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Jörg Kastner - Nicht nur Geistesblitze - Von der Idee zum Roman




Quelle Foto: Jörg Kastner (©FinePic, München/Helmut Henkensiefken)

Jörg Kastner, geboren 1962 in Minden an der Weser, hat nach erfolgreichem Jurastudium aus der Liebe zum Schreiben einen Beruf gemacht. Genau Recherche und die Kunst, unwiderstehlich spannend zu erzählen, zeichnen seine Romane aus. Bislang in zwölf Sprachen übersetzt, sind seine Bücher auch im Ausland sehr erfolgreich. Zu seinen größten Erfolgen zählen die fünfbändige Germanensaga, beginnend mit „Thorag oder Die Rückkehr des Germanen", der Rembrandt-Roman „Die Farbe Blau" und seine mit dem Roman „Engelspapst" beginnende Reihe von Vatikanthrillern. Jörg Kastner lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Corinna Kastner, in Hannover.

Mehr über den Autor können Sie auf seiner Website erfahren: www.kastners-welten.de

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Nicht nur Geistesblitze - Von der Idee zum Roman

VON JÖRG KASTNER

„Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen?" Diese Frage hört ein Romanautor oft, in Interviews von Journalisten oder bei Lesungen vom interessierten Publikum. Natürlich wäre eine Antwort wie „Die Muse hat mich einfach so geküßt" ebenso genial bequem wie auch heroisierend. Der Autor quasi als direkter Draht „nach oben", als Missing Link zwischen Mensch und göttlicher Inspiration, der nur darauf wartet, daß ihn der Geistesblitz trifft, ihn der Odem höherer Mächte streift. Vielleicht gibt es Autorenkollegen, auf die das zutrifft - oder zumindest solche, die es von sich selbst glauben. Ich für mein Teil muß mich da wesentlich bescheidener geben und zugestehen, daß ich mir Romanstoffe manchmal schwer erarbeiten muß, ja, daß sie zuweilen gar von außen an mich herangetragen werden. Und das sind oft nicht die schlechtesten.

Schon die Idee zu meinem ersten großen historischen Roman „Thorag oder Die Rückkehr des Germanen" geht auf einen Anruf meines damaligen Lektors im Hause Lübbe zurück. Der Verlag suche händeringend nach einem Autor, der ihm einen prallen Roman aus der Germanenzeit schreibt, sagte er mir, und ich erklärte mich stante pede interessiert. Jetzt begann das Autorenhirn zu arbeiten, und schnell stand für mich fest, daß ich eine Geschichte rund um die Varus-Schlacht und den Cheruskerfürsten Arminius schreiben wollte, liegt das Hermannsdenkmal doch nicht weit von meiner Geburtsstadt Minden entfernt, und auch die Schlacht (lassen wir den Theorienstreit über die wahre Walstatt einmal außen vor) dürfte in relativer Nähe ausgefochten worden sein. Der Stoff begeisterte mich, ich stürzte mich in die Recherche, schrieb das Exposé für den ersten Roman, und ganz am Ende hatte ich eine fünfbändige Romansaga um Arminius und seinen fiktiven Weggefährten Thorag geschrieben. Heute frage ich mich, wieso ich nicht selbst auf die Germanen als Thema gekommen bin, aber ohne besagten Lektor wären die vielen tausend Seiten wohl nie geschrieben worden. Er riet mir übrigens, ich solle in Interviews und bei Lesungen sagen, es sei mir schon immer ein Anliegen gewesen, die Germanen auf der literarischen Landkarte zu verewigen.

Derselbe Lektor - offensichtlich ein Mann mit dem Gespür für den richtigen Stoff - sandte mir wenige Jahre später einen kaum mehr als briefmarkengroßen Zeitungsartikel über den hochmittelalterlichen Aufstand der Kölner Bürger gegen ihren Erzbischof Anno zu und fragte, ob ich daraus einen Roman machen könne. Gerade in und um Köln würde sich das bestimmt sehr gut verkaufen. Also schrieb ich „Anno 1074 - Der Aufstand gegen den Kölner Erzbischof", und mein Lektor behielt, was den Verkauf betrifft, recht.

Aber nicht nur Lektoren können einen Schriftsteller auf Romanideen bringen, sondern auch Autorenkollegen, sogar bereits verstorbene. So ging es mir mit Victor Hugo und seinem wunderbaren Roman „Notre-Dame de Paris", den man hierzulande unter dem Titel „Der Glöckner von Notre-Dame" kennt. Hugo hat akribische historische Recherchen betrieben und sehr lange an dem Werk gearbeitet, und doch beinhaltet es ein paar krasse historische Fehler. Ich stellte mir die Frage, ob er sich nicht geirrt, sondern bewußt etwas Falsches zu Papier gebracht hatte. Und falls ja, warum? Und schon war die Idee zu meinem Roman „Im Schatten von Notre-Dame" geboren, der die Welt und die Charaktere aus dem „Glöckner von Notre-Dame" aufgreift, um die Geschichte hinter Hugos Geschichte zu erzählen, keine Fortsetzung also zum „Glöckner", sondern eine Parallelerzählung.

