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Interview mit Professor Johannes Heinrichs




Foto Quelle: Professor Johannes Heinrichs

Geboren 17.09.1942 in Duisburg-Rheinhausen in einer kinderreichen Geschäftsfamilie. Abitur 1962 am dortigen Städtischen Naturwissenschaftlichen Gymnasium.
Nach Jesuiten-Noviziat Studium von Philosophie, Theologie, Germanistik und Psychologie in München, Bochum, Bonn, Frankfurt, Paris. 1972 Promotion summa cum laude in Bonn mit der Hegel-Studie Die Logik der „Phänomenologie des Geistes", für die er den Geffrub-Preis der Universität Bonn erhielt.
1975 Habilitation für Philosophie an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt.
1977 Verzicht auf die Jesuitenprofessur in Frankfurt und Rom 1977 aus philosophischen Gewissensgründen. Seitdem als Gastprofessor, Forschungsbeauftragter, Referent und freier Schriftsteller im Rheinland lebend. Von Herbst 1998 bis Frühjahr 2002 Gastprofessor für Sozialökologie (Nachfolge Rudolf Bahro) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach verstärkt Vorträge in aller Welt. Seit 2001 verheiratet.


Daniel Bigalke: Herr Prof. Heinrichs, der derzeitigen Schulphilosophie geht es mehr und mehr nicht um praktische Philosophie für die Menschen und die Bewältigung konkreter Probleme, insbesondere politischer, sondern um die Kultivierung eines funktionalisierten Gelehrtentums. Daß Sie als Philosoph sich dort nicht einordnen, kann man Ihren Schriften mehr als genug entnehmen. Worin besteht dann also Ihr Grundverständnis von Philosophie hinsichtlich der Vermittlung von Theorie und Praxis für eine lebenswertere Gesellschaft und wie beurteilen Sie konkret Ihre eigenen bisher dahingehend erbrachten Leistungen?

Professor Heinrichs: Meine Haltung ist nicht etwa, Praxis gegen Theorie auszuspielen, sondern: Dass Theorie sich an der menschlichen Lebenspraxis messen lassen muss, dass sie also umso besser ist, je näher sie der Lebenspraxis kommt. Dies leuchtet schon dem gesunden Menschenverstand ein. Doch um das zu erreichen, muss man in der Theorie oft große Strecken zurücklegen, Umwege, die vielleicht auch nur von Fachleuten nachvollzogen werden können. Doch letztlich geht es um die Frage: Gelingt es der Philosophie als Disziplin der umfassenden theoretischen Selbstreflexion des Menschen, das Leben als in sich schon reflexives, also wesentlich durch Selbstbezüglichkeitsstrukturen geprägtes, zu erfassen. Person ist lebender Selbstbezug-im-Fremdbezug und Gesellschaft ebenfalls. Wenn die theoretisch-nachträgliche Reflexion darauf gelingt, wird es wieder einfach - wie bei allen gelingenden Sachen.

Zwischendurch gibt es freilich Schwierigkeiten. Da darf man nicht ausweichen ins bloß Historische und in einen falschen Praxisbezug, z.B. Philosophie nur als individuelle Ethik zu verstehen - als ob die Menschen sich jemals nach den Vorschriften solcher „praktischen" Philosophen richten würden. Heute sind 80% der Universitätsphilosophie reine Philosophiegeschichte, keine lebendige Philosophie, und die betont „praktische" Philosophie, die Ethik, scheint mir an Verblendung und individualistischer Engführung zu leiden.

Da Sie nach meinen Leistungen fragen, so möchte ich antworten: Ich bin besagten Schwierigkeiten nicht ausgewichen, sondern habe eine Philosophie konsequent als theoretische Reflexion jener praktischen Reflexion, die das Leben selbst ist, zu entwickeln begonnen. Schon der Begriff der „gelebten Reflexion" ist eigentümlicherweise neu. Ich sagte „begonnen". Es bleibt noch viel zu tun. Doch der einheitliche Gesichtspunkt, in welchem präzisen und anspruchsvollen Sinn Philosophie ausschließlich Theorie der Praxis darstellt, ist klarer geworden als bei meinen großen Vorgängern, auf die wir sicher noch zu sprechen kommen werden.

Daniel Bigalke: Ihre Sozialphilosophie als Reflexions-Systemtheorie vertritt in besonderer Weise den Anspruch, auf die strukturellen Defizite unserer Demokratie hinzuweisen. Insbesondere liest man bei Ihnen oft, daß unsere Halbdemokratie durch formalistische Rechtmäßigkeiten verhüllt, daß es immer nur um Machtwechsel zwischen partikularen Gewalten geht, nicht um strukturelle Demokratisierung. Wie würden Sie Ihr Modell einer „kommunikativen Gesellschaft" von allseitiger Teilhabe am politischen Prozess genauer kennzeichnen? Auf welche Weise wäre das Konzept genau durchsetzbar?

