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Lea Korte - Leben im Nonnenkloster



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Lea Korte, geboren 1963, wanderte nach Abschluss ihres Studiums nach Spanien aus, wo sie zuerst in Katalonien und später im Baskenland und in Valencia lebte. Von Anfang an setzte sie sich intensiv mit der Geschichte und Kultur ihrer Wahlheimat auseinander.
Zusammen mit ihrem französischen Lebensgefährten und ihren beiden Kindern lebt sie heute in Südspanien. Lea Korte arbeitet als freischaffende Journalistin und Übersetzerin.
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Leben im Nonnenkloster


VON LEA KORTE

Die frühen Klöster waren dank ihren großen Bibliotheken nicht nur eine Stätte des geistigen Lebens und der Forschung und Sammlung von Wissen, sondern dienten auch der Fortentwicklung der handwerklichen und landwirtschaftlichen Kunst. Frauenklöster entstanden beinahe zeitlich mit denen der Männer. Das älteste europäische Kloster ist das um 370 erbaute Aquileja. Nonnenklöster dienten damals auch der Versorgung christlicher unverheirateter adliger Frauen, eine Aufgabe, die sie bis ins Mittelalter beibehielten: viele Töchter der Adligen und Patrizier wurden wegen der ständigen Erhöhung der Mitgiften, die ihre Verheiratung aus finanziellen Gründen unmöglich werden ließ, schon im frühen Mädchenalter ins Kloster gesteckt. Zum Dank überschrieben die Eltern dem Kloster Liegenschaften, Hofgüter oder Weinberge. Bei den Nonnen lernten die Mädchen lesen, schreiben und singen. Mit 14 Jahren legten sie im Rahmen ihrer Weihe das Armuts-, Gehorsams- und Keuschheitsgelübde ab und waren danach für immer an das Klosterleben gebunden.
In jedem Kloster gab es leitende Schwestern:

1. Die Oberin oder Äbtissin
Sie war für das geistliche und körperliche Wohl der Untergebenen verantwortlich und jene ihr zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet. Bei ihrer Amtseinsetzung erhielt sie den Hirtenstab und die Mitra als Zeichen ihrer Lehr- und Rechtsprechungsgewalt.

2. Die Vorsängerin
War die Oberin verhindert, übernahm die Vorsängerin die Leitung des Klosters. Außerdem unterstand ihr die Leitung des Chors, die musikalische Untermalung und Sitzordnung der Gottesdienste. Oft hatte sie überdies die Aufsicht über die Bücherei des Klosters.

3. Die Messnerin
Sie hatte die Gewalt über die Schlüssel des Klosters und entschied über Neuanschaffungen. Auch der Altarschmuck, Reliquien, Weihrauch, die Uhr und Glockenläuten gehörten in ihren Aufgabenbereich.

4. Die Krankenschwester
Sie versorgte nicht nur die Kranken, sondern kümmerte sich auch darum, dass in den Infirmarien die Gebetszeiten eingehalten wurden.

5. Die Kleiderverwalterin
Sie stellte Kleidung, Bettzeug und Schuhe und hatte in diesem Rahmen auch für die Beschaffung der nötigen Materialien und ihre Herstellung in der Webstube zu sorgen. Außerdem unterstanden ihr die Novizinnen.

6. Die Verwalterin
Sie herrschte über die Keller, das Refektorium, die Küche, die Mühle, das Backhaus, den Gartenanbau und die Viehhaltung, kurz: über alles, was mit der Verpflegung zu tun hatte.

1. Die Pförtnerin
Ihr oblag das leibliche Wohl der Armen und der Gäste. Sie musste resolut genug sein, um Unerwünschten den Eintritt zu verwehren. Darüber hinaus musste sie dafür sorgen, dass keine Nachrichten ins Kloster drangen, die den klösterlichen Frieden stören konnten.

