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Interview mit Rebecca Abe


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Kurzvita


1967 in Starnberg geboren. Nach einer Ausbildung zur Grafik-Designerin in München, lebt sie als freiberufliche Schriftstellerin und Illustratorin mit ihrer Familie in Pöcking am Starnberger See.


Rebecca Abe war bisher für ihre Illustrationen bekannt. Mit „Das Gedächtnis der Lüge“ veröffentlicht sie ihren ersten Roman: Eine Geschichte, die sich vor allem durch den Stil, die Struktur und die außergewöhnlichen Figuren auszeichnet.
Mehr über die Autorin: www.r-abe.de





Liebe Rebecca, du schreibst und illustrierst. Was liegt dir aber mehr am Herzen?


Beides gleich. Beides habe ich mir hart erarbeitet, beides übe ich mit besessener Leidenschaft aus. Ich denke in Bildern, was mir für beide Berufe nützlich ist.

Was begeistert dich beim Schreiben ganz besonders, was – beim Illustrieren?

Wenn ich illustriere, versuche ich im besten Fall (und wenn es der Lektor erlaubt) den Text zwischen den Zeilen mit meinen Bildern zu bereichern, auch kann ich mit Ausdrucksmöglichkeiten, verschiedenen Mal-Techniken, auch Collage, arbeiten, um meine innere Vorstellung der Illustration darzustellen. Ähnlich ist es beim Schreiben, es gibt eine unscharfe Szene in meinem Kopf, die ich im Text beschreibe, dazu kommen Geräusche, Gerüche, Gefühle. Mich begeistert am Ende, dass das Bild im Kopf verschwunden ist, und von etwas Neuen, anderen, auf Papier abgelöst wurde.

Mit „Das Gedächtnis der Lüge“ legst du ein außergewöhnliches Buch vor. Wie entstand dieser Gegenwartsroman ?

Ich hörte 2001 das erste Mal dieses Wort: Lebensborn und konnte nicht glauben, dass es Geburtshäuser für unehelich Schwangere in der Nazizeit gegeben haben sollte. Ich fing an zu recherchieren und stieß auf die dunkle Seite der „Lebensborn“-Heime. Die Nationalsozialisten, vorrangig Heinrich Himmler, der in meinem Roman auch eine Rolle spielt, wollte eine arische Elite züchten, indem sie unehelich Schwangeren, wenn sie den „rassischen“ Vorstellungen der SS entsprachen, eine geheime Schwangerschaft und Geburt ermöglichten.
Ich sprach mit vielen Zeitzeugen, reiste auch nach Norwegen, wo nach Meinung Heinrich Himmlers die „perfekten“ Frauen wohnten. Parallel dazu dachte ich mir eine Romanhandlung aus, in der ich drei Lebensgeschichten von Frauen, eine in der Gegenwart, zwei um 1945 herum, verwob.

Welche Quellen haben dir bei deiner Recherche am meisten geholfen?

Sachbücher über den Lebensborn, Titel: "Deutsche Mutter, bist du bereit...Alltag im Lebensborn" von Dorothee Schmitz-Köster und "Der Lebensborn e. V." von Georg Lilienthal habe ich gelesen. In Lilienthals Buch bekommt man einen guten Überblick über den Lebensborn allgemein, in Schmitz-Kösters Buch hat man Einblick in den Alltag eines Lebensbornheimes, der dann für meinen Roman besonders interessant war. In der Sendung "kulturzeit" auf 3sat, die der Auslöser für meinen Roman war, weil ich dort das erste Mal das Wort "Lebensborn" hörte, wurde in einem Beitrag vom Schicksal der Helga Karau erzählt. Ich machte Frau Karau ausfindig und sie besuchte mich, wir unterhielten uns. So bekam ich einen ersten Einblick in das Leben eines "Lebensbornkindes". Da existierte noch keine Zeile des Romans. Am Ende, als der Roman fertig war, reiste ich nach Norwegen und interviewte in einem Hotelfoyer in Oslo Kikki Skjermo, deren Vater deutscher Soldat und deren Mutter Norwegerin war. Kikki bekam eine "Haut von Gansen" als sie von meinem Titel des Buches erfuhr.

