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Interview mit Heidi Rehn



Foto Quelle: Heidi Rehn (Copyright: Erol Gurian)

Heidi Rehn, Jahrgang 1966, wuchs in Boppard auf, blieb nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in München und arbeitet dort als freie Journalistin und Autorin.


Buechertitel.de: Sie schreiben historische Kriminalromane. Was reizt Sie an diesem Genre?

Heidi Rehn: Krimis halte ich für das ideale Genre, Menschen und ihren Charakter zu beschreiben, zeigen sie diese doch in einer Extremsituation – Mord – ,auf die reagiert werden muss. Dabei wird so manche verborgene Seite überdeutlich... Historische Krimis reizen mich, weil ich durch die Verlegung in eine andere Zeit den Fokus noch stärker auf die Eigenschaften und Leidenschaften richten kann, die das Handeln in solchen Extremsituationen motivieren. Genau im Wiedererkennen dieses Movens liegt der Punkt, an dem ich die Leser packen, sie für die andere Epoche begeistern kann. Geschichte wiederholt sich eben doch, eben weil sich die Charaktereigenschaften der Menschen über Jahrhunderte hinweg im wesentlichen fortschreiben. Das zu zeigen, dazu ist der Krimi das ideale Genre.

Buechertitel.de: Sie haben Germanistik, Geschichte, BWL und Kommunikationswissenschaften studiert. Neben Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit sind Sie noch als Journalistin tätig und darüber hinaus auch noch in Autorenvereinigungen engagiert. Wie schaffen Sie das alles?

Heidi Rehn: Gern würde ich Ihnen vorschwärmen, das Wunder vollbracht und meinen Tag auf 30 Stunden ausgedehnt zu haben. Aber dem ist leider nicht so. Wie alle anderen muss auch ich mich mit 24 Stunden begnügen und die gehen schneller vorbei, als mir lieb ist. Meine journalistischen Aktivitäten habe in den letzten Jahren sehr stark zurückgefahren. Das Schreiben ist inzwischen meine Hauptbeschäftigung. Darüber hinaus bin ich sehr diszipliniert, was meine Arbeitsorganisation angeht, habe einen mehr oder weniger festen Tagesablauf, innerhalb dessen Schreiben und mein Engagement in den verschiedenen Netzwerken sowie natürlich auch mein Privatleben ihren Platz finden müssen.

Buechertitel.de: Ihre beiden ersten historischen Romane spielen in Ihrer Geburtsstadt Boppard. War für Sie von Anfang an klar, wenn schon ein Roman mit Lokalkolorit, dann Boppard?

Heidi Rehn: Nein, das ergab sich eher zufällig. Beim ersten, Theos Erbe, sollte die Handlung einfach nur in einer Kleinstadt spielen. Der Verlag drängte dann auf die Festlegung Boppard. Da man am besten über das schreibt, was man gut kennt, hatte ich kein Problem damit. Beim zweiten, dem historischen Krimi Thonets Gesellen, ergab sich der Schauplatz durch die Biographie Michael Thonets, einem gebürtigen Bopparder, der durch seine Wiener Kaffeehausstühle weltberühmt wurde. Ich wollte von seinen genialen Anfangsjahren in seiner Heimatstadt erzählen, die in einer Zeit (Biedermeier/ Vormärz) lagen, da es Menschen wie er aufgrund der historischen Begebenheiten sehr schwer hatten.

Buechertitel.de: In Ihrem im Herbst des letzten Jahres erschienenen Buches Tod im Englischen Garten begeben Sie sich in das München zu der Zeit von Ludwig II. Warum dieser Ortswechsel?

Heidi Rehn: Jede Handlung braucht einen Ort, an dem sie stattfindet. Bei mir ergeben sich die Orte durch die Geschichten, die ich erzähle. Weil mich reale Fakten inspirieren, muss ich meine historischen Krimis dann aufgrund der gewählten Handlung an einem bestimmten Ort spielen lassen, im oben erwähnten „Thonets Gesellen“ also im Rheintal um 1840, in „Blutige Hände“ und „Tod im Englischen Garten“ ist es München und Bayern um 1870/72. Das Königreich Bayern hat rund um die Gründung des Deutschen Kaiserreichs eine sehr turbulente Geschichte, vor allem in ihren Auswirkungen auf die „kleinen“ Leute. Davon handeln diese beiden Krimis mit dem Ermittler Severin Thiel.

Buechertitel.de: Erzählen Sie uns doch bitte kurz etwas über das Buch.