Der Tagesablauf im Nonnenkloster war streng geregelt: siebenmal am Tag wurde zu Gebet und Gottesdienst gerufen. Der Nachtgottesdienst erfolgte um 2 Uhr morgens, die Laudes fand um halb fünf statt. Danach hatten die Nonnen Zeit, sich zu waschen, zu lesen und zu singen. Frühstück gab es erst nach der Prim, und meist bestand es aus nichts weiter als aus Brot und Bier. Von dort gingen die Nonnen in den Kapitelsaal, wo eine ausgewählte Nonne die Geschichte des Tagesheiligen vorlas. Auch Maßregelungen oder neue Verordnungen wurden dort bekannt gegeben. Anschließend gingen die Nonnen an ihre Arbeit. Sie machten Handarbeiten, sangen, lasen, kopierten Bücher, arbeiteten im Garten oder stellten Arzneimitteln her, was nur durch die Terz kurz unterbrochen wurde. Erst nach der Sext war die morgendliche Arbeit beendet. Nach dem reichlichen Mittagessen wurde bis zur Non geruht, dann kehrte man an seine Arbeit zurück, bis es Zeit zur Vesper war. Nach dem leichten Abendessen gingen die Nonnen zum Komplet und schließlich zur Nachtruhe.

Trotz der Eintönigkeit dieses Lebens traten durchaus auch manche Frauen freiwillig in ein Kloster ein, da diese über Jahrhunderte die einzigen Orte waren, an denen Frauen lesen lernen, wissenschaftlich arbeiten und sich weiterentwickeln konnten.






Veröffentlichung:

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Die Nonne mit dem Schwert
Verlag:Droemer/Knaur
ISBN: 3426633868
ISBN-13: 9783426633861
477 Seiten
8,95 Euro



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Klappentext:

Spanien im 17. Jahrhundert: Die 15jährige baskische Adlige Catalina de Erauso wird von ihren Eltern ins Kloster gesteckt, doch kurz vor der Weihe gelingt ihr die Flucht in die Freiheit. Schnell merkt Catalina, dass sie in der Welt als Frau nicht überleben kann. Sie verkleidet sich als Mann ein unverzeihlicher Frevel im Zeitalter der Inquisition und lässt sich ein auf ein Leben voller Gefahren, das sie bis nach Südamerika führt ... Sie sucht dort ihren Geliebten, der von ihrer wahren Identität selbst dann noch nichts ahnt, als sie Seite an Seite mit ihm in der königlichen Armee kämpft ...
Der wahre Roman einer mutigen Frau, die das Unmögliche wagte und deren Leben ein einziges Abenteuer war.


Leseprobe

Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Droemer/Knaur.
www.droemer-knaur.de

