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Interview mit Prof. Hartmut Schweitzer

 

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Hartmut Schweitzer, * 1940 in Hamburg. Abitur 1961. Studium der Soziologie; Politologie u.a. in Kiel und Heidelberg, Promotion 1968.
1963 bis 1969: Tätigkeit für zwei Marktforschungsfirmen.
1969-1974 Leiter des Planungsstabs des Rektorats der Ruhr-Universität-Bochum.
1974 Akademischer Rat (1976: Oberrat) für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Rheinland/Abt. Bonn (Schwerpunkte: Bildungssoziologie; Theorie; Methoden).
1977 Gründungsmitglied und bis zur Auflösung Geschäftsführer des "Interdisziplinären Instituts für Europäische Fragen und und Internationale Entwicklungen e.V. / EUROPA‑12.
Bis 1981 mehrfach Vertreter des Mittelbau.
Ab 1982 häufige Reisen, u.a. mit Studentengruppen, nach China und Ostasien, längere Aufenthalte in Hongkong.
1991 Habilitation an der Universität Marburg. Venia: Allgemeine Soziologie.
WS 1992/93 Vertretung der Professur für Allgemeine Soziologie an der Philipps Universität.
1994: mit Prof. Dr. H. Lüdtke Herausgeber der Reihe: "Marburger Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung" (MBSF);1998: Ernennung zum apl. Prof. an der Philipps Universität Marburg; seit 1998: Leiter der Abt. Soziologie im Seminar für Orientalische Sprachen, Universität Bonn.

 

 

Interview von Prof. Gisela Losseff-Tillmanns mit dem Autor des Buches „Der Geist der Korruption", Prof. Hartmut Schweitzer

(1) An welche Zielgruppe(n) richtet sich das Buch?

Sowohl an die Experten in der Wissenschaft und in der Korruptionsforschung, als auch an die sog. Laien, die sich für das Thema Korruption interessieren oder vielleicht auch auf die eine oder andere Art mit ihr zu tun haben. Vor allem letzteren möchte ich zeigen, dass die weit verbreitete Ansicht, Korruption sei ein individuelles Problem, zu kurz greift. Korruption ist ein soziales Phänomen, das unter bestimmten sozialen Bedingungen auftritt und aufrecht erhalten wird.

(1a) Was versprechen Sie sich von der Zielgruppe / den Zielgruppen?

Vor allem ein besseres Verständnis dieses komplexen sozialen Phänomens, das dann die Bereitschaft fördert, konkrete Korruptionsfälle auf der Grundlage der dargelegten Theorie zu analysieren und zu bewerten. Also weg von weitgehend moralischen Be- und Verurteilungen hin zu einer sachlich angemessenen Beurteilung, die Voraussetzeng für eine wirksame Bekämpfung ist.

(2) Was verstehen Sie unter Korruption?

Um die Entstehung und Entwicklung von Korruption richtig zu verstehen, muß zwischen Universalistischen Normen, die für alle gelten, z.B. Gesetze, und Partikularistischen Normen, die nur für die Menschen im persönlichen Umfeld gelten, ein Dualismus, der für alle komplexeren Gesellschaften gilt. Werden allerdings die Partikularistischen Normen von den handelnden Personen auf Situationen oder Konstellationen angewendet, für die Universalistische Normen zu gelten haben, dann haben wir das Grundmuster aller Korruption. So etwas gilt z.B. für den berüchtigten Rheinischen Klüngel.

(2a) Inwiefern unterscheidet sich Ihr Verständnis von Korruption von dem anderer Autoren?

Ich lege deutlich weniger Bedeutung auf strukturelle oder institutionelle Gegebenheiten wie z.B. die Ausgestaltung von Verträgen oder die Existenz von Netzwerken. Diese halte ich zwar auch für wichtig, aber vor allem in dem Sinne, dass sich in Ihnen entweder einfacher oder schwerer korrupte Handlungen realisieren lassen, die vorher schon als (vielleicht schon (an)gedachte) Möglichkeit bestanden haben. Insofern sind die Strukturen notwendig, aber nicht ausschlaggebend. Das unterscheidet meinen Ansatz vor allem von wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen, die meistens gar keinen großen Wert auf die Klärung der Frage der Entstehung von Korruption legen.

