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Interview mit Muriel Simon




Foto Quelle Muriel Simon (Fotografin: Ursula Reiter): Pressekonferenz zum Erscheinen des Buches






Foto Quelle Muriel Simon privat: Bild aus dem Jahr 2007





Muriel Simon wurde 1959 in Frankfurt am Main geboren und studierte Opernregie am Salzburger Mozarteum. Mit den Jahren widmete sie sich mehr und mehr der Sprache und hängte ein Studium der Schauspielkunst und des Sanskrit an. Seit 1985 arbeitet sie als freischaffende Redakteurin, Lektorin und als Ghostwriterin. Muriel Simon lebt mit ihrer kleinen Tochter und drei spanischen Katzen über den Dächern Münchens.


Buechertitel.de: Frau Simon, Sie erkrankten 2003 an Brustkrebs. Ende 2006 erschien Ihr erstes Buch Wieder im Leben. Wann haben Sie den Entschluss gefasst, Ihre Krankengeschichte und Ihre Gefühle in einem Buch niederzuschreiben?


Muriel Simon: Das geschah ganz unvermittelt. Ich saß bei Konstantin Weckers Buchpräsentation vom „Klang der ungespielten Töne". Das Manuskript hatte ich während meiner Chemotherapie gelesen - in der einen Hand die Blätter, in der anderen die Braunüle, durch die das Taxol in meine Adern rann... Als Konstantin Wecker las, erinnerte ich mich plötzlich in aller Eindringlichkeit an das Krankenzimmer, die Gerüche, diesen Dunst aus Schock, Hoffnung, Medikamenten. Ich erschrak, wie sehr alles in mir gespeichert war - was heißt ‚gespeichert', eher eingebrannt. Als hätte die Erinnerung eine Lawine losgetreten, stürzten Gefühle und Gedanken auf mich ein - und mir war klar, dass ich mich damit auseinandersetzen musste. In dem Augenblick dachte ich zum ersten Mal daran, einen Artikel über den Krebs zu schreiben. Andererseits fand ich mich nun nicht so spannend, als dass ich unbedingt über mich persönlich schreiben müsste. Ich bin ja nur eine von unzähligen anderen Frauen, die im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken. Gleichzeitig spürte ich aber - ein halbes Jahr nach der letzten Bestrahlung -, wie das Leben wiederkehrte, ich an Kraft gewann - etwas, das ich ein Jahr zuvor nie mehr für möglich gehalten hätte. Und es war dieses Gefühl, das ich weitergeben wollte, um anderen Menschen Mut zu machen, ihnen ein Stück von der Kraft zu geben, die mir geholfen hatte, diese extreme Zeit zu überwinden. Und so begann ich zu schreiben.

Buechertitel.de: Gehörte das Schreiben zu Ihrer Therapie? Half es Ihnen bei der Verarbeitung des Schocks?

Muriel Simon: Es tat gut, eine kreative Form zu finden, um das, was ich erlebt hatte, Menschen näher zu bringen. Zeitweilig kam ich an den Punkt, an dem ich nicht wollte, dass mir das in aller Konsequenz passiert war. So führte ich eine Figur in den Text ein, die einem Traum entsprang, und ließ zwei einschneidende Dinge ihr zustoßen... Das half mir, Distanz aufzubauen, und die Umwandlung in ein künstlerisches Projekt machte mir Freude, nahm mir etwas von der Ohnmacht, die wir alle erfahren, wenn wir plötzlich aus dem Leben gerissen werden, weil wir schwer erkrankt sind. Gleichzeitig staunte ich darüber, wie sehr alles noch in mir gespeichert war, selbst Einzelheiten meiner ersten Krebserkrankung, die ich mit Anfang Dreißig hatte. Doch Therapie war das Schreiben nicht. Therapie ist für mich, den Sternhimmel zu betrachten, meinen Platz zu finden in dieser Welt und mich nicht allzu wichtig zu nehmen. Auch wenn ich Krebs habe oder hatte, kann ich glücklich sein, lieben, etwas geben, habe zu essen und Trinkwasser und bin damit weit privilegierter als die meisten Menschen dieses Erdballs.

