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Neulich, gleich nach dem Urknall

 


Richard Dübell, geboren 1962 in Niederbayern, hat sich als Teenager im Science Fiction Fandom die ersten schriftstellerischen Sporen verdient. Mitte der Neunziger Jahre wandte er sich nach Experimenten in den bildenden Künsten wieder dem Schreiben zu und war einer der ersten deutschen Autoren, die den Krimi "noir" auf das historische Genre ausweiteten. Bis zum Jahr 2008 sind 10 historische Romane und diverse andere Veröffentlichungen aus seiner Feder erschienen.
Seit dem Jahr 2000 ist er bei der Verlagsgruppe Lübbe unter Vertrag. Im Jahr 2003 verlieh die Stadt Landshut ihm den Kulturförderpreis. Richard Dübell hat für seine Buchvorstellungen den Begriff "multimediale Lesung" geprägt; die Zeit, die er nicht hinter der Tastatur verbringt, widmet er in erster Linie seiner vierköpfigen Familie, der von ihm als Abend- oder Wochenendkurs angebotenen Schreibwerkstatt und seinem alternativen Leben als Prozessmanager für internationale mittelständische Unternehmen.
Im September 2008 erscheint seit 11. Buch, DIE WÄCHTER DER TEUFELSBIBEL, als Ehrenwirth-Spitzentitel. Richard Dübell wird von der Literaturagentur Anke Vogel vertreten.

Homepages des Autors:
www.duebell.de
www.teufelsbibel.de

www.waechterderteufelsbibel.de

 

Neulich, gleich nach dem Urknall

VON RICHARD DÜBELL

Vorausgeschickt sei, dass dieser Text am Abend des 21.April 1998 entstanden ist; zu dieser Zeit war mein erstes Buch DER TUCHHÄNDLER ein knappes Jahr auf dem Markt und hatte sich als Bestseller entwickelt, dessen Taschenbuch-, Reader's Digest- und Filmrechte innerhalb von sechs Wochen nach dem Erscheinen verkauft waren.
Ich wusste, ich würde die Erinnerung an dieses Interview mit der Münchner AZ eines Tages brauchen können. Nichts daran ist erfunden.