(2b) Welche Ursache sehen Sie für das Entstehen von Korruption?

Für mich liegt die eigentliche Ursache von Korruption im Zerfall der allgemein akzeptierten Wertordnung einer Gesellschaft oder relevanten Teilen von ihr. Es tritt in einer Gesellschaft ein Prozess des grenzmoralischen Verhaltens ein, was bedeutet, dass Einzelne die Grenze des gerade noch Erlaubten immer wieder testen,allerdings ohne die Grenze zum Kriminellen zu überschreiten. Wenn sich nun durch das Agieren am unteren Rand dieser Grauzone ein Vorteil ergibt, wird sich dieses Handeln vor allem unter dem Druck des Wettbewerbs allgemein verbreiten. Dadurch geraten Verhaltensweisen in den Blick, die man „normalerweise" nicht akzeptieren und deswegen gar nicht betrachten würde. Dieses grenzmoralische Verhalten macht nicht nur Korruption und deren Ausbreitung wahrscheinlicher, sondern macht sich auch in anderen Bereichen bemerkbar, z.B. Verschlechterung der Verhaltensstandards, zunehmende Ignorierung der Rechte anderer, meistens Schwächerer und Abhängiger; zunehmende Intoleranz etc..

(2c) Haben sich die Ursachen für Korruption im Laufe der Zeit verändert?

Das glaube ich nicht. Was sich verändert, sind die konkreten Formen. Die Korruption im Römischen Reich oder im England des 18. Jhdts. spielte sich in anderen sozio-strukturellen Umgebungen ab, weswegen sie in anderen Formen auftrat als Korruption heute, z.B. im Umfeld der Müllentsorgung, die es damals noch gar nicht gab.

(3) Inwieweit weicht Ihre Definition von Alltagsdefinitionen von Korruption ab?

Sie unterscheidet sich von ihnen vor allem dadurch, dass für mich die moralische Qualität der Akteure als Ursache von Korruption keine wesentliche Rolle spielt.  Man kann Korruption sehr gut erklären, ohne einen Blick auf den „schlechten Charakter" der Akteure zu werfen.

(4) Hat sich Korruption im Laufe der Zeit qualitativ verändert oder anders gefragt: haben sich die Formen der
 Korruption über die Zeit verändert?

Erst mit der Bildung von Staaten kommt es zur Korruption. Erst in solchen strukturell und  normativ differenzierten Organisationen können sich die Anreize zur illegalen Aneignung von Ressourcen herauszubilden. In egalitären Gesellschaften ohne soziales Oben und Unten gibt es keine Korruption. Ich glaube daher nicht daran, dass sich Korruption seit dem „Alten Ägypten" wesentlich verändert hat.

(4a) Hat Sie sich etwa in den letzten 100 bis 50 Jahren Korruption quantitativ verändert, ist sie also stärker oder schwächer geworden?

Mal stärker, mal schwächer. Es gibt da Wellenbewegungen, aber ich kann mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Korruption generell stärker geworden sei. Es kommt bei dieser Betrachtungsweise sehr auf den Zeitraum und auf die Perspektive an. Man darf nicht nur auf das sehen, was direkt um einen herum passiert, sondern muss den Blick horizontal, d.h. über kulturelle Grenzen und vertikal, d.h. über längere Zeiträume öffnen.

(4b) Waren vielleicht früher andere Formen der Korruption dominant als heute?

Nach meiner Kenntnis lassen sich die jeweils dominanten Korruptionsformen nur im Zusammenhang mit der jeweiligen Sozialstruktur, dem Wirtschaftssystem und dem Herrschaftssystem verstehen und aus ihnen heraus erklären.

(5) Gibt es Unterschiede zwischen wirtschaftlicher und politischer oder noch anderen Formen von Korruption?

