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Gerd Kallweit

Gerd Kallweit wurde 1943 in Danzig geboren. Er hat ev. Theologie, Politikwissenschaft, Publizistik und kurze Zeit Soziologie studiert. 10 Jahren freier journalistischer Betätigung folgten 27 Jahre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in verschiedenen Ministerien der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz. Gerd Kallweit lebt als freier Autor in Mainz.

 

 

 

 

Religion ist keine Privatsache

VON GERD KALLWEIT

Als die belgische Fluggesellschaft Brussels Airlines ein Markenzeichen aus 13 roten Punkten in Form eines „B“ einführen wollte, erntete sie erbosten Protest. Sie beugte sich dem Protest und fügte einen vierzehnten Punkt in ihr Logo ein. Die „13“ ist eine Unglückszahl, und wenn der 13. ein Freitag ist, sollte man ihn besonders vorsichtig angehen. Wer glaubt eigentlich diesen Quatsch? Im Grunde niemand. Und doch hält man sich die Möglichkeit offen, es könnte vielleicht etwas Wahres dran sein.

Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen. Wer Salz verschüttet, sollte ein paar Salzkörner über die Schulter werfen, um ein Unglück zu verhindern. Wer einen Spiegel zerbricht, hat sieben Jahre kein Glück. Eine über den Weg laufende Katze bedeutet Unglück. Wer zum ersten Mal im Jahr einen Kuckuck hört, sollte auf seine Geldbörse klopfen, damit sie das ganze Jahr gefüllt bleibt. Solche Weisheiten gehören zum Alltag in unserer hochzivilisierten Welt. Gibt es eine Erklärung dafür, dass Aberglaube rationalem Denken nicht zugängig ist?

In Wildwest-Filmen spielt sich oft eine Szene ab, in der ein Cowboy einem frisch geborenen Kalb seinen Atem in die Nase bläst. Das Kalb sieht daraufhin diesen Menschen als seine Mutter an und folgt ihm auf Schritt und Tritt. Ähnliches Verhalten bei anderen Tieren haben Konrad Lorenz (Vater der Graugänse) und nach ihm weitere Forscher auch mit wissenschaftlichen Experimenten nachgewiesen. Könnte man sich mit diesen Tieren unterhalten, könnte man an ihre Vernunft appellieren und den Irrtum aufzuklären versuchen, es würde kaum etwas ändern. Der erste Eindruck hat sich festgesetzt. Vielleicht ist das ein Erklärungsmuster dafür, dass wir nicht in der Lage sind, uns vom Aberglauben zu befreien, obwohl unsere Vernunft ihn eben als Aber-Glauben, als falschen Glauben demaskiert hat.

Ergebnisse der Hirnforschung geben einen Eindruck davon, was sich in unserem Hirn abspielen könnte, wenn Denken und Glauben nicht zusammenpassen wollen. Laut dem Biologen und Hirnforscher Gerhard Roth hat unser bewusstes Ich „nur begrenzte Einsicht in die eigentlichen Antriebe unseres Verhaltens. Die unbewussten Vorgänge in unserem Gehirn wirken stärker auf die bewussten Vorgänge ein als umgekehrt.“ ...  Die „starke Form der Willensfreiheit ist, auch wenn sie von uns in dieser Form subjektiv erlebt wird, eine Illusion. Das Gefühl des ‚freien‘ Willensaktes entsteht in uns, nachdem limbische Strukturen und Funktionen bereits festgelegt haben, was wir zu tun haben.“ (Roth, Fühlen, Denken, Handeln, Frankfurt/Main 2003)

Roth geht davon aus, dass das limbische System alle Erfahrungen bewertet und einen Vorrat an Bewertungen ansammelt, der emotionale Entscheidungen bewirkt, bevor das Hirn zu einer rationalen Entscheidung fähig ist. Wenn das zutrifft, bedeutet es wohl, dass im limbischen System eingelagerte „Meinungen“ nur allmählich, nämlich durch neue Erfahrungen und ihre Bewertung, geändert werden. Offenbar ist das ein langwieriger Prozess – aber der Prozess ist immerhin möglich. Und das ist ein wichtiger Aspekt, denn: Wie der Aberglaube, sperrt sich auch der angeblich richtige Glaube gegenüber rationalem Denken. Es gibt Grund zur Hoffnung, dass die Sperre überwindbar ist.

