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Ilka Stitz - Die Antike - Wiege der Kriminalistik

 

Ilka Stitz ist 1960 geboren und lebt in Köln. Sie studierte Kunstgeschichte, Germanistik und klassische Archälogie. Nach dem Studium erfolgte die Ausbildung zur Journalistin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin.
Hinter dem Pseudonym Malachy Hyde verbirgt sich das Autorenteam Karola Hagemann und Ilka Stitz. Die beiden Autorinnen schreiben gemeinsam Krimis aus dem alten Rom.

Zur Internetseite von Malachy Hyde u. Hagemann & Stitz

 

 

Die Antike - Wiege der Kriminalistik

VON ILKA STITZ

Vor einiger Zeit bemerkte ein sehr geschätzter Kollege, Autor und ausgewiesener Experte für Kriminalromane, die klassische Detektivgeschichte gehe davon aus, dass der Mensch die Welt analytisch begreifen kann - und das könne er mit seinem bescheidenen Halbwissen in der Antike nicht sehen. Egal, wie hoch entwickelt die Kultur gewesen sei: Der Römer um Christi Geburt hätte doch geglaubt, dass sein Leben von den Launen eines guten Dutzend Götter abhängig ist.

Das war natürlich ein herber Schlag für uns. Wir, die wir antike Kriminalromane schreiben, hatten nie nach einer Berechtigung dafür gefragt. Es gab ja vor uns andere Autoren, die ihre Kriminalromane in der Antike angesiedelt hatten. Nun aber begannen wir, darüber nachzulesen und nachzudenken. Was ist also Kriminalistik in der Antike, was ist zu der Zeit die Voraussetzung für das Verbrechen und damit die Voraussetzung, dieses aufklären und bestrafen zu wollen.

Was ist überhaupt Kriminalistik?

Kriminalistik ist die Lehre von der Vorbeugung, Verfolgung und Aufklärung der Kriminalität durch die Strafverfolgungsbehörden. Sie gliedert sich in Kriminalstrategie, -taktik und -technik. Das bedeutet es heute. Naturgemäß kann es hier jedoch nicht um DNA-Analyse oder Daktyloskopie gehen. Etwas anders ist entscheidend, nämlich die sieben W-Fragen, die der Kriminalist zu allen Zeiten beantworten muss: wer, wie, was, wann, wo, warum und womit. Wer diese Fragen beantworten will, muss neugierig sein, Forschungsdrang verspüren, Lösungen hinterfragen, analytisch denken. Das leisteten ja bereits die griechischen und römischen Philosophen. Sie entwickelten unterschiedliche philosophische Modelle und Theorien, Religionen entstanden, Weltbilder. Philosophie setzt logisches Denken voraus, von da ist es nur ein kleiner Schritt zur Kriminalistik.

Ich behaupte, die Antike ist die Wiege der Kriminalistik. Eine Wiege ist erst dann sinnvoll, wenn etwas da ist, was man hineinlegen kann. Ganz bewusst haben wir die Antike nicht als Geburtsstunde der Kriminalistik bezeichnet. Die Ursprünge entstanden ja viel früher. Ein Wertesystem, das Bewusstsein für Recht und Unrecht, eine Gesellschaft, Regeln für das Zusammenleben - all das bildete das Potential, aus dem der antike Mensch schöpfte. Doch diese Einzelteile zu durchdenken, zu erforschen, sie zusammenzubringen, zu strukturieren, sie zu einem funktionierenden System zu verbinden und weiterzuentwickeln, das - so behaupte ich - ist die Leistung der Antike.

Der Verbrecher braucht Gesetze, gegen die er verstoßen kann

Die Grundlage der Kriminalistik ist das Verbrechen. Die Rahmenbedingungen für das Verbrechen sind Gesetze, denn die Existenz eines Verbrechers fordert die Existenz von Gesetzen, gegen die er verstoßen kann. Das Nachweisen eines Verstoßes bedingt eine kriminalistische Tätigkeit. Also stellten wir uns zunächst die Frage: Wie sieht es aus, mit den Gesetzen in der Antike?