Francisco sah die drei Flamen mit den nachtschwarzen Umhängen nicht zum ersten Mal in Enekos Taverne kommen. Auch heute wieder zwang ihn das selbstherrliche Auftreten der Männer, ihnen nachzusehen, bis sie sich an dem hintersten Tisch der Wirtsstube niedergelassen hatten. Der Älteste, ein krummnasiger Koloss mit Augenklappe, winkte das Schankmädchen herbei. Das dünne Ding näherte sich ihm nur zögerlich.
»Muss ich dir erst Beine machen?«
Erschrocken raffte das Mädchen die Röcke und beeilte sich so, dass sie stolperte. Die Flamen johlten. Francisco sah, wie dem Wirt der Hals schwoll. Er trat an den Tresen heran. »Irgendwann jagen wir sie alle davon!« Eneko wandte den Blick zu Francisco und klatschte den Spüllappen auf den Tresen, als wolle er jemanden erschlagen.
»Hast du schon gehört, dass das verdammte Flamenpack wieder eine unserer Galeonen versenkt hat?«
Francisco nickte und sah zu den Flamen hinüber, doch die waren so mit dem Schankmädchen beschäftigt, dass sie Enekos Provokation gar nicht gehört hatten.
»Vier ihrer Schiffe gegen ein einziges der unseren!«, fuhr Eneko mit lauter Stimme fort. »Nur wenige Meilen vor dem Hafen! Werden immer dreister, die gottlosen Calvinisten. Und mit so einem Pack lässt sich unser König Philipp auf Friedensverhandlungen ein, flämische Teufelsbrut, die das ist!«
Diesmal hatte zumindest der Krummnasige seine Rede gehört. Mit glühenden Augen drehte er sich zu ihnen um.
Eneko hob das Kinn, Francisco straffte sich, doch der Flame blieb auf seinem Platz.
»Los, bring uns Wein, eine Karaffe«, herrschte er das Schankmädchen an. »Und ein bisschen plötzlich!«
Er nippte an dem Wein und spuckte ihn angewidert auf den Kneipenboden. »Wein soll das sein? Baskische Pisse ist das!«
Wutschnaubend wollte sich Eneko auf ihn stürzen, doch seine Frau, eine zierliche Brünette, stellte sich ihm in den Weg.
»Sollen die aus unserer Taverne Kleinholz machen?«
Mit aufreizender Langsamkeit setzte der Flame seinen breitkrempigen Filzhut auf und machte seinen Gefährten mit einer knappen Kopfbewegung klar, dass sie mit ihm das Lokal verlassen sollten. »Hier stinkt’s mir zu sehr nach Basken.«
Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, warfen sich Francisco und Eneko ihre Umhänge über die Schultern und folgten ihnen.
Auf der Straße sahen sie nur noch den Krummnasigen. Er verschwand gerade um die Ecke.
»Ich bleibe an ihm dran, und du versuchst, die beiden anderen aufzustöbern«, zischte Francisco Eneko zu. »Den einen hier schaffe ich allein, und die beiden anderen nehmen wir uns später zusammen vor. Komm an die alte Kirche, wenn du weißt, wo sie hingegangen sind.«
Die Hand am Degenknauf, eilte Francisco dem Krummnasigen nach und geriet dabei mehr und mehr in die dunkleren Viertel der Stadt. Bald half ihm nur noch der durch den spätabendlichen Nebel schimmernde Mond dabei, den Kerl in dem Gassengewirr nicht aus den Augen zu verlieren.
Als sie die fünfte oder sechste Straßenecke hinter sich gelassen hatten, drehte sich der Kerl auf einmal mit gezücktem Degen zu ihm um.
»Ich hoffe, du hast gebeichtet, Bürschchen!«
»Das hättest du tun sollen!« Francisco zog ebenfalls den Degen.
»Deine großen Töne dürften dir gleich vergehen«, prophezeite jemand hinter ihm.
Francisco fuhr herum und sah sich den beiden anderen Flamen gegenüber. Er fluchte und fragte sich, wo Eneko steckte.
»Streckst du den Degen oder müssen wir dir erst Feuer unterm Hintern machen?«
»Passt lieber auf, dass eure Hintern nicht gleich brennen!«