Du hast dir kein einfaches Thema für dein Debüt ausgesucht. Auch der Stil und der Aufbau des Romans sind keine leichte Kost.

Ich gebe zu, ich habe sehr verknappt geschrieben, ich wollte den Leser keinesfalls langweilen, das dabei dann kein entspanntes Zurücklehnen herauskommt, war nicht beabsichtigt. Es ist wie ein Puzzle, glaube ich, wenn man sich den Himmel "erarbeitet" hat, wird es leichter. Dabei habe ich nicht bewusst "schwierig" geschrieben, nur so, wie ich es selbst gerne bei meinen Vorbildern lese.

In der Geschichte gibt es mehrere Stränge. Welcher hat dich am meisten bewegt?

Bewegt, im Sinne von persönlich berührt, hat mich der Hauptstrang von Miriam in der Gegenwart. Sie muss das Familiengeheimnis aufdecken und ihre schmerzliche Wahrheit finden.

Wie siehst du die Figur Miriam?

Ich sehe Miriam als eine Frau, die sehr selbstbestimmt lebt und scheinbar mit sich im Reinen ist, wäre da nicht die Vergangenheit, die sie, mit 40 Jahren ungewollt schwanger, nicht mehr loslässt. Sie will verstehen, was damals geschah, als ihre Mutter spurlos verschwand. Eine Klassenkameradin hatte ein ähnliches Schicksal, mehr darf ich nicht verraten, weil es sich ja erst am Ende des Buches auflöst.

Man kann durchaus sagen, der Roman sei literarisch. Was bedeutet für dich „literarisches Schreiben“?

Neben einer spannenden Handlung ist mir auch die Sprache sehr wichtig. Wie kann ich etwas so ausdrücken, dass im Kopf des Lesers ein Bild entsteht. Die Regel für mich ist: So lange schürfen, d. h. überarbeiten, bis ein authentisches Bild entsteht, das berührt.

Wie erreichst du diese authentischen Bilder?

Als Beispiel, Miriams verschwundene Mutter, Franziska, um die sich alles dreht. Sie verschwand als Miriam drei war und es gibt keine Spur von ihr. Ich habe lange überlegt, wie ich Franziskas Perspektive einbaue, denn sie ist ja der Kern des ganzen Romans. Ich habe aus ihrer Sicht ein Tagebuch geschrieben und mich dann doch dagegen entschieden, ihr eine eigene Stimme im Roman zu geben. Alles was sie erlebt, ist in den anderen Figuren "verarbeitet", d. h. die Folgen der Ereignisse.
Angeblich kann man sich erst ab drei Jahre erinnern, andererseits sagt man, dass die ersten drei Lebensjahre prägend sind. Miriam weiß nicht, ob die Erinnerungen an ihre Mutter Erzählungen der Oma oder ihres Vaters sind oder doch ihre eigenen oder einfach nur Wunschfantasien. Erst als sie so etwas ähnliches als Erwachsene nochmal erlebt, in demselben Zimmer aufwacht, in das sie kam, als sie drei war oder an den Ort des Unglücks zurück geht, kommt die Erinnerung zurück. Als Brücke zur Aufarbeitung habe ich die Puppe ihrer Kindheit benutzt. Miriam findet sie wieder und mit ihr zu ihrem Unbewussten. Dies ist ein bisschen autobiografisch. Ich habe meiner Puppe auch eine eigene Stimme, in einem ganz bestimmten Tonfall gegeben und mit ihr dann im Dialog gesprochen.

Das hört sich nach einer mühsamen Arbeit.

Ja, das ist manchmal Schwerstarbeit, manchmal auch ganz leicht. Es gibt ja Figuren, wie in „Das Gedächtnis der Lüge“, die Maria Ringhofer, die bringen ihre Sprache mit, da brauche ich dann kaum noch etwas tun, außer ihr ab und zu den Mund zu verbieten (schließlich ist sie nicht die Hauptfigur).

Kannst du uns ein Beispiel von Maria Ringhofers Sprache geben?