Gesetze spiegeln die Werte der Gesellschaft

Gesetze sind das Ergebnis eines stetigen Wertewandels innerhalb einer Gesellschaft. In der Frühzeit verlässt der Mensch seine Dörfer, seine Regionen. Er konzentriert sich nicht mehr nur darauf, eigenes Gut zu sichern oder durch Raubzüge in der Nachbarschaft zu vermehren, sondern strebt danach, außerhalb seines eigenen Umfeldes seine Existenz zu sichern. Im einzelnen werden die Gründe, in die Ferne zu ziehen, das Meer zu überqueren, vielfältig gewesen sein. In jedem Falle erweiterten diese Expansionen nicht nur die Landesgrenzen, sondern auch den Horizont.

Das Leben in der Ferne ist anders, der Boden, das Wetter, die Nachbarn. Es geht um das Überleben, also passt der Besiegte sich an. Früher oder später leben die Menschen, Neuankömmlinge und Alteingesessene, in einer Gemeinschaft zusammen. Es wächst ein Empfinden für Recht und Unrecht, das über die individuelle Wertebestimmung hinausgeht. Die Voraussetzungen dafür sind das Anerkennen gemeinsamer Werte, allgemeiner Regeln und ein für die Gemeinschaft gültiges Verständnis von Unrecht - sei es freiwillig oder unfreiwillig. Das alles regeln Gesetze. Einblicke, was als „Straftat" gewertet wurde und wie mit Straftätern verfahren wurde, gewähren beispielsweise Hammurabis Gesetzestafeln oder das Alte Testament. Es gilt die Faustregel: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Diese Regel diente dazu, Selbstjustiz einzudämmen, eine Unendlichkeit von Racheaktionen zu vermeiden, zu verhindern, dass ganze Stämme sich gegenseitig ausrotteten.

Ferner erhält das Unrecht, hier Körperverletzung, einen bestimmten Wert - ein Auge ist ein Auge wert, nicht mehr, nicht weniger. Bei Diebstahl erfolgte die Vergeltung in der Regel durch die Verdoppelung des Gestohlenen: Stahl jemand ein Pferd, musste er zwei Pferde hergeben. So wurde es in klassischer Zeit auch in Rom gehandhabt. Später, zur Zeit der Zwölf-Tafel-Gesetze 449 v. Chr., war in Rom die Bestrafung für Diebstahl wesentlich härter: Der Prätor sprach dem Bestohlenen den Dieb unter Umständen als Sklave zu. Allerdings musste er auf frischer Tat ertappt oder das gestohlene Gut bei einer rituellen Hausdurchsuchung gefunden worden sein. War dies nicht der Fall galt es auch hier, die Sache durch Leistung des Doppelten abzumachen, einen Sühnevergleich zu schließen. Allerdings sah das Gesetz bei Körperverletzung nun auch vor, dass ein Auge mit barer Münze bezahlt werden konnte, auf die Summe mussten sich die Beteiligten selbst einigen, bis es unter Umständen doch auf ein ausgeschlagenes Auge hinauslief.

Zeiten und Werte ändern sich

Aus heutigem Blickwinkel ist vielleicht bemerkenswert, dass das Zwölf-Tafel-Gesetz nicht nur handfeste Übergriffe regelte, sondern sich auch mit kriminellen Handlungen ganz anderer Art befasste. Mit Fällen, die bei uns heute keine Rolle mehr spielen: Nämlich dem Besingen - also dem Verhexen - von Feldern und Feldfrüchten, das mit dem Tode bestraft werden sollte. Ein hoher Wert, der dem Ackerbau da zugemessen wird, immerhin wird ein Schaden an ihm mit einem Kapitalverbrechen gleichgesetzt, zur damaligen Zeit beispielsweise Brandstiftung. Natürlich, denn Ackerbau sicherte die Existenz, jeder Römer von Stand war Bauer, führte einen landwirtschaftlichen Betrieb, der die Familie ernährte. Wer den Feldern Schaden zufügte, schadete der Familie, gefährdete Existenzen, hatte somit sein eigenes Leben verwirkt. Aber die Zeiten ändern sich, damit auch die Werte. In der Republik war für das Verzaubern von Feldfrüchten nur noch eine Geldbuße fällig - sei es, wegen einer aufgeklärteren Geisteshaltung, sei es, weil die Landwirtschaft eine abstrakte Größe geworden war, ein Ideal, oder vielmehr ein Geschäft, das Verwalter betreiben, während den einstigen Landmann nur noch die Ertragsbücher, nicht die Scholle, interessieren.