Professor Heinrichs: Wenn man Sozialphilosophie konsequent als Reflexion des personalen Selbstbezugs im sozialen Bezug, der interpersonalen Reflexion also, betreibt, dann entfaltet diese Reflexions-Systemtheorie Strukturen aus dem Wesen des Menschen und des gesellschaftlichen Beziehungen heraus, die normativ sind. Demokratie hat in der Tat den Anspruch, eine „kommunikative Gesellschaft" zu sein, also die Strukturen der Gegenseitigkeit und der Teilhabe zu verwirklichen. An diesem Maßstab gemessen, erkennen wir, dass unsere Demokratien noch sehr junge, unausgegorene Suchbewegungen auf diese Idee einer kommunikativen Gesellschaft hin darstellen. Vor 200 Jahren steckten wir noch feste in feudalen Verhältnisses eines falschen Gottesgnadentums, und heute wir sollten nicht so tun, als hätten wir schon begriffen, was es heißt, dass eine Gesellschaft allein auf dem Recht, nicht auf der Religion begründet ist. Denn auf der anderen Seite brauchen wir die religiösen Energien für den Rechtsstaat. Wir haben das Problem der Verwirklichung der Grundwerte durch eine institutionelle Wertstufenordnung der Demokratie nicht gelöst. Das kann allein die Viergliederung des Parlamentarismus nach eigenen Teilparlamenten für Grundwerte, kulturelle Werte, politische Werte und wirtschaftliche Werte lösen. Dieses Konzept ergibt sich konsequent aus der Reflexions-Systemtheorie. Konkret würde das bedeuten, dass nicht mehr die Wirtschaft (und dazu eine so fragwürdig geregelte!) die ganze Gesellschaft beherrscht, sondern tatsächlich die jeweils demokratisch konkretisierten Grundwerte. Die jetzigen Allround-Parteien, die mit ihren offenkundigen Machtspielen strukturelle Unsachlichkeit verkörpern, könnten sich mausern zu Sachparteien, die sich auf jeder der genannten Ebenen mit bereichsspezifischen Themen zur Wahl stellen müssten. Das wäre eine innere Synthese von direkter und repräsentativer Demokratie.

Was die Frage der Durchsetzbarkeit dieser philosophischen „Vision" angeht, so möchte ich mit Victor Hugo antworten: Nichts in der Welt kann einer Idee widerstehen, deren Zeit gekommen ist. Es handelt sich um einen Bewusstseinsprozess, zu dem alle beitragen, sobald sie die Idee verstanden haben. Nicht dass ich die Probleme unserer Jahre gering veranschlagen würde, aber mit vordergründig „praktischem" Gerangel können wir einen solchen Evolutionssprung nicht bewirken. Also, das Erste ist die Einsicht, der Prozess einer konstruktiven (nicht bloß demaskierenden) Aufklärung über unsere Möglichkeiten. Das neue Demokratiebild würde auch bedeutend attraktiver für die Entwicklungsländer, einschließlich der islamischen.

Daniel Bigalke: Sie sind in Frage 2 auf Ihr Konzept der Viergliederung eingegangen. Was würde passieren, wenn dieses an deutschen Hochschulen konsequent gelehrt würde? Warum ist dies bisher noch nicht der Fall?

Professor Heinrichs: Die Hochschulen bilden in den Sozial- und Geisteswissenschaften leider nicht mehr die Avantgarde der Gesellschaft. Die Erkennenden sind weitgehend (Ausnahmen bestätigen die Regel!) zu Erkenntnisbeamten korrumpiert, denen es nicht um jeden Preis um Wahrheit und Gemeinwohl geht, sondern erst einmal und dann noch einmal um ihr gutes Auskommen und Prestige. Man kann nicht zugleich der Wahrheit dienen und dem Mammon. Also wird man auch nicht die „lautlose Ansteckung" der Ideen (Hegel) auslösen und eine solche mittragen können. Diese Ideen brauchten nur an einigen glaubwürdigen Stellen gelehrt werden, um sich über das ganze Land zu verbreiten und eine friedliche Revolution auszulösen. Nicht umsonst versucht man das seit dreißig Jahren zu verhindern! Untergründig tobt ein Kampf der Ideen, doch den Wenigsten ist das bewusst, selbst unter den saturierten Hochschullehrern.