Mit dem letzten Wort stach Francisco in den Arm des Krummnasigen, für den der Angriff völlig überraschend kam. Stöhnend griff er sich an die Wunde und ließ den Degen fallen, während Francisco schon herumsprang und die Hiebe der beiden anderen abwehrte. Sie versuchten, ihn an die Wand zu drängen und niederzustechen, doch wann immer sie sich am Ziel wähnten, glitt Francisco unter ihren Degen hindurch und griff sie kurz darauf, freche Scherze rufend, von hinten an. Schließlich packte den Jüngeren die Wut: Er preschte allein vor. Francisco machte einen Ausfall und öffnete dem Mann mit einem einzigen, geraden Schnitt die Kehle. Nun hatte er es nur noch mit dem Wendigsten von ihnen zu tun. Mit ihm, das wurde Francisco angesichts der in schwindelerregendem Tempo geführten Attacken schnell klar, hatte er seinen ärgsten Feind noch vor sich, und schon durchfuhr ihn ein heißer Schmerz im Oberarm. Fluchend wirbelte Francisco herum, übernahm seinen Degen mit der anderen Hand und wollte dem Gegner eben den Todesstoß versetzen, als ihn jemand höchst unsanft von hinten am Kragen packte und regelrecht in die Luft hob.
»Catalina de Erauso! Natürlich«, donnerte die Stimme der Novizinnenmutter und beendete damit Catalinas geistigen Ausflug in die Männerwelt. Von einer Sekunde zur nächsten war sie wieder nur eines der vierunddreißig Mädchen, die hier im Dominikanerkloster Santo Domingo zu San Sebastián auf ein Leben des Gebets und der Besinnung vorbereitet wurden. Ehe sie auch nur eine Silbe zu ihrer Verteidigung hervorbringen konnte, hatte Schwester Asunción ihr auch schon ihren Fechtstock entwunden und drosch damit höchst unchristlich auf ihr Hinterteil ein.
»Nimm das und das!«, rief sie empört. Obwohl der dünne Stoff ihrer Novizinnenkutte die Hiebe kaum milderte, drang kein Laut über Catalinas Lippen. Schließlich war sie eine de Erauso! Trotzdem war sie froh, als der Nonne die Arme erlahmten.
»Das werde ich der Mutter Oberin melden«, drohte ihr jene mit hochrotem Kopf. »Vielleicht glaubt sie mir jetzt endlich, dass du vom Teufel besessen bist. Was sonst sollte eine Novizin dazu bringen, mit Geistern zu fechten?«
»Der Überdruss und das verdammte Einerlei hier!«, presste Catalina tonlos hervor, aber die Schwester hörte es doch und versetzte ihr eine schallende Ohrfeige.
»Widerworte, nichts als freche Widerworte, und das seit dem unseligen Tag, an dem deine Eltern dich unserer Für sorge anvertraut haben! Aber warte nur: Dir komme ich bei! Ich habe noch alle kleingekriegt.«
Catalina hörte kaum hin. Viel zu heiß brannte die Demütigung der Züchtigung noch in ihrer Seele.
»Das zahlst du mir heim«, schwor sie sich. »Irgendwann zahlst du mir das heim.«
Da hörte sie den dumpfen Widerhall von Schwester Euralias Stock auf dem gepflasterten Gehweg des Klostergartens.
Sie wandte den Kopf.
»Catalina, Schwester Asunción!« Mühsam kam die gehbehinderte Schwester auf sie zu. Als junge Frau war sie nur wenige Tage vor ihrer Hochzeit mit dem ältesten Sohn eines Granden, eines Angehörigen des spanischen Hochadels, eine Treppe hinuntergestürzt und hatte sich beide Beine gebrochen. Schon nach der ersten Untersuchung durch den Leibarzt ihrer Eltern war klar gewesen, dass sie nie mehr richtig gehen können würde, worauf ihre Eltern sie im Kloster unterbrachten und Euralias jüngere Schwester mit dem einflussreichen Mann vermählten.
Anfangs hatte das abgeschobene Mädchen gegen das Leben hinter den hohen Mauern rebelliert, aber dann hatte sie hier Lesen und Schreiben lernen und schließlich sogar Pharmazie studieren dürfen, und als ihre Schwester kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes im Wochenbett starb, war ihr endgültig klar geworden, dass sie das bessere Los gezogen hatte.
Genau dies versuchte sie schon seit Jahren Catalina zu vermitteln: dass ihr Gott geweihtes Leben durchaus Vorteile hatte – zumindest, wenn man nicht gerade wieder einmal von Schwester Asunción bei einer Missetat erwischt worden war.
»Schwester Asunción, ich bitte Euch: Was auch immer Catalina jetzt wieder angestellt hat – lasst Milde walten!«, bat sie ihre Mitschwester. »Ihr kennt sie doch. Sie ist kein schlechtes Mädchen. Es ist nur ihr Temperament, das immer wieder mit ihr durchgeht!«
