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Jahrbuch für Natur und Mythos




Jahrbuch für Natur und Mythos
Klaus Gauger
Verlag: Edition Arnshaugk
ISBN-10: 3926370513
ISBN-13: 978-3926370518
527 Seiten



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Rezension von Daniel Bigalke

Es gibt Formen des inneren Niedergangs in demokratischen Staatsformen. Aus ihnen entweicht der Geist der Aufrichtigkeit und das Potenzial, anstelle nur zu reagieren auch aktiv zu handeln und Lösungen zu setzen. Eine Art Sumpflandschaft ist das Ergebnis, in der jeder innovativer Ansatz versickert und nichts Neues mehr auf den Weg gebracht werden kann. Und während die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland faktisch aus dem politischen System ausgestiegen ist, werden Parteien nur noch zu Dienstleistungsapparaten für den Einzelnen, dessen Kompetenzen wenig zählen und dessen individueller Machtbereich zunehmend verstaatlicht und bürokratisch verwaltet wird. Derartige Krisenzeiten brachten jedoch immer die konservativen Kräfte zusammen, um die Eigentumsrechte und die Freiheit des Einzelnen gegen die drohende Verstaatlichung zu schützen.

Nach der liberalen Ideologie standen sich aber nur gleiche und freie Warenbesitzer gegenüber. Bürgerliche Freiheitsrechte jedoch werden abstrakt gehalten und als moralisches Postulat vorgestellt, das verfassungsmäßig nicht eingeklagt werden kann. Das Recht auf Arbeit bleibt ein abstrakter Anspruch. Über Ausnahmeparagraphen wird das Postulat der Freiheit gestellt und wieder revidierbar gemacht. So war der Republikanismus innerhalb der Monarchie und des Absolutismus oftmals eine Waffe der aufsteigenden bürgerlichen Gesellschaft, die traditionellen Klassen zurückzudrängen und den Staat in Besitz zu nehmen. Der Marxismus oder der Liberalismus scheinen vor diesem Hintergrund als die "Religionen der Moderne" auf, wie es Günther Rohrmoser einst schrieb. Sie sorgen für eine säkular dargestellte Moderne, in welcher der Glaube schwindet, sich ein intellektueller Zynismus einstellt und das Gemeinschaftsgefüge letztendlich im Nihilismus endet.

Die Suche nach einem Sinnbild für die Sprengkraft des konservativen Denkens

Nach Hegel löst sich diese sich selbst überlassene Gesellschaft allein auf. Eine liberale Demokratie sei ohne eine funktionierende Öffentlichkeit nicht möglich. Der Verzicht auf eine öffentlich anerkannte Wahrheit sei für den Liberalismus nämlich zentral. Denken wir weiter, so gibt es jetzt nur noch zwei Möglichkeiten: Jeder kämpft gegen jeden oder man einigt sich über Verfahren, welche die Eventualität des Kampfes nicht leugnen, aber politische Verfahren zur Kanalisierung multipler Ambitionen vor dem Hintergrund gewachsener Werte ebenso ernst nehmen. Dies ist das Anliegen der Konservativen. Sie wandten sich gegen das moderne Unterfangen einer Abschaffung von Kontingenz oder der von Joseph Proudhon markierten "Defatalisierung des Schicksals", hielten aber auch eine entsprechend erfolgreiche Politik im Vertrauen auf das Gewachsene für realisierbar.

Ein neues konservatives Jahrbuch 2009 ist soeben erschienen. Es steht in seinem Volumen und in der Sprengkraft seiner enthaltenen Beiträge für das Konservative, welches sich gegen individualisierende und rationalisierende Tendenzen wendet und die sittlichen Kräfte von Tradition, Geschichte, Natur und Religion würdigt. Das Jahrbuch trägt den Namen einer starken Frau - "Diktynna". Der Verlag "Arnshaugk" tut dies - so die Ankündigung - in der Überzeugung, daß der Weg der Moderne mit einigem Recht als männlicher Irrweg gedeutet werden könne. Die starke Frau steht für die wirkliche Welt, nicht für das Prinzip des Digitalen, dem gegenüber kritische Konservative mit Recht zu fragen geneigt sind, warum nicht schon längst alles verschwunden und virtualisiert ist.