Daniel Bigalke: Sehen sie sich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Rezeption Ihrer Philosophie eher als Optimisten oder Pessimisten, vor allem hinsichtlich der entsprechend vorauszusetzenden Reflexionsbereitschaft innerhalb der heutigen Politikerklasse?

Professor Heinrichs: Von der derzeitigen Politikerklasse als solcher ist nichts zu erwarten. Nur von einzelnen, selbständig fühlenden und denkenden Persönlichkeiten, die aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur kommen können. Was die Klassen und Kasten angeht, so bin ich also pessimistisch. Doch die Menschen lassen sich, je länger, desto weniger in solche Kasten einsperren und gängeln. Der falsche und faule Optimismus des Mitläufertums wird einem klarsichtigen und aktiven Optimismus der Ideen Platz machen. Diesbezüglich bin ich jetzt schon optimistisch.

Daniel Bigalke: Für Sie geht es also um einen Rahmen, in dem Philosophie als wissenschaftlich disziplinierte Art von ganzheitlicher Weltanschauung - und zwar für jedermann - auftritt. Worin besteht diese Interdisziplinarität genau? Sind Nicht-Philosophen - beispielsweise Politiker - und in akademischer Sterilität verharrende Schulphilosophen ihrer fähig?

Professor Heinrichs: Jeder Mensch ist der Wahrheitserkenntnis fähig, wenn er seine eigene innere Korruption, seine opportunistische Unterordnung der höchsten Werte unter die vordergründigen, überwindet. Das fällt einem Erkenntnisbeamten wie einem Parteipolitiker auf ihren jeweiligen Pfründen freilich schwerer, als den vielen Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben als die Ketten ihrer Illusionen. Wie heißt es in den Evangelien: Breit ist die Straße, die ins Verderben führt, aber schmal der Pfad, der zum Heil führt, und nur wenige sind es, die ihn gehen. Das war zwar mehr oder weniger zu allen Zeiten so. Doch der springende Punkt scheint mir heute, dass die Menschen des Mitläufertums allmählich satt sind, dass sie den öffentlichen Betrug durchschauen und die wirkliche Chance ihres individuellen Selbstseins verstehen lernen. Und zwar endlich anders als in der pervertierten Form des Egoismus: eine gemeinwohlorientierte Selbstständigkeit, darum geht es. Eine solche bereitet sich in den Wirren des fehlgeleiteten Individualismus vor. An die Stelle der verlogenen, abwiegelnden Appelle an die Einzelnen („jeder muss bei sich selbst anfangen": als könnten sie die strukturellen Defizite unseres Wirtschafts- und Politiksystems durch ihr persönliches Verhalten kompensieren!) wird die Erkenntnis treten, dass das Denken in und fürs Allgemeine tatsächlich dessen Strukturen zu ändern vermag - wenn nur die Verbündung gelingt.

Daniel Bigalke: Um abzuschließen, bitte ich Sie kurz darzulegen, worin Ihre Wertschätzung des Deutschen Idealismus besteht. Was macht diesen aus und wie kann derselbe konkret gelebt und heute gedacht werden?

Professor Heinrichs: Der Deutsche Idealismus ist eine Reflexionstheorie, im Prinzip schon dieselbe, von der ich anfangs sprach, ein großer Schritt auf dem Wege der methodischen Selbsterfassung der menschlichen Reflexion, und daher eine „das ganze Menschengeschlecht betreffende Angelegenheit" (Heinrich Heine), damals wie heute. Also nicht im Sinne eines historisch abgeschlossenen Vorgangs, sowenig wie Rechtsstaat und Demokratie, sondern als eine fortzuführende Aufgabe. Wenn Sie anfangs nach meiner „Leistung" fragten: Diese wäre nicht ohne meine großen Lehrer Kant, Fichte, Hegel und noch einige andere (aus dem 20. Jahrhundert Gotthard Günther) möglich gewesen. Aber diese Lehrer wollten nicht, dass man ihnen etwa wie Sektenführern nachfolgt oder sie wie Mumien behandelt, Sie zeichnen sich als leidenschaftliche Forscher und Lehrer dadurch aus, dass sie uns instand setzen, weiter zu gehen, wo immer es nötig und möglich ist. Das sowohl nötig wie möglich.

Daniel Bigalke: Es ist ganz klar, daß man im Zuge dieser Darlegungen Ihren Hyperion-Kommentar nicht unerwähnt lassen darf. Dort nämlich heißt es, es bedürfe in Deutschland zur Verbesserung der Verhältnisse der künstlerisch-philosophischen Einsicht, zusammen mit geschichtlicher Selbstbesinnung auf die bisher nicht erfüllte philosophisch-politische Mission Deutschlands in der Mitte Europas. Worin besteht diese Mission und zu welchem Verhalten raten Sie denjenigen Deutschen in der Minderheit, die dies erkannt haben?