»Und eben dieses Temperament werde ich ihr austreiben, und zwar ein für alle Mal!« Sie versetzte Catalina einen Stoß. »Los, zur Mutter Oberin! Wollen wir doch einmal sehen, wie lange sich der Teufel in dir hält, wenn du bei Wasser und Brot darbst!«
Notgedrungen stolperte Catalina vor Schwester Asunción her. Noch war die Stunde ihrer Rache nicht gekommen.
Catalina blieb stehen und drückte sich die Hände auf die Ohren. Allmählich hallten ihre Schritte wie Hohnlachen in ihrem Kopf wider, aber jetzt, wo sie stand und nichts weiter als den eigenen Atem hörte, fühlte sie sich auch nicht besser. Diese Stille! Schon seit zehn Tagen drückte sie ihr aufs Gemüt. Zumindest nahm sie an, dass es zehn Tage waren. Tageslicht, mit dessen Hilfe sie das Verstreichen der Stunden hätte abzählen können, drang nicht in ihre Zelle. In das dunkelste und feuchteste Verlies des Klosters hatte man sie gesteckt. In völliger Abgeschiedenheit sollte sie in sich gehen können. Bereuen. Beten. Buße tun. Mit nichts weiter als ihrem Rosenkranz und den Kerzen, die ihr in regelmäßigen Abständen von einer erbarmungslos schweigenden Schwester zusammen mit Brot, Wasser und einem sauberen Latrineneimer gebracht wurden.
Catalina vermutete, dass sie immer nach dem ersten Morgengebet kam, doch die Zeit dazwischen erschien ihr so endlos, dass sie möglicherweise auch nur jeden zweiten Tag zu ihr herabstieg. Jedes Mal fragte Catalina sie, wie lange man sie noch hier unten schmoren lassen wolle.
Und jedes Mal zog die Schwester stumm die Tür hinter sich zu. Catalina rieb sich die Schläfen, und als auch das nichts half, hämmerte sie dagegen. Die Stille, diese verdammte Stille!
Zum Zeitpunkt ihrer Einkerkerung lebte Catalina schon seit über sechs Jahren im Kloster. Zwei Tage nach ihrem neunten Geburtstag hatten ihre Eltern, der Reedereibesitzer Miguel de Erauso und seine Frau María López de Barrena, sie zu den Dominikanerinnen gebracht, wo auch schon ihre beiden älteren Schwestern lebten.
»Deine Schwestern sind dort sehr glücklich«, hatten sie ihr erklärt, und die Mutter hatte ihr vorgeschwärmt, welche Erfüllung sie hinter den heiligen Mauern finden würde.
»Ein Leben nur Gott und dem Gebet geweiht – ein solches Glück hat nicht jede Frau.«
Catalinas Vorstellung von Glück war schon damals anders gewesen, und nachdem sie bereits an ihrem dritten Tag im Kloster zum ersten Mal die harte Hand der Novizinnenmutter zu spüren bekommen hatte, war sie endgültig zu dem Schluss gekommen, dass dies hier kein Leben für sie war. Noch schlimmer aber war, dass man sie im nächsten Frühjahr … Catalina verbot sich weiterzudenken.
Es war jetzt kein guter Moment, um sich das Herz schwer zu machen.
Catalina nahm ihre Wanderung wieder auf. Drei-, viermal mochte sie hin- und hergelaufen sein, als sie plötzlich Schritte hörte. Sie waren schwerer als die der Schwester, die ihr das Essen brachte, und jeder zweite Schritt wurde von einem dumpfen Schlag begleitet …
»O bitte, lass sie es sein!«, fl ehte Catalina. »Und lass sie kommen, um mich hier rauszuholen!«
Tatsächlich wurde ein Schlüssel in das Schloss ihrer Zellentür geschoben und kurz darauf lächelte Schwester Euralia Catalina wohlwollend entgegen. Catalina lief auf sie zu. »Ich wusste, dass Ihr mich nicht vergessen würdet.«
»Erinnere dich deiner Pfl icht, nicht, dass ich meinen Einsatz für dich schon jetzt bereue!« Die Schwester sah sie mahnend an, worauf Catalina pfl ichtschuldig »Gelobt sei Jesus Christus« herunterschnurrte und einen tiefen Knicks machte. Schwester Euralia nickte und deutete ein Kreuz auf ihrer Stirn an.
»In Ewigkeit, Amen.« Nach einem Moment des Schweigens fuhr sie fort. »Ich konnte die Mutter Oberin dazu überreden, dich ins Dormitorium zurückkehren zu lassen.