Heidi Rehn: Sehr gern. Den authentischen historischen Hintergrund bildet der Skandal um die „Dachauer Bank“ der Adele Spitzeder: Die hat seinerzeit auf bei ihr gezeichnete Wechsel sehr hohe Zinsen bezahlt. Damit wollten insbesondere die „kleinen“ Leute am Aufschwung der Gründerzeit profitieren. In meinem Krimi gibt es eine rätselhafte Mordserie an jungen Burschen, deren Leichen im Englischen Garten gefunden werden. Es zeichnet sich ab, dass die Opfer allesamt Kunden der „Dachauer Bank“ waren. Severin Thiel und seine Bekannte, die Frauenrechtlerin Johanna Morgenthau, versuchen dahinter zu kommen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Bankgeschäften und den Morden gibt. Dabei dringen sie tief ein in den Alltag der Menschen damals, die allesamt vom großen Wohlstand träumen…

Buechertitel.de: Bei den Rezensionen zu Ihren Büchern fällt auf, dass Ihr Schreibstil als sehr detailreich beschrieben wird. Kenner des historischen Genre loben Ihre ausgesprochen gute Recherche. Stellen Sie an sich hohe Maßstäbe?

Heidi Rehn: Ja, natürlich. Die von mir beschriebene Welt muss in sich stimmig und authentisch sein, sie muss in sich funktionieren, aber auch dem realen historischen Hintergrund entsprechen. Ich baue beim Schreiben eine illusionäre Welt auf, in die ich meine Leser einlade. Damit sie sich darin wohl fühlen, sollte das, was sie womöglich wieder erkennen, natürlich tatsächlich stimmen, sonst zerreißt der Zauber. Außerdem will ich vom Leben der „normalen“ Menschen erzählen, sowohl ihre Träume und ihr Denken begreifen, als auch ihre konkreten Lebensumstände schildern, eben das, was nicht in den gängigen Geschichtsbüchern steht. Dazu muss ich genau recherchieren, was sie angezogen, gegessen haben und worum sich ihr Tun gedreht hat. Dafür lese ich schon einmal stapelweise Reiseberichte, Zeitungen aus der Zeit, Akten des Innenministeriums, Berichte von Polizeispitzeln usw.

Buechertitel.de: Wie betreiben Sie die Recherche für Ihre Romane?

Heidi Rehn: An oberster Stelle rangiert natürlich das Lesen. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin und nähere mich durch das Lesen von Büchern einer neuen Idee, einem neuen Thema. Dabei greife ich querbeet sowohl zu geschichtlichen Fach- und populärwissenschaftlichen Sachbüchern, sehr gern zu Romanen und Reiseberichten aus der Zeit, in der meine Romane spielen, aber auch zu Romanen von Kollegen über diese Zeit (man lernt viel von anderen!). Ganz besonders gern bin ich aber auch in den Archiven zugange und studiere Quellen im Original (da kommt meine Historikerseele durch). Sowohl bei meinem Thonet-, als auch bei meinen beiden historischen München-Krimis war das leicht möglich. Jetzt schreibe ich über den Dreißigjährigen Krieg, da lese ich vor allem Zeitzeugenberichte, die zum Glück schon in gedruckter Form vorliegen.

Buechertitel.de: Hat der Verlag mit Ihnen schon weitere Bücher geplant?

Heidi Rehn: Es wird noch einen dritten Band mit Severin Thiel aus dem München des Jahres 1874 geben, das dauert allerdings noch ein wenig. Derzeit schreibe ich an einem historischen Roman über den Dreißigjährigen Krieg, das Schicksal einer jungen Frau, die im Tross des Pappenheimerischen Heeres aufgewachsen ist, also ganz bewusst kein Krimi.

Buechertitel.de: Sie veröffentlichen aber auch in Anthologien.

Heidi Rehn: Das sind Kurzkrimis, zumeist zu einem ganz bestimmten Thema, das von den Herausgebern vorgegeben wurde. Für historische Stoffe ist das sehr schwierig, ohnehin finde ich die kurze Form weitaus schwieriger als Romane, weshalb ich momentan nichts Kurzes schreibe, mich ganz auf Romane konzentriere. Das ist aufwendig genug.

Buechertitel.de: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Heidi Rehn: Dass ich meiner Leidenschaft, dem Schreiben, weiterhin so gut als Beruf frönen kann, und andere Menschen mit meiner Begeisterung für die Geschichten rund um meine Figuren, die mir alle sehr ans Herz gewachsen sind, anstecke. Ein Bestseller darf es natürlich auch gern einmal sein, da bin ich ganz unbescheiden.
Buechertitel.de: Ich bedanke mich bei Ihnen recht herzlich für das Interview. Alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

Das Interview führte Edelgard Kleefisch, Buechertitel.de.


Zur Internet-Seite von Heidi Rehn

Veröffentlichungen von Heidi Rehn:

Tod im Englischen Garten


Verlag: Emons
ISBN-10: 3897055074
ISBN-13: 978-3897055070
384 Seiten
11,00 Euro


Blutige Hände


Verlag: Emons
ISBN-10: 3897054574
ISBN-13: 978-3897054578
335 Seiten
11,00 Euro


Thonets Gesellen


Verlag: Emons
ISBN-10: 3897053721
ISBN-13: 978-3897053724
300 Seiten
11,00 Euro


Theos Erbe. Rheintal Krimi


Verlag: Emons
ISBN-10: 3897052881
ISBN-13: 978-3897052888
200 Seiten
9,00 Euro


Das Institut


Verlag: Rowohlt Tb.
ISBN-10: 3499226723
ISBN-13: 978-3499226724

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