Wenn ein Schriftsteller zu einem Interview gebeten wird, stellt er keine großen Ansprüche: Eine Blaskapelle, blumenstreuende Mädchen, Sekt und Kaviar und eine Ansprache des Bundespräsidenten genügen ihm vollständig. Im Notfall gibt er sich auch damit zufrieden, daß der Interviewpartner seinen Namen richtig buchstabieren kann.
Beim Empfangsschalter der AZ in München, wo ich pünktlich um 15.00 Uhr auflief, wurde mir bedeutet, daß ich meine Interviewpartnerin im vierten Stock fände. Als ich die Frage verneinte, ob ich den Weg kennen würde, hieß es: aus dem Aufzug raus, rechts rum, hinten lang - Sie finden das schon. Ich machte mich auf den Weg, von der Hoffnung beseelt, daß ich wenigstens im vierten Stock vor der Aufzugstür erwartet würde. Meine Hoffnung war eitel.
Rechts rum und hinten lang fand ich schließlich drei Büros, von denen zwei besetzt waren. Ich wandte mich an das mit zwei Damen besetzte Büro, kam aber nicht dazu, die Frage zu stellen, ob ich hier richtig sei. Eine der Damen deutete auf einen leeren Stuhl vor einem dritten Schreibtisch und sagte: „Setzen Sie sich hierher."
Ich sagte: „Grüß Gott" und verstand zum ersten Mal, was der kategorische Imperativ bedeutet.
Die Dame rollte den leeren Stuhl vor den Container neben ihrem Schreibtisch. Nachdem ich auf meine Begrüßung nichts erwidert bekam, begann ich meinen Mantel auszuziehen („Legen Sie ihn über den Stuhl. Wir haben hier keine Garderobe."), zog mir die Sitzgelegenheit zurecht und ließ mich darauf nieder. Ich hatte den starken Verdacht, meiner Interviewpartnerin, Frau Becker, gegenüberzusitzen. Die zweite Dame lächelte mir zwar zaghaft zu, machte aber ansonsten keine Anstalten, sich meiner in engagierterer Weise anzunehmen.
„Wie heißen Sie noch mal?" fragte mich Frau Becker. „Wie buchstabiert man das?" Und dann: „Ihr Buch hab ich noch nicht gelesen." Ah ja.
Es kam die übliche Fragenfolge: „Was sind Sie von Beruf? Wie kommt man denn bei so einem Beruf dazu, ein Buch zu schreiben? Wie lange haben Sie dazu gebraucht? usw." Was mir daran neu vorkam, war, daß Frau Becker vor jeder Frage längere Zeit mit zusammengekniffenen Augen meditieren mußte; vielleicht ein Formulierungs- oder auch Interessedefizit, ich will mich da nicht festlegen. Ungewohnt kam mir außerdem der Umstand vor, daß Frau Becker während meiner Antworten in ihrem Schreibtisch kramte, Papiere beiseite fegte, nach ihren Zigaretten suchte und daneben versuchte, ein quietschendes Diktiergerät zurückzuspulen.
„Warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Warum gerade ein historischer Kriminalroman? Was ist so besonders an der Landshuter Hochzeit? Was ist das überhaupt?" Während ich versuchte, hierauf Antwort zu geben, betrat eine weitere Mitarbeiterin den Raum und händigte Frau Becker einen Stapel Unterlagen aus; zugleich konferierte sie über meinen und Frau Beckers Kopf hinweg mit der zweiten Dame in Frau Beckers Büro. Frau Becker überflog die ausgehändigten Unterlagen und stieß dabei ihr Diktiergerät auf den Boden. Ich hob es auf. Frau Becker sah die neu hinzugekommene Kollegin an und sagte: „Danke."
Die Fragen gingen weiter: „Haben Sie das Buch Freunden und Bekannten zum Lesen gegeben? Wie haben die es gefunden? Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Wohnen Sie wirklich in Bogenhausen?"
„Nein, in Oberföhring."
„Warum?"
„Warum nicht?"
„Äh...?"
Nachdem auch die Frage meines Wohnortes geklärt, das Diktiergerät ein zweites Mal zu Boden gefallen und ein Foto von mir gemacht worden war, wurde mir bedeutet, daß der Termin vorüber sei. Ich erkämpfte mit Mühe das Recht, einen Abzug des Interviews zu erhalten, der mir niemals zugesandt wurde. Draußen in der Sendlinger Straße schien die Sonne. Es war 15.05 Uhr. Ich ging einen Espresso trinken.
Vielleicht erwarte ich einfach zuviel.

 

 


 

Veröffentlichung:

Die Teufelsbibel
Verlag: Ehrenwirth
ISBN-10: 3431037186
ISBN-13: 978-3431037180
667 Seiten
19,95 Euro



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Klappentext:

Böhmen 1572. In einem halb verfallenen Kloster wird der achtjährige Andrej Zeuge eines schrecklichen Blutbads: Zehn Menschen, darunter Andrejs Eltern, werden von einem rasenden Mönch brutal ermordet. Eine der Frauen bringt sterbend ein Kind zur Welt. Der Prior befiehlt, auch den Säugling zu töten - denn es gilt, alle Spuren zu verwischen, die irgendjemanden in das abgelegene Kloster führen könnten. Andrej kann fliehen und nimmt eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Kirche mit sich, das die verschwiegene Mönchsgesellschaft um jeden Preis zu schützen geschworen hat: In dem Kloster wird ein Buch versteckt, das drei Päpsten das Leben kosten und die Macht haben soll, das Ende der Welt einzuläuten - der Codex Gigas, die Teufelsbibel, ein Kompendium des Bösen. Sieben schwarze Mönche behüten die große Handschrift und töten jeden, der zuviel darüber weiß. Doch das Wissen um das Buch des Teufels ist das einzige Erbe, das Andrej von seinem Vater geblieben ist.

 

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