Buechertitel.de: Haben Sie viel mit Ihrer Familie über die Krankheit gesprochen, oder haben Sie sich eher zurückgezogen?

Muriel Simon: Meine Familie ist recht klein. Da gibt es meine Tochter, die damals sieben war und der meine ganze Sorge galt. Dann haben wir noch zwei Patenkinder, in Kambodscha und Paraguay, und jede Menge Patentiere... Doch meine Schwester war mir in jener Zeit sehr nahe, sie hat sich liebevoll um meine Tochter gekümmert und sie ein Stück weit aufgefangen. Sie war im medizinischen Sektor tätig und hatte keine Berührungsängste mit mir und der Krankheit. Sie starb vor vier Jahren, ganz plötzlich, allein in ihrer Wohnung, während ich noch bestrahlt wurde.

Buechertitel.de: Sie sind während Ihrer Erkrankung viel gereist. Welche Bedeutung hatten diese Reisen für Sie?

Muriel Simon: Am liebsten würde ich mit Koffer und Laptop um die Erde ziehen und schreiben, ein festes Zuhause nur in mir... Da sehr viele Menschen in meinem Leben gestorben sind, ist dies vielleicht meine Art, Nähe und Abschied und Schutz zugleich zu leben. Bevor meine Tochter zur Schule ging, waren wir ständig unterwegs, Arbeit war immer dabei, viel Arbeit, aber Meer, Licht und fremde Menschen haben mir unvergessliche Eindrücke beschert. Da ich sehr früh den ersten Krebs hatte, ist mir das Gefühl abhanden gekommen, meine Träume „später mal" leben, verwirklichen zu können. Auch materielle Dinge interessieren mich wenig. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, im Angesicht des Todes einmal voller Glück an ein Regal voller Prada-Schuhe zu denken. Gut möglich, dass es Menschen gibt, die das anders empfinden. Aber wovon ich zehre, sind Augenblicke voller Mystik und Nähe, Nähe zu Menschen, zur Natur. Einziger Hotelgast zu sein, während Griechisch-Ostern auf Santorin gefeiert wird, wenn alles Licht erlischt und die Festung von Pyrgos vor Fackeln zu brennen scheint. Im Meer zu tauchen und Delfine klicken zu hören. Auf einer Weide in Südengland mit den Schäfern zu sitzen, die 90 Pence für ein Vlies bekommen. Einen Taxifahrer auf den Azoren die alten Geschichten seines Volkes von Atlantis erzählen zu hören... All dies hatte mich die Jahre über zu dem Menschen gemacht, der ich damals war. Und als ich krank wurde, 12 Zyklen Hochdosis-Chemo erhielt und oft nur auf allen vieren ins Bad kam, um zu erbrechen, tat es weh, das alles nicht mehr, vielleicht nie mehr leben zu können. Anfangs, nach der ersten Behandlung, konnte ich noch für ein paar Tage nach England fahren. Dort verlor ich all mein Haar. Meine Tochter und ich legten eine Strähne in eine kleine Höhle in der Felswand, und ich dachte, dass vielleicht im nächsten Frühjahr ein Seevogel sein Nest damit polstern könnte... Als es mir immer schlechter ging und ich einsehen musste, dass ich nicht mehr reisen konnte, tat das weh, aber bald hatte ich auch dafür keine Kraft mehr.

Wenn ich heute durch die Welt ziehe, staune ich, wie Menschen sich Nischen schaffen, um zu überleben. Wie Berber im Frühjahr Gras in der Steppe für ihre Tiere sammeln und Kilometer bis zum nächsten Brunnen laufen. Wie Malediver auf den Hotelinseln eine Arbeit suchen, fern von der Familie, um sie eines Tages mitnehmen zu können, wenn der Meerespiegel steigt und sie ihr Heimatland verlieren... Wir Menschen haben solch eine Kraft in uns zu überleben, und darüber staune ich und tue es bisweilen auch über mich...