Daß ein Autor sich in der literarischen Welt eines Kollegen tummelt, kommt häufig vor und kann verschiedene Gründe haben. Zuweilen bereitet es ganz einfach Spaß, mit literarischen Figuren eines anderen Autors zu arbeiten, weil sie einem so sehr ans Herz gewachsen sind. So verfaßte auch ich, wie so viele andere Autoren, neue Romane und Geschichten um Sir Arthur Conan Doyles klassischen Detektiv Sherlock Holmes. Zuweilen schreit ein Stoff geradezu danach, geschrieben zu werden, wie ich es bei meinem Roman „Die Oase des Scheitans" empfand. Darin erzähle ich, wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar einander zum ersten Mal begegnen - eine Frage, die sich schon unzählige Karl-May-Leser gestellt haben.

Nicht nur den Markt wie ihre Westentasche kennende Lektoren und große Autorenkollegen des 19. Jahrhunderts befruchten mich mit Ideen. In unserer heutigen multmedialen Welt kann ein Zeitungsartikel, ein Beitrag im World Wide Web, eine Meldung im Radio oder eine Fernsehsendung den zündenden Funken für eine Romanidee liefern. In den späten Neunzigern sah ich im Fernsehen einen eher kurzen Dokumentarfilm über die Päpstliche Schweizergarde und war sofort fasziniert. Die kleinste Armee der Welt, vor fünfhundert Jahren gegründet, noch immer im Dienst, Wache der vielleicht faszinierendsten Persönlichkeit der Welt - des Papstes. Wenn das kein Romanthema war, was dann? Der Gedanke durchfuhr mich schlagartig und kam damit dem eingangs erwähnten Geistesblitz doch recht nahe. Den Ausgangspunkt für meine Geschichte fand ich kurz darauf, als sich der mysteriöse Mord am damaligen Kommandanten der Schweizer Garde, Alois Estermann, und seiner Frau ereignete. So schrieb ich meinen ersten Vatikanthriller, „Engelspapst", an dessen Anfang ebenfalls ein Doppelmord am Kommandaten der Schweizergarde und seiner Gattin steht.

Viele Romanthemen entstehen aber auch am Schreibtisch. Mitten in der Recherche zu einem Buch stoße ich oft auf interessante Fakten, die zwar gar nicht zu dem Roman passen, an dem ich gerade arbeite, die aber doch einen tollen Romanstoff oder zumindest eine interessante Nebenhandlung für ein ganz anderes Buch zu versprechen scheinen. Also lege ich Notizen an, mache mir Kopien aus den betreffenden Büchern und lege das Ganze erst einmal beiseite, bis die Frucht reif ist, gepflückt zu werden, sprich: der Roman, geschrieben zu werden. Das geht mal schneller, mal dauert es länger, und manchmal müssen zwei Ideen erst zueinanderfinden. So ging ich jahrelang mit der Idee schwanger, einen Roman über Amsterdam im Zeitalter Rembrandts zu schreiben, das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande, als Amsterdam ein boomendes Handelszentrum war, ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen, somit der ideale Ort für einen spannenden, farbenprächtigen historischen Roman. Ich hatte also den Schauplatz und die Zeit, aber die packende Idee für die Handlung wollte mir einfach nicht kommen. Bis ich mir ein anderes Thema vornahm, die geheimnisvolle Farbe Blau, die sowohl als Farbe des Göttlichen und der Könige wie auch als Farbe des Bösen, des Teufels, gilt. Plötzlich flossen beide Stoffe ineinander, und das Scharnier, das sie miteinander verband, war der Maler Rembrandt. Ich hatte den Stoff für meinen international bislang erfolgreichsten Roman gefunden: „Die Farbe Blau".

Schließlich und endlich kann ein Roman auch Geburtshelfer für einen neuen sein. Die Welt in der „Die Farbe Blau" angesiedelt ist, gefiel mir so gut, daß ich unbedingt in sie zurückkehren wollte. Und auch ein Thema für einen zweiten historischen Amsterdam-Thriller war schnell gefunden. Im ersten Roman bildete die damals prosperierende Malerei den Hintergrund meiner Geschichte, im zweiten der Tulpenwahn, dem die alten Niederländer sich hingegeben haben. Für einen historischen Thriller sind normale Tulpen natürlich nicht genug, und so beschloß ich, die dunkle Seite der beliebten Blume zu erkunden. Resultat dieser Idee ist mein neuer Roman „Die Tulpe des Bösen".

Und so wird es weitergehen mit den vielen Quellen, aus denen mir die Ideen für meine Romane zufließen, und ein Teil meiner Arbeit ist es, den unsichtbaren Schöpfeimer zu halten und die Ideen aufzufangen. Möge dieser Eimer bei mir und all meinen Kollegen stets randvoll sein!


Veröffentlichung:


Teufelszahl
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-10: 3426636379
ISBN-13: 978-3426636374
448 Seiten
7,95 Euro




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Aus dem Inhalt:

Der junge Jesuitenpater Paul Kadrell wird in den Vatikan versetzt und freut sich auf ein Wiedersehen mit seinem alten Lehrer, Pater Sorelli. Doch kurz darauf findet er Sorelli sterbend auf, grausam zugerichtet: Auf seiner Wange prangt die blutig eingeritzte Zahl des Teufels - 666. Als noch weitere Opfer mit dem Zeichen des Bösen gefunden werden, nimmt Kadrell zusammen mit der römischen Polizistin Claudia Bianchi die Ermittlungen auf. Bald stoßen die beiden auf eine geheimnisvolle Gruppe, die in den Katakomben Roms den Hort des Dämons vermutet. Und Claudia erfährt, dass ihre Familie schon seit Generationen in das uralte Geheimnis verstrickt ist ...


Im Sommer erschien von Jörg Kastner "Das Wahre Kreuz" als Taschenbuch - hier geht es zur Leseprobe.





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