Wer sich zu den gläubigen Christen zählt, sollte sich folgende Fragen stellen:

Wie bin ich eigentlich zu meinem Glauben gekommen; wurde er mir in die Wiege, vielleicht auch erst in die Schultüte gelegt oder habe ich mich (nach Überprüfung der Quellen) bewusst dafür entschieden?

Worauf gründet sich mein Glaube, auf die Bibel, auf kirchliche Überlieferung, auf die Aussagen von Eltern, Lehrern Pfarrern?

Was/woran genau glaube ich?

Ist mir bewusst, wie die Grundlagen des christlichen Glaubens entstanden sind; gibt es einen Grund für die Annahme, die biblischen Texte entstammten göttlicher Offenbarung oder seien sogar Gottes Wort?

Ob jüdisch, christlich oder muslimisch, die Grundlagen der in Deutschland verbreiteten Religionen wurden gelegt, als die Menschen noch wenig Ahnung bzw. inzwischen als falsch erwiesene Vorstellungen vom Räderwerk der Welt hatten. In diesen Vorstellungen war die Erde eine Scheibe, über die sich der Himmel wie eine Käseglocke wölbte. Die Sterne hingen wie Laternen an der Käseglocke. Dieses „Universum“  und alles Leben darin hatte Gott aus Materie erschaffen, die irgendwie bereits vorher vorhanden war. In der gesellschaftlichen Struktur dominierte das Herr-Knecht-Verhältnis. Sklavenhaltung gehörte zur natürlichen Ordnung. Unterwürfigkeit gegenüber Höhergestellten war die Regel. Frauen waren weniger wert als Männer und diesen untertan. Krankheiten wurden von bösen Geistern verursacht. Wo naturwissenschaftliche Kenntnisse fehlten, mussten Wunder als Erklärungs-Ersatz herhalten.

Bereinigt man nun seinen Glauben von allen Bestandteilen, die man nach eigenem Ermessen für unglaubwürdig hält, von allen Bausteinen, die nur im als falsch erkannten Weltverständnis als Fundamente tragen können, wird man sich auch fragen müssen: Was bleibt dann noch übrig? Falls lediglich der Glaube an einen alleinigen, allmächtigen und allwissenden Gott bleibt, dürfte dies aus dem Alten Testament hergeleitet sein. Im Alten Testament wird aber die Existenz verschiedener Götter und ihrer Propheten als selbstverständlich angesehen. Wer angefangen hat, Inhalte aus der biblischen und kirchlichen Überlieferung auszusortieren, hat sich damit eingestanden, dass nicht alles wahr ist, was diese Überlieferung bietet. Wenn auch nur ein kleiner Teil davon falsch ist – kann es sich dann noch um göttliche Offenbarung oder Gottes Wort handeln?

Obwohl die Fundamente der Religion einer TÜV-Überprüfung nicht standhalten würden, mag es jeder und jedem überlassen bleiben, was er/sie glaubt oder nicht glaubt. Religionsfreiheit ist gerechtfertigt. Aber Religion ist keine Privatsache. Gläubigen und Ungläubigen sei die Frage nahegelegt: Kann Religion negative Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft haben?

Die Kirchen fordern vom Staat Religionsfreiheit, und der Staat gewährt sie nicht nur, sondern er fördert die Kirchen. Er lässt konfessionelle Kindergärten, Schulen und Hochschul-Fakultäten nicht nur zu, er finanziert sie sogar. Ob im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder in staatlichen Ausschüssen und Gremien, zur Beantwortung gesellschaftspolitischer Fragen werden überall Theologen hinzugezogen. Und die dürfen dann - aufgrund ihrer Bibelkenntnis? - beispielsweise feststellen, ab wann eine befruchtete Eizelle ein menschliches Wesen ist oder dass man Stammzellen zwar vernichten, aber nicht an ihnen forschen darf. Von der Wiege bis zur Bahre werden die Menschen von religiösen Aussagen beeinflusst, die in längst überholten Weltverständnissen wurzeln. Die Auswirkungen der Religion auf die Gesellschaft sind nicht zu leugnen.