Allerdings wirst du dich noch eine weitere Woche mit Brot und Wasser begnügen müssen.«
Catalina atmete auf. »Um aus diesem Loch zu kommen, würde ich sogar zwei Wochen ganz aufs Essen verzichten.«
Seufzend schüttelte Schwester Euralia den Kopf. »Für den Moment würde es ausreichen, dass du aufhörst, ständig neue Dummheiten zu machen. Wie eine Besessene durch den Klostergarten zu springen – das kann Schwester Asunción doch nicht durchgehen lassen!«
Catalina dachte an ihre Brüder, von denen zwei bei den königlichen Tercios kämpften – unter ihnen ihr Lieblingsbruder Miguel, den man wegen seiner großen Verdienste sogar nach Peru schicken wollte. Und auch ihre beiden anderen Brüder führten ein aufregendes Leben: Der eine schipperte auf einem der Walfangschiffe der Familie über die Meere, der andere begleitete derzeit eine Galeone des Vaters nach Sevilla, um dort das Eintreffen der Silberflotte des Königs und damit die Bezahlung der von ihnen gelieferten Waren abzuwarten. Und sie?
»Die Mutter Oberin hofft, dass dich die Besinnung der letzten Wochen dafür bereit gemacht hat, dich endlich ernsthaft mit unseren Aufgaben zu beschäftigen«, fuhr Schwester Euralia fort. Sie sah Catalina einen Moment lang an und murmelte wie zu sich selbst: »Ich hoffe, die Mutter hat mit ihrer Entscheidung Recht, aber so oder so blieb ihr nach alldem wohl keine andere Wahl …«
»Entscheidung?« Catalina sah auf. »Welche Entscheidung?«
»Nun, die Weihen in zwei Monaten …«
»Weihen? In zwei Monaten?« Erschrocken riss Catalina die Augen auf. »Aber doch nicht für mich! Ich meine, ich soll … Aber ich dachte, ich müsste erst nächstes Jahr …«
»Beruhige dich, Catalina, bitte, so beruhige dich doch!
Und auch wenn du es jetzt nicht erkennst – es ist das Beste für dich, schon jetzt das Gelübde abzulegen. Das Bewusstsein, für immer zu uns zu gehören, wird dir Kraft geben.« Nach einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: »Außerdem entkommst du damit den Fittichen von Schwester Asunción – und erhältst eine eigene Zelle.«
»Aber ich will keine eigene Zelle! Ich will hier raus!«, begehrte Catalina auf. »Ich will mich frei bewegen können und selbst entscheiden, wann ich was tue, und ich will …«
Schwester Euralia legte ihr die Hand auf den Arm. Sie überragte das dünne, hoch aufgeschossene Mädchen mit den feurigen Augen nur um wenige Zentimeter. »Glaube mir, du wirst dich hineinfinden in dein Schicksal. Das tun alle. Gott wird dir beistehen, wie er auch uns beigestanden hat.«
»Beistehen, beistehen …« Catalinas Wangen glühten vor Zorn und Empörung, aber unter Schwester Euralias gütigem Blick fi el beides wieder in sich zusammen.
»Schwester, bitte.« Sie faltete die Hände. »Ihr müsst mir helfen! Ihr seid doch die Einzige …«
Schwester Euralia nickte ihr beruhigend zu. »Natürlich werde ich dir helfen. Und auch Gott wird dir helfen. Sprich mit ihm. Er wird dir einen Weg weisen. Den Weg zu deinem Herzen – und zu uns.«
»Schwester, Ihr versteht mich nicht.«
»Doch, mein Kind, ich verstehe dich sehr wohl. Aber das ist die einzige Hilfe, die ich dir anbieten kann. Und jetzt lass uns zu den anderen gehen.«
Sanft schob sie Catalina aus der Zelle. Als ihre Hand von Catalinas Arm glitt, überlief das junge Mädchen ein Schaudern.
Sie waren die Letzten, die die kleine Kapelle für die Abendmesse betraten. Während Schwester Euralia in den hinteren Bänken bei ihren Mitschwestern Platz nahm, musste Catalina nach vorn zu den anderen Novizinnen gehen. Sie rutschte in die erstbeste Bank. Als sie sah, dass sie einen Platz neben Ainoa erwischt hatte, fühlte sie sich ein bisschen besser. Da es ihnen streng untersagt war, in der Kapelle auch nur miteinander zu flüstern, begrüßte Ainoa sie lediglich mit einem Lächeln und benutzte dann die Zeichensprache, die Catalina und sie sich schon vor geraumer Zeit ausgedacht hatten.