Diktynna war eine Nymphe auf der Insel Kreta. Sie war eine Tochter von Zeus und Karme, einer Tochter von Euboulos. Der König Minos stellte ihr nach, bis sie vor ihm floh und sich ins Meer warf. Artemis half ihr und machte sie zu einer Göttin unter dem Namen Diktynna, die Gefangene mit dem Netz. Diktynna diente Artemis und schützte Gebirge, Küsten, Netze und Häfen. Der industrielle Zentralismus hingegen behandelt die Provinz, das Land, die Natur, das Meer oder das Reich des Urtümlichen und den darin lebenden Einzelnen in seinen vernetzten Zusammenhängen als seien diese Konfigurationen ohne Bedeutung und lediglich der Gewinnmaximierung dienlich. Das hebt die Identität und Würde der Menschen und der Natur auf. Das mit Füßen getretene Recht ist das der natürlichen Existenz und der gewachsenen Identität. Kurz: Dieser Universalismus dient dem Allgemeinmenschlichen, der das abweichende Natürliche und Konkrete als unmenschlich, primitiv denunziert und es als unzivilisiert auszurotten versucht. So steht oft die Entscheidung zwischen Identität oder Entfremdung im Raume. In diesem Gerangel plädiert das vorliegende Jahrbuch eindeutig für die Identität.

Der Eigenwert des einzelnen Menschen in Gebundenheit und Freiheit

Das Jahrbuch ist Ausdruck einer Haltung, die viele Menschen als Gefangene der modernen Gesellschaft sieht, aber eben nicht als wehrlose Teile derselben. Das Netz der "Diktynna" ist hier nicht nur ein Mittel zum Fang, sondern auch ein Geflecht von Strängen und Knoten. Der Gedanke des Netzwerkes ist eine konservative Idee. Jeder Knoten hat seinen Eigenwert, und seine eigene Stellung gegenüber den anderen. Seine Freiheit liegt in seiner Gebundenheit. Identität und Gebundenheit basieren auf Gemeinsamem, Wiedererkanntem und auf der Einsicht in das Andere, das Fremde und Eigentümliche.

Die enthaltenen Beiträge, Aufsätze, Buchbesprechnungen, Erzählungen, Fahrtenbererichte und Romanauszüge stellen damit ein grandioses Werk konservativer Welt- und Lebensentwürfe im 21. Jarhhundert vor. Autoren wie Wolf von Aichelburg, Bernhard Borgeest, Daniel Bigalke, Emma Brunner-Traut, Ingeborg Clarus, Klaus Gauger, Till Kinzel, Timo Kölling, Ralf Küttelwesch, Uwe Lammla, Baal Müller, Günter Rohrmoser, Rolf Schilling, Viktor Streck oder Fritz Usinger stellen Gedanken vor, die nicht nur die zu Papier gebrachten Ergebnisse versprengter Einzelkämpfer sind, sondern gedankliche Dimensionen für viele Menschen eröffnen. Sie atmen den Geist des Kampfes gegen den Totalitarismus als Produkt der Krise des liberalen Systems. Sie bieten Auswege zu den Prognosen der kulturkritischen Konservativen, Friedrich Nietzsche oder Jacob Burckhardt, die darauf hingewiesen haben, daß sich ein sanfter egalitärer konsumistischer Totalitarismus durchsetzen werde und eine totale Gleichschaltung der Gesellschaft erreiche. So kommen im Buch Christliches mit Heidnischem zusammen, Botanik mit Naturerotik, Bildungstradition mit Naivität, Universales mit Deutschem und Reflexion mit Erlebnis.

"Die Erde ist fruchtbar wie seit je"

Erfreulich ist der emotionelle Duktus des Werkes, der keinen Grund zum Verzagen sieht und die Erde als noch fruchtbar wie seit jeher ansieht. So liegt alles in allem ein bedeutendes Werk des deutschen und modernen Konservatismus vor, das gegen gleichmacherische und inhumane Ideologien den Imperativ: "Wage es, dich deines Verstandes zu bedienen!" mit jeder Zeile dem Leser anempfiehlt. Daß Menschen noch nach dieser Maxime leben, beweist, daß es zumindest für die schreibenden Autoren für die Rückkehr eines neuen Gleichgewichtes zwischen Mensch und Schöpfung noch nicht zu spät sein muß.

"Diktynna" als Vorzeigepublikation der Edition Arnshaugk ist ein überzeugendes Medium, dem eine breite Wirkung zu wünschen ist.


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