Professor Heinrichs: Ja, Hölderlin hätte ich noch unter meinen großen Lehrern nennen können. Aber er ist mir als Dichter-Denker noch mehr als ein Lehrer: eine Kraftquelle, durch die Vertiefung vieler Einsichten in der Dichte und Schönheit einer Sprache, die ihresgleichen höchstens in einzelnen Perlen von Gedichten findet, bei den großen Weimarer Klassikern wie bis heute. Der Titel meines Buches „Revolution aus Geist und Liebe" klang ja inhaltlich schon an: Es kann sich bei einem Evolutionssprung unserer Gemeinwesen nicht um hemdsärmelig-vordergründige „Reformen" handeln (dieses Wort wird ohnehin seit Jahren unerträglich missbraucht). Hölderlin ist der Deutsche Idealismus in Dichtungsform. Das „Deutsche" am Idealismus ist wie das Deutsche an Bach, Mozart, Beethoven und all unseren großen Musikern. Wir haben unseren Beitrag zur Menschheit aus einer bestimmten Art von Innerlichkeits- oder eben Reflexionskultur heraus zu leisten. Diese Kultur hat auch ihre besonderen Gefährdungen. Keiner hat sie kühner auf den Punkt gebracht als Hölderlin im vorletzten Brief seines „Hyperion" („So kam ich unter die Deutschen..."), Bisher scheint diese Art von Berufung, trotz allem, noch nicht adäquat an andere Kulturen übergegangen zu sein. Wir dürfen, nein müssen ihr noch folgen. Das ist nun wirklich etwas anderes, als politische Brandstiftung bei uns zuzulassen, und geradezu notwendig, um.Verirrungen dieser Art zu vorzubeugen. Der Missbrauch von „deutsch" war damals wie heute die Karikatur unserer weiter geltenden Berufung zu einem wesentlichen Menschheitsbeitrag.

Daniel Bigalke: Lieber Herr Prof. Heinrichs, wir haben damit einen Teil des philosophisch abgehandelten Spektrums Ihrer Schriften umrissen. Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Daniel Bigalke, Buechertitel.de.

Zur Internet-Seite von Johannes Heinrichs



Veröffentlichungen von Professor Johannes Heinrichs:

Kultur - in der Kunst der Begriffe


Verlag: Steno Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 9544493271
ISBN-13: 978-9544493271
213 Seiten
10,00 Euro



Handlungen. Das periodische System der Handlungsarten; Philosophische Semiotik Teil I


Verlag: Steno Verlag
ISBN-10: 9544493190
ISBN-13: 978-9544493196
512 Seiten
16,50 Euro



Revolution aus Geist und Liebe. Hölderlins Hyperion durchgehend kommentiert



Verlag: Steno Verlag
ISBN-10: 9544493115
ISBN-13: 978-9544493110
597 Seiten
22,00 Euro

Öko - Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe



Verlag: Steno Verlag
ISBN-10: 9544493085
ISBN-13: 978-9544493080
406 Seiten
16,00 Euro


Sprung aus dem Teufelskreis. Sozialethische Wirtschaftstheorie - Bd. 1

Verlag: Steno Verlag
ISBN-10: 9544492003
ISBN-13: 978-9544492007
389 Seiten
20,00 Euro


Demokratiemanifest für die schweigende Mehrheit. Die "Revolution der Demokratie" in Kürze

Verlag: Steno Verlag
ISBN-10: 9544492011
ISBN-13: 978-9544492014
119 Seiten
10,00 Euro




Veröffentlichung von Daniel Bigalke:

Der Streit um die deutsche Nachkriegsdemokratie


Verlag: Vdm Verlag Dr. Müller
ISBN-10: 3836431262
ISBN-13: 978-3836431262
168 Seiten
59,00 Euro

Ihr Kommentar

Kommentar von Hans Brandt | 03.09.2011

Sehr geehrter Herr Bigalke,
Ihr Interview mit Professor Dr. Heinrichs ist außerordentlich reich an Gedanken, die eigentlich die deutsche Öffentlichkeit - und nicht nur sie - bewegen. Nur - diese Wahrheit bleibt im Internet versteckt. Ich möchte aber versuchen, etwas zur Verbreitung zu tun. Ich bin Mitglied der Linkspartei und wenn wir einen demokratischen Sozialismus wollen, der nur friedlich sein soll, kommen wir um eine "Revolution der Demokratie" nicht herum. - Ihr Interview mit Prof. Heinrichs hätte ich gerne gedruckt und verbreitet. Könnten Sie es mir als Anhang senden? - Danke und freundliche Grüße - Hans Brandt

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