»Doch nicht von den Ratten gefressen worden?«, formte sie mit ihren langen, fl inken Fingern und grinste die so lange verschollene Freundin an. Auch Ainoa war fünfzehn Jahre alt, aber anders als Catalina sollte sie keineswegs ihr ganzes Leben, sondern nur die Zeit bis zu ihrer Hochzeit hinter diesen Mauern verbringen und Lesen, Schreiben, Latein, Musik und Geschichte lernen. Ainoas Familie hielt nichts von der landläufi gen Meinung, ein Mädchen solle ungebildet bleiben, und machte sich auch keine Gedanken darüber, dass Ainoa ihr Wissen auf dem Heiratsmarkt schaden könne – schließlich verfügten sie über die größte Schiffsfl otte der Stadt und weitreichende Besitzungen, und Ainoa war ihr einziges Kind …
Ainoa war erst vor drei Jahren ins Kloster gekommen und hatte sich Schwester Asunción schon am Tag ihrer Ankunft widersetzt, was ihr sofort Catalinas Sympathie eingebracht hatte. Ainoa war das einzige Mädchen, zu dem Catalina je Kontakt gesucht hatte. Die anderen waren ihr immer zu brav, zu sittsam, zu ängstlich gewesen.
»Ich habe einen Apfel für dich aufgehoben«, redeten Ainoas Hände nun weiter. »Ich bringe ihn nachher mit zu den Latrinen.«
Der Pfarrer trat aus der Sakristei. Die Schola sang den Introitus vor, die anderen Nonnen wiederholten den Kehrvers.
Auch Catalina und Ainoa mussten sich erheben, mitsingen und die Hände falten, und deswegen war ihr Fingergespräch beendet.
Catalina war kaum bei den Latrinen angekommen, als Ainoa auch schon mit geraffter Kutte auf sie zugelaufen kam. Sie fi el ihr um den Hals. »Ich dachte schon, die lassen dich da nie mehr raus!«
Catalina erwiderte ihre Umarmung. Anschließend zauberte Ainoa den Apfel aus ihrer Brusttasche hervor und reichte ihn ihr. Heißhungrig biss Catalina hinein. »Mm, schmeckt der gut – nach all dem trockenen Brot!«
Ainoa sah ihr beim Essen zu, doch dann wurde sie unruhig.
»Du, sag mal, ich … Ich habe gehört, dass du bei den nächsten Weihen dabei sein sollst …«
Catalina umfasste den Apfel fester, erwiderte aber nichts.
»Und was willst du jetzt tun?«, setzte Ainoa nach einer Weile nach.
»Gar nichts«, knurrte Catalina. »Ich lege das Gelübde einfach nicht ab.«
»Aber musst du denn nicht?«
»Ich tu’s einfach nicht.«
»Und wenn sie dich zwingen?«
»Wie denn? Mit vorgehaltener Pistole?« Catalina lachte auf. Es klang rau.
»Aber sie werden dich zwingen«, erwiderte Ainoa mitfühlend und fügte nach einer Pause nachdenklich hinzu: »Sicher wird dein Leben hier nach den Weihen angenehmer werden. Immerhin hast du dann mehr Freiheiten, und wenn du endlich dein störrisches Verhalten aufgibst, lassen sie dich vielleicht sogar mit Schwester Euralia in der Apotheke und im Kräutergarten arbeiten.«
»Ich will aber nicht im Kräutergarten und auch nicht in der Apotheke arbeiten. Ich will hier raus!« Catalina biss dreimal rasch hintereinander in den Apfel.
»Aber deine Eltern werden dich nicht heiraten lassen. Schließlich sind auch deine älteren Schwestern im Kloster. Wenn, dann hätten sie eher Mari-Juan mit einer Mitgift …«
»Ich brauche keine verdammte Mitgift. Und ich brauche auch keinen Mann! Ich brauche nur meine Freiheit!«
»Und wovon willst du leben?« Ainoa schüttelte den Kopf.
»Ich schlage mich schon durch! Immerhin kann ich schreiben. Schreiber werden immer gesucht.«
»Aber doch nur männliche!«
»Dann arbeite ich eben als Küchen- oder Schankmädchen. Alles ist besser, als hier zu verrotten.«
»Catalina, der Dienst an Gott …«
»Ja, ja, ja, ich nehme meine Lästerung ja schon zurück.«
Catalina schleuderte das Kerngehäuse ihres Apfels auf den Misthaufen. »Aber hier bleibe ich trotzdem nicht!«
Ainoa strich ihr über den Arm, denn einen Ausweg für Catalina, das wusste sie, gab es nicht.



 

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