Strafe spiegelt das Wertesystem

Die Strafe wird also dem veränderten Wertesystem angepasst, beispielsweise eine Geldbuße der Inflation. Denn während ursprünglich 25 As 25 Pfund Kupfer entsprachen, die einen erheblichen Wert darstellten, verkam diese Münze in der späten Republik zu der bekannten kleinen Kupfermünze. Dass dies einer Straftat Vorschub leisten konnte, führt der antike Jurist Labeo in seinem Kommentar zum Zwölf-Tafel-Gesetz vor. Es geht um Lucius Veratius, einen besonders boshaften und völlig verrückten Menschen, wie es dort heißt.

Der machte sich einen Spaß daraus, freien Männern mit der flachen Hand in das Gesicht zu schlagen. Ein Sklave folgte ihm, der einen mit Assen gefüllten Geldbeutel trug. Sobald er jemandem eine Ohrfeige verabreicht hatte, befahl er, dem Betroffenen sofort gemäß den Zwölf Tafeln 25 As auszubezahlen. Deshalb hielten es die Prätoren später für richtig, von dieser Buße abzugehen, und verordneten in ihrem Edikt, daß sie zur Bewertung von Widerrechtlichkeiten eine Geschworenenbank einsetzen würden.

(Detlef Liebs, Römisches Recht, Göttingen 1975, S. 289)

Gesetze wurden den Gegebenheiten flexibel angepasst, soweit Behörden, auch die römischen, überhaupt flexibel genannt werden können. Auch bei ihnen dauerte alles schon seine Zeit. Aber wie dem auch sei, wir sahen, es gibt Gesetze, dann musste es doch eigentlich auch Gesetzeshüter geben. Irgendjemand muss ja einen eventuellen Gesetzesverstoß feststellen. Wer beweist also ein Besingen, einen Mord, einen Diebstahl? Und dann: Wer klagt an, wer verteidigt den Angeklagten, wer spricht Recht?

Damals wie heute: Gesetze sind auslegungsbedürftig

Wer beweist es? Diese Frage möchte ich noch ein wenig zurückstellen und statt dessen fragen: Wer klagt an und wer richtet? In einschlägigen Rechtstexten zum römischen Recht ist nachzulesen, dass der Geschädigte meist auch der Kläger ist. Ihm obliegt, sein Anliegen durchzusetzen, somit wohl auch das Beibringen der Beweise. Ciceros erhaltene Reden zeigen, dass es Personen gab, die ihre Kenntnisse der Gesetze und ihre rhetorischen Fähigkeiten anderen zur Verfügung stellten, sowohl Klägern wie Beklagten, also so ähnlich wie heute Staatsanwälte und Verteidiger. Denn die Gesetze waren damals genauso auslegungsbedürftig wie heute. Experten beschäftigten sich beispielsweise mit der Frage: Was bedeutet „erschlagen", lateinisch occidere? Die Meinungen hierüber waren geteilt, für Ulpian ist der Tatbestand erschlagen klar, nutzte man dazu Schwert oder Messer oder Knüttel oder eine andere Waffe oder die Hände oder einen Stein ... Celsus sieht das anders, er unterscheidet zwischen „erschlagen" und „den Tod verursachen". Gibt jemand einem anderen einen vergifteten Trank, den der mit eigener Hand zu sich nimmt, so hat der Betreffende nur den Tod verursacht. In diesem Fall hafte er nicht nach dem Aquilischen Gesetz, aber analog. Das ganze stellt sich am Ende jedoch in der Regel als eine rein rhetorische Frage heraus, da das Urteil im Ergebnis auf die gleiche Strafe hinauslaufen konnte.

Grundlage für einen Prozess war, Beweise für eine Anklage zu beschaffen, zu sammeln und zu sichten, denn die Berechtigung einer Anklage wurde vorher geprüft - alles in allem Tätigkeiten, die kriminalistisches Denken erfordern oder eine kriminalistische Tätigkeit voraussetzen.