Im demokratisch organisierten Staat sind Politik und Religion zwei Welten gegensätzlicher Natur. Religion ist obrigkeitsorientiert, in Anspruch und Struktur undemokratisch. Religion zielt in ihrem Selbstverständnis auf individuelles Seelenheil. Die Forderung, Gutes zu tun (Nächstenliebe, Umweltschutz etc.) wird verknüpft mit der Aussicht auf Lohn in Form von gutem Ansehen bei der obersten Obrigkeit. In der Hand ihrer Manager ist Religion ein Machtinstrument. Demokratische Politik hingegen sollte auf das Wohlergehen aller Menschen zielen, auf das friedliche, gleichberechtigte Zusammenleben aller Menschen und Völker, auf die Erhaltung und Weiterentwicklung des Lebensraums Erde. In die Verantwortung für diese Ziele sind alle Menschen einzubinden. Verantwortung hat nichts mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in irgend einem Jenseits zu tun. Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Gesellschaft ist eine andere Religionsfreiheit zu fordern, nämlich als Freiheit des Staates vom Einfluss der Religionen.

Ist das nicht übertrieben? Haben wir uns nicht längst auch in Glaubensfragen emanzipiert? Entscheiden wir nicht selbst, welche Inhalte religiöser Überlieferung wir gelten lassen und welche nicht? Sind nicht Kinder und Jugendliche längst resistent gegenüber kirchlichen Verbiegungsbemühungen in Kindergarten und Schule? Gibt es nicht auch innerhalb der Kirchen demokratische Strukturen und so revolutionäre Forderungen wie die nach Zulassung weiblicher Priester oder der Priesterehe?

Tatsächlich hat die Aufklärung uns in Deutschland und Europa schon ein Stück vorangebracht. Ein Blick über den Tellerrand lässt aber erkennen, in welch engen Grenzen der Fortschritt sich bewegt. In Teilbereichen der katholischen Kirche mag es durchaus demokratisch zugehen. Wie die Praxis gezeigt hat, ist ein Bischof aber immer noch in der Lage, kirchliche Demokratie kurzerhand zu untersagen. Mag die Verhütung in Europa außer Frage stehen. Unzählige Menschen sterben an Aids, weil der Papst die Benutzung von Kondomen verbietet.

Wir werden nicht umhinkommen, unseren Denkapparat zu benutzen. Und wenn das limbische System sich dagegen sträubt, werden wir um so hartnäckiger denken müssen.

 

Veröffentlichung:

 

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Verantwortung vor Gott?
Warum die Menschheit Werte
und Konzepte selbst entwickeln muss
Gerd Kallweit
Verlag: Books on Demand
ISBN-10: 383347730X
ISBN-13: 978-3833477300
204 Seiten
13,80 Euro*

* Preis zum Zeitpunkt des Beitrages

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten:

www.gerdkallweit.de

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Eine von allen Unternehmen und Selbstständigen aufzubringende Sozialsteuer sollte die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber ersetzen. Sie wäre am Umsatz zu bemessen, unabhängig von der Zahl der Beschäftigten. Dieses verblüffend einfache Konzept, gekoppelt mit einer Grundsicherung, könnte zur Vollbeschäftigung sowie zu gerechter Einkommensverteilung und akzeptablen Renten führen. Das meint jedenfalls der Autor dieses Buches, und er belegt mit Zahlen, dass das Konzept aufgehen würde. Er stellt es neben weiteren gesellschaftspolitischen Vorschlägen zur Diskussion. Sein damit verknüpfter Appell, Verantwortung zu übernehmen, berührt die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die, so Gerd Kallweit, müssen wir selbst beantworten, und wir müssen selbst die Werte entwickeln, an denen wir unser Handeln orientieren. Sich dabei auf die Bibel als Autorität zu berufen, sei nicht hilfreich, denn die Annahme, die Bibel beinhalte Gottes Wort, entbehre jeder Grundlage. Und die Hoffnung auf einen Platz im Himmel motiviere nicht wirklich zu verantwortlichem Handeln. Wir sollten uns nicht vor Gott verantworten wollen, die Verantwortung komme vor dem Glauben an Gott. 

 

 

 

 

 

 

 

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