Buechertitel.de: Sie schreiben, dass Freunde und Bekannte auf Abstand zu Ihnen gegangen sind. Hat Sie das verletzt? Haben Sie versucht, sie zu ermutigen, Ihnen wieder offen zu begegnen?

Muriel Simon: Sicher tut es weh, wenn Leute die Straßenseite wechseln. Wenn andere hinter dem Rücken reden. Oder neugierige Fragen stellen, nicht einem selbst, sondern den Nachbarn. Dem zugrunde liegt meist die Angst, mit dem Thema Tod konfrontiert zu werden. Sobald ich das durchschaut hatte, konnte ich es loslassen. Jeder Mensch muss mit sich ausmachen, wann und ob er sich diesen Themen stellt; ich selbst hatte da keine Wahl. Es gab eine Hand voll Freunde, die da waren, blieben und bleiben würden, wenn der Krebs weiterginge. Das werde ich ihnen nie vergessen. Die anderen Menschen, die damals geflohen sind, passen nicht mehr zu mir. Ich bin ihnen nicht böse, aber sie sind mir auch nicht mehr nahe. Weit näher sind mir andere Kranke, die ich auf Lesungen, bei Krebskongressen oder mitten im Leben kennenlerne. Wenn ich über eines froh bin, dann, dass ich vor den Gesprächen mit ihnen nicht fliehe. Es ist nicht leicht, jemanden nahe an sich heranzulassen, der nur noch Wochen zu leben hat. Doch es wäre viel schwerer, es nicht zu tun.


Buechertitel.de: Was würden Sie Familienangehörigen und Freunden von Erkrankten raten?

Muriel Simon: Wichtig ist, den anderen Menschen und seine Bedürfnisse wahrzunehmen. Zu hören, zu erspüren, was er sich an Hilfe wünscht. Wie ein Duo in der Musik, wo der andere das Thema vorgibt. Im tibetischen Buddhismus gibt es den Begriff der heilenden Hinwendung - Achtsamkeit im Umgang miteinander anstelle von Mitleid. Ich freute mich über eine Karte, die ich neben meinem Bett liegen hatte. Ein Strauß Blumen einer lieben Kollegin, Sonnenblumen, auf die sich die Katzen mit Begeisterung stürzten. Salzige Kekse, ein Bild, das meine Tochter gemalt hatte. Ein Katzenstreu vor der Tür, ein Kasten Wasser. Und hin und wieder Gespräche ohne die Angst, auch die „letzten Themen" zu berühren...

Buechertitel.de: Sie schreiben, dass Ihre Tochter Lara noch heute von Albträumen heimgesucht wird. Wie alt war Lara zu dieser Zeit und hat sie inzwischen die Belastung verarbeiten können?

Muriel Simon: Lara war sieben, als mein zweiter Krebs diagnostiziert wurde. Ich denke, jede Mutter kann sich vorstellen, welche Sorgen einen in einer solchen Situation umtreiben. Ich hatte meinen Vater früh verloren, habe ihn immer schmerzlich vermisst - und plötzlich drohte ich Lara alleinzulassen... Ich sprach sehr ehrlich mit ihr, versuchte, ihr die Tage zu ersparen, an denen es mir sehr schlecht ging. Und ich erfand Geschichten für sie, verrückte Geschichten einer chaotischen Familie, die doch immer gut ausgingen. Auch wenn ich alles tat, um meine Ängste nicht auf sie zu übertragen, zeigt ein Satz von ihr, wie es ihr damals wirklich ging. Ich fragte sie, wie viele Kinder die Familie aus unserer Geschichte denn haben sollte. Und sie sagte: „Acht; dann ist immer noch jemand da, wenn eines stirbt."

