEIN Blut.

*Ich registriere, dass mir nichts fehlt und ich unversehrt bin.

*Ich schaue auf und registriere Körperteile. An mir, um mich herum.

*Ich kann mich nicht mehr bewegen...

Das alles geht innerhalb von Sekundenbruchteilen durch meinen Kopf und alle, die sagen „Reiß dich doch zusammen, das ist passiert und vorbei!"

haben keine Ahnung, dass diese Flashbacks keine Spiegelung der Vergangenheit sind, sondern bei jedem Mal wieder passieren. Genauso intensiv, genauso haarsträubend, genauso beängstigend.

Ich habe viel über die Therapie dieser Flashbacks gelesen, respektive am eigenen Leib erfahren dürfen, doch geholfen hat es bei mir nicht. Meine Flashbacks bleiben ein autonomes Zentrum, als mahnende Botschaft mitten im Niemandsland Daniela, welches gebeutelt und seelisch verarmt um Reste kämpft, die lebenswert oder zumindest ertragbar zurück gelassen wurden.

Meine Hoffnung, dass meine Flashbacks im Laufe der Jahre abnehmen oder gnädigerweise hinnehmbarer werden, hat sich als Makulatur erwiesen. Nichts ist besser, anders oder erträglicher. Doch was sich im Laufe der Zeit ändert, ist die Einstellung dazu. Ich habe akzeptiert, dass sie Bestandteil meines Lebens geworden sind. Sie sind jedes Mal wieder grausam, unfassbar und lähmend, aber mein Wissen, dass ich es auch dieses Mal überleben werde, lässt mich mittlerweile ein wenig Routine in dem Wahnsinn verspüren. Das ist nicht wirklich tröstlich, aber was soll ich Fakten beweinen, die nicht zu ändern sind? Hilft es einem Diabetiker der Zeit nachzutrauern, in der er ohne Reue eine Tafel Schokolade essen konnte? Bringt einem Querschnittsgelähmten die Frage, was geschehen wäre, wenn...die Kontrolle über seine Beine zurück?

Eben! Es gibt ein schönes Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme:

„Wenn wir etwas nicht ändern können, dann müssen wir wohl damit leben!"

Denken Sie aber nicht, dass die Flashbacks nach einiger Zeit vorhersehbarer wären, oder planbarer. Nein, sie kommen und gehen wann SIE wollen. Ich habe in diesem kleinen diktatorischen Staat namens Kopf schon lange nicht mehr das Sagen!

Im Laufe der Jahre sind mir viele ehemalige Kameraden begegnet, die ebenfalls unter Flashbacks leiden. Doch man kann keinen mit dem anderen vergleichen. Ein jeder zeigt sich anders, hat andere Auslöser. Die einzige Konstante, die wir wohl zu haben scheinen, ist, dass man plötzlich aus dem Körper gerissen zu sein scheint. Man steht wie angegossen da, kann sich nicht mehr bewegen und der Blick geht in eine ungeahnte Ferne. Manchmal nach ein paar Augenblicken, manchmal aber auch erst nach langen, langen, langen Minuten ist man erst wieder in der Lage sich überhaupt zu bewegen, spürbar zu atmen.

Einige weinen nach einem Flashback. Manche kriegen Adrenalinschübe oder werden aggressiv. Mich lähmt er und hält mich gefangen in dem Kino, dessen Popcorn aus Leichenteilen besteht und dessen Getränke Blut sind.

Und am Ende eines jeden Flashbacks sehe ich mich in Tetovo, Albanien, (von dort aus sind wir am Tag vor meiner Ankunft im Einsatz in den Kosovo gestartet. Dort hat alles begonnen, aber dort hat es nie mehr aufgehört. Aber dazu an anderer Stelle mehr) mit gepacktem Rucksack und abflugbereit am Flughafen stehen. Darauf wartend, dass mich, also wirklich mich, die alte Daniela, ein Flugzeug abholt und endlich nach Hause bringt.

Ich stehe noch immer dort und bete zu Gott, man möge mich nicht vergessen haben...

Bis heute ist das Flugzeug nicht gekommen.

 

 

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Mit der Hölle hätte ich leben können
Daniela Matijevic
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-10: 3453170725
ISBN-13: 978-3453170728
240 Seiten
19,99 Euro


Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten:


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Was der Krieg vom Leben übriglässt

Wir schicken unsere Soldaten in alle Welt. Daniela Matijevic ist eine von ihnen. Als Rettungssanitäterin hat sie Dinge erlebt, die die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen. Die unfassbare Brutalität, die sie völlig unvorbereitet trifft, hat tiefe Wunden in ihrer Seele hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind. In ihrem Kopf hat der Krieg nie aufgehört, sie ist hochgradig traumatisiert, an ein normales Leben ist nicht zu denken. Ein aufrüttelnder Erfahrungsbericht, der zeigt, dass der Krieg alle zu Opfern macht.

