Buechertitel.de - Bücher Shop

Karola Hagemann - Lust und Last: Recherche für historische Kriminalromane

 

Karola Hagemann ist 1961 geboren und lebt in Hannover. Sie studierte GEschichte, Anglistik und Diplom-Pädagogik in Hannover und ist beim Landeskriminalamt Niedersachsen für den Bereich Fortbildung verantwortlich.
Hinter dem Pseudonym Malachy Hyde verbirgt sich das Autorenteam Karola Hagemann und Ilka Stitz. Die beiden Autorinnen schreiben gemeinsam Krimis aus dem alten Rom.

Zur Internetseite von Malachy Hyde u. Hagemann & Stitz

 

 


Lust und Last: Recherche für historische Kriminalromane


VON KAROLA HAGEMANN

Daß ich im Landeskriminalamt Niedersachsen den Bereich der Fortbildung betreue, ist natürlich optimal für eine Autorin von historischen Kriminalromanen, sitze ich doch bei der täglichen Arbeit an der Quelle kriminalistischen Fachwissens - wenn auch modern, so häufig doch durchaus übertragbar - und zu Hause an den Quellen unserer antiken Ideenlieferanten, womit ich schon beim Thema wäre - Lust und Last bei der Recherche.Manchmal kann es recht schwierig sein, Fiktion mit historischen Tatsachen - so es diese überhaupt gibt - zu verbinden, wobei das Schwergewicht auf den historischen Tatsachen liegt, denn diese bilden den Rahmen unserer Geschichten, und wir bemühen uns, ein so weit wie möglich zutreffendes Bild jener Zeit zu malen. Und obwohl wir uns nun schon seit über 20 Jahren mit der Thematik beschäftigen, stellen wir immer wieder fest, es ist noch immer Neues zu entdecken. Mit jedem Buch, das man liest, eröffnen sich weitere Bücher, die man unbedingt lesen muß, fast jede Theorie, der man begegnet, hat eine Gegentheorie. Eine Lust, sich damit zu beschäftigen, die Gedanken spielen zu lassen, in langen Nächten Rätseln auf den Grund zu gehen, eine Last, sich letztlich für eine Theorie entscheiden zu müssen, die in unsere Romane Eingang findet.

Doch zunächst zur Lust: Die antiken Quellen liefern eine Vielzahl von wunderschönen Geschichten, seien es persönliche Eitelkeiten, gekränkte Gefühle, machtpolitische Spielchen - wie sie uns zum Beispiel der vielzitierte und, es sei gleich gesagt, von uns keineswegs geliebte Cicero in seinen Briefen und Reden hinterlassen hat. Seien es die gefühlvollen Gedichte eines Properz, Tibull, Ovid mit allen Spielarten von Liebesfreude, Liebeskummer oder noch ganz modern anmutenden Ratschlägen, wie der oder die Geliebte zu halten oder zu gewinnen sei - so z.B. Ovid, der empfiehlt, im Theater der auserwählten Dame imaginäre Staubpartikel oder Flusen vom Gewand zu zupfen. Es ist dies ein Spektrum an Gefühlen und Motiven, die jeder von uns ohne Probleme nachvollziehen kann. Diese begegnen uns auch in den vielsagenden Graffity aus Pompeji, wie: 'Sabina, der schöne Hermeros liebt dich', oder: 'Ich sterbe vor Liebe zu dir, ich vergehe vor Liebe, mein Leben'. Blicke in eine vergangenen Welt, auf Menschen, die noch heute zu uns sprechen, und die dazu inspirieren, ihre Gefühle und Gedanken mit unseren zu vermischen und anzureichern, um sie dann in einem Roman wieder aufleben zu lassen.

Oder man schwelgt in dem gesamten naturwissenschaftlichen Wissen jener Zeit eines Plinius, häufig von der modernen Wissenschaft bestätigt, die es einen in den Fingern jucken lassen, das Gelesene sofort zu verarbeiten. So erzählt Plinius zum Beispiel von Pythagoras, der in der Lage gewesen soll, Erdbeben durch Schmecken von Brunnenwasser vorherzusagen. Das hatte ich gerade gelesen, als das Erdbeben in Kobe Japan erschütterte, und sah im Fernsehen einen Wissenschaftler, der von seiner neuesten Entdeckung berichtete, einem äußerst vielversprechenden Ansatz, Erdbeben vorherzusagen, indem Grundwasser chemisch analysiert werde - das Wasser ändere sich in seiner Zusammensetzung. Erstaunlich, nicht wahr?