Maria Ringhofer, Miriams Oma, ist ein Hypochonder und sie biegt sich die Wirklichkeit zurecht, so wie es braucht, dabei widerspricht sie sich oft in einem Satz. Durch diese "verrückte" Art zeigt sie das Absurde des Dritten Reichs auf. Als Beispiel Maria im Gespräch mit ihrem Mann Alfred, der Briefträger ist. Sie hat einen Termin beim Frauenarzt des Lebensborn, SS-Obersturmbahnführer Dr. Gregor Ebner, und ist am Tag zuvor schon nervös.
S. 72: "Wie sagt man jetzt, Fredi: Guten Morgen, Heil Hitler oder Heil Hitler, guten Morgen. Halt still", Maria träufelte Jod auf einen Wattebausch und drückte es auf Alfreds Hals.
"Wieso?", krächzte er.
"Die Fleischerin wusste es auch nicht genau, und wenn ich morgen was Falsches sage ... Das nässt wieder arg. Weil du immer so halsnackt herum radelst."
"Au, nicht so fest. Wieso guten Morgen?" Seit über zehn Jahren heilhitlern wir jetzt und du hast noch nie darüber nachgedacht."
Sie zupfte etwas wilde Haut von der Halswunde."Ja, ob Grüß Gott oder Heil Hitler, das ist doch gleich. Ich bin morgen die Erste, die den Chef sieht. Sag ich Herr Oberführer-SS Dr. Ebner oder Dr. Ebner, SS-Oberführer und dann noch guten Morgen, das wird ja ewig lang."
"Schwierig, und wenn du immer an mir zupfst, dann heilt das Loch ja nie zu."
"Sei nicht so zimperlich. Hinlegen muss ich mich, damit er hineinschauen kann, ob es unserem Bub gut geht und du musst nur stillhalten. Wenn du bei der SS wärst, dann wüssten wir, wie man mit solchen redet."


Du hast in einem kleinen Verlag veröffentlicht. Warum?

Es gab einige Interessenten von großen Verlagen für den Roman, die dann aber doch abgesagt haben. Skalding war der erste Verlag, der das Manuskript nehmen wollte, wenn ich die Anfangsszene, die Geburt, abänderte. Die hatte ich ursprünglich aus der Sicht des ungeborenen Kindes geschrieben. Nun ist sie aus der Sicht der Hebamme. Ich erhoffte mir, bei einem Kleinverlag, mehr Mitspracherecht, bei der Innengestaltung und beim Cover z. B. Dem war nicht so.

Planst du auch weitere Bücher für Erwachsene?

Mein zweiter Roman, den ich im Frühjahr abgeschlossen habe, ist ein historischer Thriller, der im 16. Jahrhundert in Deutschland und Italien spielt, doppelt so dick wie "Das Gedächtnis der Lüge". Für ihn sucht mein Agent gerade einen Verlag. Ich neige stark zum Kriminalroman, auch GdL birgt ja ein Verbrechen, sogar mehrere. Zu Schreiben begonnen habe ich übrigens mit Krimi-Kurzgeschichten. Deshalb ist nun mein dritter Roman, an dem ich gerade schreibe, ein Kriminalroman, der in der Gegenwart spielt, Schauplatz ist München, die schönste Stadt der Welt.

Vielen Dank für das Gespräch, Rebecca!

Das Gespräch führte die Autorin Olga A. Krouk.



Veröffentlichung:

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Das Gedächtnis der Lüge
Verlag: Skalding
ISBN-10: 3940695025
ISBN-13: 978-3940695024
264 Seiten
14,80 Euro

Das Buch bestellen bei
amazon.de
weltbild.de

 
Leseprobe

Eine Familie, in der nichts ist, wie es scheint. Eine Lüge, die langsam in Vergessenheit gerät. Und eine Vergangenheit, die dunkler nicht sein kann. Miriam ist vierzig und schwanger, als sie beginnt, die Geschichte ihrer Familie zu hinterfragen. Wohin verschwand die Mutter, als Miriam drei Jahre alt war? Warum ließ der Vater das kleine Mädchen bei der allzu strengen Großmutter zurück? Welche Verbindung hatte die Großmutter zum nahen Lebensbornheim, und welches Geheimnis nahm sie mit ins Grab? Die Vergangenheit, die gemeinsame Geschichte unserer Familie, bestimmt unsere Identität. Miriams Entdeckungen bringen ihr Weltbild ins Schwanken, aber jetzt will sie endlich erfahren, wer sie wirklich ist.



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