Kurz nach ihrer Ausbildung wird Daniela Matijevic völlig unerwartet zu einem Einsatz in den Kosovo geschickt. Sie will helfen und muss erleben, wie Gewalt und Verrohung um sich greifen und auch vor den eigenen Kameraden nicht haltmachen. Seit direkt vor ihren Augen zwei kleine Kinder von einer Mine zerfetzt worden sind, kann Daniela Matijevic über keine Wiese mehr gehen ...

Noch nie hat eine Soldatin so offen über ihren Kriegsalltag gesprochen und darüber, was der Krieg mit ihr gemacht hat. Daniela Matijevic ist kein Einzelfall. Viele unserer Soldaten werden in den Krieg geschickt und setzen ihr Leben ein: in Afghanistan, vor der Küste Somalias ... – aber hinterher hilft ihnen keiner. Matijevic gibt all den Betroffenen eine Stimme, deren Leid kein Ende nimmt, auch wenn sie den Kriegsschauplatz längst verlassen haben.

 

 

 

 

 

Ihr Kommentar

Kommentar von E. Richard | 05.07.2011

Nicht selber Erlebtes zwingt ungeübte Verfasser dazu, eine tolle Geschichte wortreich zu präsentieren. Die Präsentation ist dann vielmehr die einzige Struktur, die eine nicht selber erlebte Geschichte aufrecht erhalten kann. Und das ist es, was dieser Text offensichtlich tut: Er präsentiert.

Eingeleitet wird die Sache mit einer faustdicken, einfach nachweisbaren Lüge. Frau Matijevic hat nicht Jura studiert und lebt auch nicht hauptberuflich vom Schreiben, sondern lebt von der Unterstützung des Staates, der Allgemeinheit (siehe FAZ: "Legendenbildung: Der grausige Krieg der Daniela M.").

Gefolgt wird diese Lüge von der Vermutung, dass "nur ein Bruchteil" wisse, was ein Flashback sei. Wenn überhaupt. In diesem Moment erhebt sich die Autorin erstmals über ihre Leserschaft und möchte diese Position auch nicht mehr aufgeben: Sie weiß etwas, die andern wissen gar nichts.

Was sodann folgt, sind viele wirre und zudem gänzlich nebulöse, weiche und vor allem austauschbare Behauptungen, die kein Mensch überprüfen kann und die in ihrem Informationsgehalt praktisch leer sind; die so oder ähnlich jedoch bereits tatsächlich passiert sind und in den Medien Widerhall gefunden haben. Auch dieser Umstand ist typisch für nicht Erlebtes, denn was man erlebt hat, das kann man mit Namen, mit Gesichtern, mit Orten, mit Freunden und mit Belegen stützen. Hier findet der Versuch statt, die Leere mit einer fülligen, schwülstigen und überzogenen Bildersprache zu beleben. Jemand jedoch, der im Blut stand, der schreibt nicht von "dem Kino, dessen Popcorn aus Leichenteilen besteht und dessen Getränke Blut sind". Die echten Gefühle eines echten Erlebens, führen zu klaren, nüchternen und sparsamen Erklärungen, denn im Angesicht des Todes wird das Leben und die Sprache ernst. Plötzlich weiß man über den großen Verlust, den der Tod mit sich bringt. Dieser Lebensdiebstahl - und mit ihm der Raub aller zukünftigen Dinge - betrifft, macht ernst, macht einem Angst. Diese Ernsthaftigkeit findet man bei Frau Matijevic freilich nicht. Sie spielt vielmehr fröhlich und kindlich mit Worten, mit Eindrücken und mit vorgeblichem Leid, als seien es Förmchen.

Der Text liest sich, als sei er eine Art Briefmarkensammlung aus Erlebnissen anderer Menschen: Hier ein Bericht von Minenopfern, da ein Bericht eines Kampfmittelbeseitigers, hier der Bericht eines in Kabul in die Luft gesprengten Soldaten, dort ein Unteroffizier, der bei der Entschärfung einer Rakete überlebte während die dänischen Kameraden starben, hier ein Verbindungsoffizier, der sich mit Dorfältesten trifft, dort die Körperteile des Busanschlages aus dem Kabul des Sommers 2003.

Der Kosovo war, als Frau Matijevic dort für sechs Wochen ihrem Dienst als eine rangniedrige Sanitäterin in einem sicherlich gut beschützten Bereich des Feldlagers der Bundeswehr tat, bereits befriedet. Es fielen keine Bomben mehr. Es gab im Kosovo-Einsatz der Bundeswehr vielmehr nachweislich nicht einen einzigen toten deutschen Soldaten (Quelle: Bundeswehr)!

Der Krieg findet im Kopf der Autorin statt, den die "Sonne, wie sie heiß und erbarmungslos auf meinen Helm brennt und meinen Kopf zu einem einzigen Dampfkochtopf werden lässt."

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