Lara träumte sehr schlecht, als ich immer mehr abbaute. Dann stand ich nachts an ihrem Bett und streichelte sie, bis sie sich wieder entspannte. Die Geschichten wurden unser Heilmittel, und selbst heute noch kann ich ihr damit eine riesige Freude machen. Nun ist sie zwölf, und ich bin sehr stolz auf sie. Sie hat Mitgefühl mit anderen Menschen, hegt tiefe Gedanken und ist dabei ein fröhliches Wesen, das lernt, sich abzugrenzen und seinen Weg zu finden. Ich denke, auch die Musik und unser kleinster Kater haben dazu beigetragen, dass Lara den Schock verarbeiten konnte.

Manche Menschen sagen, alles im Leben habe seinen Sinn. Ich würde es umformulieren: Wir können ihm einen Sinn geben. Als ich krank wurde, war mein Ziel, so lange für sie da zu sein, bis sie den Funken ihrer selbst in sich entdeckt hatte und nicht Gefahr lief, dass etwas ihn ersticken könnte. Und ich wollte ihr die Botschaft mitgeben, dass man an Krisen wachsen kann.

Buechertitel.de: Ihr zweites Buch trägt den Titel Zwei Schmetterlingsfrauen. Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

Muriel Simon: Ich war mit Lara im Botanischen Garten, wo alljährlich eine Schmetterlingsschau stattfindet. Raupen, Kokons, Schmetterlinge, die Metamorphose - das alles hat eine starke Symbolik. Der Kokon ist ein Bild für die Einsamkeit, in die man als Kranker oft fällt, und während einer Chemotherapie ganz besonders, wenn die Leukos sinken und man sich vor Ansteckung hüten muss. Der Schmetterling verkörpert für mich Freiheit. Ich habe in den vergangenen Jahren viel Freiheit gefühlt, weil ich mich mit dem Thema Sterben intensiv auseinandergesetzt habe. Längst wünsche ich mir, den Tod zu begrüßen, wenn er mich berührt - mein letztes, großes Abenteuer in dieser Form des Seins... Vielleicht fühlt ja der Schmetterling so, wenn er aus seinem Kokon schlüpft und die Flügel spreizt, um davonzufliegen.

Das zweite Buch handelt vom Leben und Lieben mit Brustkrebs, aber auch vom Sterben einer kranken Freundin. Nicht dem einsamen Sterben in einer Klinik, sondern in den Armen der Menschen, die sie liebte. Als ich das letzte Mal in ihre Augen blickte, war da so viel Freiheit. Sie war auch ein Schmetterling, der sich aus seinem Kokon befreit hatte. Ich hätte ihr von Herzen gewünscht, länger, viel länger fliegen zu können.

Buechertitel.de: Werden Sie dem Schreiben treu bleiben und sich anderen Themen widmen?

Muriel Simon: Im Augenblick schreibe ich an einem Roman. Mystik, Liebe, ferne Länder... mehr verrate ich nicht. Ah, doch eines: Das Wort Krebs wird nicht drin vorkommen.

Buechertitel.de: Ich danke Ihnen recht herzlich für die Beantwortung meiner Frage und für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute, vor allem Gesundheit.

Das Interview führt Edelgard Kleefisch, Buechertitel.de

Zur Homepage von Muriel Simon

Veröffentlichungen:


Wieder im Leben: Mein neuer Anfang nach der Diagnose Brustkrebs
Verlag: Lübbe
ISBN-10: 3404616014
ISBN-13: 978-3404616015
220 Seiten
6,95 Euro



Zwei Schmetterlingsfrauen. Leben und lieben mit Brustkrebs


Verlag: Luebbe Verlagsgruppe
ISBN-10: 3404616243
ISBN-13: 978-3404616244
300 Seiten
7,95 Euro




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