Wer schließlich Recht sprach, lässt sich für die Antike nicht pauschal beantworten. Es hing von der jeweiligen Straftat ab. Die meisten Fälle gehören zum Privatrecht, wie Diebstahl, Testamentsbetrug oder Sachbeschädigung, wozu auch Sklaven und Tiere gehörten. Totschlag oder Brandstiftung gehörten zum Strafrecht. Die jeweiligen Fälle waren auf unterschiedliche Kammern der Gerichte verteilt, wo unter anderem Quästoren, aber auch niedere Magistrate Recht sprachen. Es gab die Prätoren und die gefürchtete Prätorianergarde, die unmittelbar den Konsuln beziehungsweise dem Princeps unterstanden. Dann sind noch die Geschworenengerichte zu nennen, die es ja auch bei uns heute noch gibt. In den Provinzen sprachen die Prokonsuln, die jeweiligen Statthalter, Recht.

Richter beziehungsweise Geschworene prüften, ob eine Klage gerechtfertigt war - gegebenenfalls mit Unterstützung eines angemessenen Geldbetrages. Schon Ciceros Briefe künden beredt, wie durch Korruption eine wirksame Verbrechensbekämpfung zum Stillstand gebracht werden konnte.

Die Ämter der Rechtsprechenden wie Prätor, Quästor, Prokonsul, gehörten meist zum cursus honorum, dem Aufstieg der Karriereleiter, und wurden jedes Jahr neu besetzt. Dass ein Amtsinhaber juristische Kenntnisse hatte, erwartete niemand. Dafür gab es Berater, die sich auch mit der Auslegung der Gesetze befassten.

Polizeiarbeit wurde geleistet

Nach diesem weiten Bogen komme ich nun zum eigentlichen Punkt: der Kriminalistik, der Technik, ein Verbrechen aufzuklären, und damit auch zu den Ermittlern in der Antike. Es gab zwar in der Antike keine Polizei im heutigen Sinne, doch Polizeiarbeit wurde geleistet, allein die Existenz von Werten, Gerechtigkeitsdenken, Gesetzen und Gerichten fordern das. Eine gute Vergleichsmöglichkeit zu der heutigen Polizeiarbeit bieten die tres viri capitalis, denen unter anderem die Überwachung der Straßen oblag. Alles weitere nun, so kann man aus den Quellen schließen, muss je nach Fall auf verschiedene Institutionen verteilt gewesen sein: auf die Kammern der Gerichte, auf Amtsträger wie Prokonsuln, Prätoren oder Quästoren. Ihnen, wie auch anklagenden Privatpersonen, mussten unter Umständen Kräfte zugearbeitet haben. Leute, die Beweise brachten und damit erst ein Verfahren ermöglichten.

Manchmal wird ja das allgemein übliche erst erkennbar, wenn es einmal fehlt. So schreibt der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus über den Tod von P. Scipio Africanus Aemilianus:

„ - ihn fand man eines Morgens tot im Bett, und zwar mit deutlichen Würgemalen am Hals. Über den Tod eines solchen Mannes wurde keine gerichtliche Untersuchung abgehalten. ... Mag er nun wie die meisten annehmen, eines natürlichen Todes gestorben oder, wie einige überliefert haben, das Opfer eines Anschlages geworden sein ..."

Demnach war also eine gerichtliche Untersuchung üblich.

Fazit: Kriminalistisches Denken an jeder Stelle der Rechtspflege

Am Ende rücken somit die Mosaiksteinchen auf ihre Plätze und man sieht: An jeder Stelle der Rechtspflege war kriminalistisches Denken nötig, sei es beim Beibringen der Beweise oder dem Prüfen und Bewerten, ob überhaupt eine Klage zu führen ist. Allemal wird deutlich, dass der Kriminalist - der Ermittler - genau hier zu finden sein muss, im Dunstkreis der Ankläger, Verteidiger und Richter. Unter ihnen agierte er, ganz unauffällig für heutige Augen, der Ermittler der Antike, dieser hartgekochte Römer.




Veröffentlichungen:

Gewinne der Götter Gunst
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 342663368X
ISBN-13: 978-3426633687
491 Seiten
9,95 Euro



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Klappentext:

Pergamon 38 v. Chr.: Was führte zum plötzlichen Tod des Gerbers Sciron? Wie viele Menschen hatten Grund, ihm Böses zu wollen? Oder war es am Ende das Wirken Schwarzer Magie? Der sympathische Ermittler Silvanus Rhodius steht vor einem Rätsel. Er sucht Rat bei der schönen Priesterin Senophrata - und verliebt sich auf den ersten Blick! Ausgerechnet sie gerät in den Verdacht, eine kaltblütige Mörderin zu sein ...


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