Da Korruption eine Austauschbeziehung ist, in der gegenseitig als knapp empfundene Güter in illegitimer und / oder illegaler Weise getauscht werden, halte ich die Differenzierung in z.B. wirtschaftliche und politische Korruption für vollkommen haltlos und überflüssig. Deshalb habe ich auch keine große Neigung, mir noch über jeweils andere mögliche Formen den Kopf zu zerbrechen.

(6) Was sind eigentlich die Folgen von Korruption?

Korruption ist die Konsequenz von sehr starken Normendifferenzen in einer Gesellschaft, die die Beteiligten jedoch oft nur als Interessenkonflikte wahrnehmen. Deshalb  ergeben sich aus korrupten Handlungen vielerlei fragwürdige Ergebnisse: Unterminierung demokratischer Prozesse (siehe Russland oder viele Entwicklungsländer); Verteuerung von Produkten aller Art  durch Fehlallokation von Ressourcen (vgl. Müllgebühren in Deutschland); Ausschalten leistungsfähiger Konkurrenten durch Bevorzugung derjenigen Anbieter, die Bestechungsgelder zahlen wollen; allgemein Entstehen einer Kultur der Bereicherung ohne entsprechende Leistung, z.B. durch ausgeprägten Nepotismus. Wird Korruption nicht bekämpft, breitet sie sich aus und macht saubere Verwaltungs-, Justiz- oder Wirtschaftsprozesse zunehmend unmöglich.

Ist vor allem die soziale Elite nur noch auf ihren individuellen Vorteil bedacht, dann bereitet das den Boden für jede Art von Korruption - und anderen sozialschädlichen Handlungen. Korruption ist daher ein guter Gradmesser der Spannungen in einer Gesellschaft.

(7) Entstehen Ihrer Meinung nach durch große Sportereignisse wie z.B. jetzt die Fußball-Weltmeisterschaft zusätzliche Anreize bzw. Anlässe für Korruption?

Wie man z.B. bei den Machenschaften rund um die Vergabe der Olympiade an die Stadt Atlanta (USA) erleben konnte, ziehen solche sportlichen Großereignisse Korruption geradezu magisch an, vor allem auch deswegen, weil in der jeweils herrschenden euphorischen Atmosphäre die Kontrollen meist sehr lax sind und die Stimmung so angelegt ist, dass man sie sich nicht verderben lassen will.

(8) Meinen Sie, dass moralische Appelle dabei helfen, Korruption einzudämmen? So z.B. Appelle der Art, dass ein anständiger, ehrenhafter Mensch bestimmte Dinge nicht tut?

Da es bei korrupten Tauschakten um die Befriedigung von ziemlich genau zu definierenden individuellen oder kollektiven Interessen geht, haben moralische Appelle keine große Wirkung, zumindest nicht kurzfristig. Ich will allerdings nicht ausschließen, dass sich hier und da einzelne Personen von solchen moralischen Appellen angesprochen fühlen.

(9) Lassen sich aus Ihren Überlegungen praktische Ratschläge zur Eindämmung von Korruption ableiten?

Ja, aber diese unterscheiden sich nicht fundamental von denen anderer Autoren. Generell wichtig sind Offenheit in der Amtsführung, Kontrolle durch freie Informationsmedien, relativ genaue Eingrenzung von Aufgaben und die routinemäßige Überprüfung von Entscheidungen.

Darüber hinaus sehe ich einen sehr wichtigen Ansatzpunkt darin, dass sich sozial einflussreiche Akteure an die geltenden Normen halten. Vielfach wird die Befolgung nur von den anderen eingefordert, aber man hält sich selbst nicht daran, was z.B. für viele Politiker, aber auch für einflussreiche Manager gilt. Das kann man durchaus als erzieherische Aufgabe betrachten. Aufklärung allein ohne Strafandrohungen wird aber nicht funktionieren.

Das Interview führte Prof. Dr. Losseff-Tillmanns für Buechertitel.de.

 

Veröffentlichung:

       Vom Geist der Korruption
       Hartmut Schweitzer
       Verlag: Avm Akademische Verlagsgemeinschaft
       Sprache: Deutsch
       ISBN-10: 3899758285
       ISBN-13: 978-3899758283
       484 Seiten
       79,90 Euro

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