Doch bei solchen und ähnlichen Funden in den Quellen beginnt schon die erste Last. Kaum erfreut man sich an den Darstellungen der Automaten des Heron von Alexandria - er erfand zum Beispiel Statuen, die den Arm hoben - oder an Weihwassermaschinen, die bei Einwurf eines Geldstückes eine Handvoll Weihwasser abgaben - da liest man bei einem der anderen modernen Autoren, die da historische Kriminalromane schreiben, genau das gleiche Thema, weiß sofort, der saß wie ich zu Hause, begeisterte sich an der Literatur und arbeitete sie ein. Nun, die Quellen sind zwar umfangreich, aber natürlich doch begrenzt, und so sind solche Dopplungen beinahe unausweichlich. Glück, fällt es einem rechtzeitig auf; hat man jedoch das Pech, das so etwas zeitgleich passiert, oder man das Buch noch nicht kennt, gerät man leicht in den Verdacht des Abschreibens, des Ideendiebstahls.

Und dann gibt es natürlich noch die antiken Historiker, die einem Lust und Last bereiten. Unsere Romane spielen in der Zeit der ausgehenden römischen Republik, Marcus Antonius ist unsere historische Rahmenfigur. Ein faszinierender Mann, den wir sehr verehren, und der je nach Quelle eher positiv, eher negativ dargestellt wird - zum größten Teil negativ. Sie kennen ihn sicher aus Filmen als in Kleopatra vernarrten, Roms Interessen verratenden liebeskranken Mann, so war er ziemlich sicher nicht, ganz im Gegenteil, manche Quellen zeigen ihn als hervorragenden Politiker und Feldherrn, alle bescheinigen ihm immense Ausstrahlung und Lebenslust. Wir wählten für unsere Bücher den positiven Ansatz.

Die Last beginnt, findet man zum Beispiel zwei verschiedene Antworten auf die Frage, wo der Gefolgsmann des Antonius, Munatius Plancus, in dem von uns gewählten Jahr war. Wir brauchten ihn als Proconsul in der Provinz Asia, der heutigen Türkei, wo unsere Romane spielen, und wo er nach Cassius Dio auch gewesen sein soll, und erstarrten vor Schreck, als wir bei Appian lasen, er sei in der fraglichen Zeit in Italien gewesen, und dann auch noch die Interpretatoren bekräftigten, man solle doch eher Appian als Cassius Dio glauben.

Was tun? Nun, hier kommt die Freiheit des Schriftstellers in das Spiel, der Romane schreibt und keine Fachbücher - zwar bemühen wir uns, Zeit, Ort und Gepflogenheiten sauber zu recherchieren - aber dennoch schreiben wir Fiktion. So nahmen wir uns die Freiheit, Cassius Dio zu folgen, und so verwaltet Munatius Plancus in unserem Buch schon im Jahr 41 v. die Provinz Asia.

Die Lust kehrt zurück, findet man zum Beispiel in den Epigrammen des Martial folgendes kleine Gedicht, das er Octavian, dem späteren Augustus in den Mund legt. Kurz zu den handelnden Personen: Glaphyra sit eine kappadokische Königin, mir der Antonius ein Verhältnis gehabt haben soll, Fulvia Antonius‘ in Rom zurückgebliebene Ehefrau, Manius ein Freund.

Also, Octavian spricht:
Weil Antonius Glaphyra vögelte, hat mir zur Strafe,
Fulvia bestimmt, daß auch ich sie vögeln solle.
Fulvia soll ich vögeln? Was, wenn mich Manius bäte,
es mit ihm zu treiben, sollt' ich's dann tun? Ich glaube nicht, wenn ich noch bei Verstand bin.
„Entweder vögele mich, oder es gibt Krieg zwischen uns beiden", sagt sie.
Was aber, wenn mir
mein Schwanz lieber als mein Leben ist? Man blase die Trompeten zum Kampf."
Der Krieg fand übrigens als Perusinischer statt, und da hier wunderbar viel Geschichte mit damaligen Klatsch und Tratsch vermischt wird, verarbeiteten wir dieses Epigramm umgehend in einem unserer Bücher.

Manchmal werden wir gefragt, ob die Sprache und Ausdrücke, die wir unseren Protagonisten in den Mund legen, nicht zu derb, deftig und modern sind. Nun, wir glauben nicht, wie das eben zitierte Epigramm zeigt, das beileibe nicht das einzige Beispiel für derbe Sprache ist. Selbst der oben schon erwähnte Cicero bediente er sich manchmal bewußt derber Sprache, so in einer Rede gegen seinen Feind Marcus Antonius, dem er vorwarf, nach einer Geburtstagsfeier betrunken in Hausschuhen im Senat zu erscheinen und vor allen Senatoren auf den Boden zu kotzen. Das Word wählte Cicero, nicht ich.

Die Quellen sind die eine, die Schauplätze die andere Seite bei der Recherche. Unsere Schauplätze bereisen wir regelmäßig - eine Lust, in den Ruinen der antiken Städte und Orte in der Türkei zu wandeln.

Dennoch steht man manchmal vor Schwierigkeiten. Ephesos zum Beispiel mit seinen Hanghäusern, in welchen man einen wunderbaren Eindruck von Reichtum und Ausstattung der Wohnstätten von Römern und Kleinasiaten bekommt - natürlich der Wohlhabenden - birgt gleichzeitig jedoch die Gefahr, in den Zeiten durcheinander zu geraten. Wann wurden diese Häuser gebaut, gab es davor ähnliche? Was stand in der von uns geschilderten Zeit, was noch nicht? Die meisten der Gebäude in Ephesos stammen aus der Kaiserzeit, andere sind zu jener Zeit um- und ausgebaut worden, und der Eindruck, den man gewinnt, ist dahingehend zu relativieren. Auch lasen wir, daß es in Ephesos Straßenbeleuchtung gab, wie schön, dachten wir und hätten es am liebsten sogleich in unseren Roman eingebaut, bis wir - zum Glück - an anderer Stelle fanden, daß diese Errungenschaft erst einige Jahrhunderte später die Epheser erfreute. Fazit: Manchmal ist man so begeistert von dem, was man sieht und liest über diese Orte, daß man sehr aufpassen muß, nicht das Falsche in seinen Geschichten zu verarbeiten.

Pergamon ist ein weiteres Beispiel für diese Schwierigkeit - ein wunderbarer Ort, sehr gut und umfassend erforscht und dokumentiert, wo man jeden seiner Tage auf der Akropolis, dem Burgberg, dem Hauptteil der antiken Stadt, oder im Asklepieion, dem Heilbezirk, verbringen kann, und jeden Tag Neues entdeckt. Die Gefahr, aus Unkenntnis die Gebäude in der falschen Zeit zu lokalisieren, ist hier geringer als zum Beispiel in Ephesos, dafür stellte sich uns z.B. das Problem, die schriftliche Überlieferung des Aelius Aristides einzuarbeiten, der allerdings erst im 2. Jahrhundert nach Christus lebte. Aristedes war ein Rhetor, der, von vielerlei Leiden geplagt, im Asklepieion zu Pergamon Heilung suchte - und auch fand - und die dortigen Therapien beschrieb: Traumgesichte, vom Gott Asklepios gesandt, wie er fest glaubte, gehörten genauso dazu wie kalte Bäder und im Winter unbekleidet um die Gebäude zu laufen. Er stellt die zeitlich nächste Quelle dar, lebte aber später als unsere Bücher spielen, dennoch verarbeiteten wir Teile seiner Therapievorschläge. Ob aber wirklich zu unserer Zeit die Therapien im Asklepieion zu Pergamon genauso aussahen, weiß man nicht.

Einen wahren Schatz durften wir in der Nähe von Pergamon entdecken, Allianoi ist dort gefunden worden, ein anderes Heilzentrum mit warmen Quellen, welches zur Zeit ausgegraben wird. Ein phantastischer Ort mit teilweise noch vollständig erhaltenen Gebäuden. Diese kleine Stadt haben wir als Schauplatz für unseren nächsten Roman ins Auge gefaßt, doch die Last der Recherche wird hier um so stärker auf uns hereinbrechen. Da erst vor wenigen Jahren entdeckt, ist Allianoi fast noch unerforscht, auch Überlieferungen gibt es nur eine von besagtem Aristides, der sich auch dort behandeln ließ, und diese seine Sätze sind nicht lang. So werden wir also Gefahr laufen, unsere Helden vielleicht in einem Bad sitzen zu lassen, das erst ein, zwei Jahrhunderte später gebaut worden ist. Wir werden weiter darüber nachdenken müssen, mit den Ausgräbern sprechen, bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen.

Nun schreiben wir nicht nur historische Romane, sondern historische Kriminalromane, es will also auch auf diesen Gebiet gut recherchiert sein. Quellen gibt es hier genug, Cicero mit seinen Mordprozessen zum Beispiel, oder die schon von Ilka erwähnten Rechtsgelehrten. Verbrechen also gab es auch zu jener Zeit - wer wollte das bezweifeln - genau wie deren Verfolgung und Aufklärung. Und ich wage zu behaupten, daß die Motive und Verhaltensweisen antiker Delinquenten denen heutiger ähneln, daß die Menschen damals nicht sehr anders waren als wir, sie fühlten wie wir, sorgten sich um ihren Arbeitsplatz, ihr Auskommen, sie liebten, litten und haßten; dies genauso wie Macht, Geld und religiöser oder politischer Eifer motivierten sie zu Straftaten.

So weisen aktuelle Fälle nicht selten Parallelen zu solchen der Antike auf. Natürlich war die Wahl der Waffe in einem Mordfall eingeschränkter, und dem antiken Ermittler stand die moderne Untersuchungstechnologie noch nicht zur Verfügung. Viele Aspekte von Verbrechen und Verbrechensbekämpfung lassen sich jedoch durchaus übertragen - eine Wasserleiche vor 2000 Jahren sah genauso aus wie eine heutige, Leichenstarre und Leichenflecke waren bekannt. Und durch meine Tätigkeit im Landeskriminalamt habe ich das Glück, zu diesen Bereichen Experten befragen zu können, egal ob forensische Psychologie, ob Todeszeitbestimmung anhand der Leichenstarre, Analyse von Art, Tiefe und Führung eines Messerstiches, Wirkung von Giftpflanzen oder ermittlungstaktische Fragen, für jedes kriminalwissenschaftliche und kriminalistische Problem steht ein Kollege mit reichem Erfahrungsschatz bereit, dessen Erkenntnisse wir unseren Protagonisten in das Gehirn legen können.

Und hier zeigt sich die letzte Lust, die gleichzeitig Last ist, denn in diesem Gebiet gehen manchmal Ilkas und meine Meinung auseinander. Kann man kriminalistisches Denken eines heutigen Ermittlers auf einen solchen der Antike übertragen? Kann man wirklich davon ausgehen, daß die Motivlage eines damaligen Mörders der eines heutigen vergleichbar ist? Waren vielleicht Sozialisation und Lebensweise in damaliger Zeit so von der unseren entfernt, daß sich solche Vergleiche von vornherein verbieten? Ich denke, nein, ich glaube, eine Übertragung ist durchaus möglich und legitim, doch es ist dies ein Thema, über das man trefflich streiten kann, lustvoll sozusagen, und stelle diese Frage zur Diskussion.




Veröffentlichungen:


Gewinne der Götter Gunst
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 342663368X
ISBN-13: 978-3426633687
491 Seiten
9,95 Euro



Bestellen bei:
amazon.de
bol.de
weltbild.de

Klappentext:

Pergamon 38 v. Chr.: Was führte zum plötzlichen Tod des Gerbers Sciron? Wie viele Menschen hatten Grund, ihm Böses zu wollen? Oder war es am Ende das Wirken Schwarzer Magie? Der sympathische Ermittler Silvanus Rhodius steht vor einem Rätsel. Er sucht Rat bei der schönen Priesterin Senophrata - und verliebt sich auf den ersten Blick! Ausgerechnet sie gerät in den Verdacht, eine kaltblütige Mörderin zu sein …


Weitere:


Das Geheimnis des Mithras-Tempels
Wisse, dass du sterblich bist
Tod und Spiele
Eines jeden Kreuz






Ihr Kommentar

Suche

Benutzerdefinierte Suche