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Roter, brauner und grüner Sozialismus




Roter, brauner und grüner Sozialismus
Josef Schüßlburner
Verlag: Lichtschlag
ISBN-10: 3939562041
ISBN-13: 978-3939562047
352 Seiten
24,80 Euro



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Rezension von Daniel Bigalke

Die Meinungsfreiheit ist für die demokratische Grundordnung konstituierend. Sie ist ein kostbares Gut. Auf den gewaltsamen Umsturz der Demokratie in Athen stand einst die Todesstrafe, die den Sokrates auch traf, weil er selbst zu denken begonnen hatte und damit nur die Meinungsfreiheit ernstnahm. Die Sokrates` der Gegenwart leben ebenso gefährlich, da aus dem Tatstrafrecht, das jemanden für eine konkrete Tat verurteilt, zunehmend ein Gesinnungsstrafrecht geworden ist, das dem Moralisieren Tür und Tor öffnet und Argumentationsmuster anklagt, die lediglich Produkt des Denkens sind - wie bei Sokrates. Dieses reine Werteargument wird damit wie schon in der Antike zur Voraussetzung dafür, jemanden wie Sokrates in einer Demokratie verfolgen zu können, obwohl dies in derselben schon aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht möglich sein sollte. Dies ist auch der Grund des Autors im vorliegenden Buche, sich verwegene Fragen zu stellen, die einer Stellung aus wissenschaftlichen Gründen völlig wert sind: Hat der Nationalsozialismus eine sozialdemokratische Wurzel?

Der Autor kommt in seiner der denkerischen Freiheit verpflichteten Studie zu dem Schluß, daß alle Kernelemente, die dem Nationalsozialismus zum Vorwurf gemacht werden, sich im klassischen Sozialismus ideologisch vorgezeichnet wieder finden. Trotz erbitterter Auseinandersetzung zwischen den Sozialismen stellen sich für ihn die Übergänge als fließend dar. Er fordert deshalb eine umfassende Sozialismus-Bewältigung, die nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt werden kann. Nur dann erscheint es ihm möglich, die Wiederkehr "faschistischer" Tendenzen zu verhindern.


Alles in allem ein längst überfälliger und berechtigter Denkansatz, den der Autor im vorliegenden Buch vollends entfaltet. Hierzu hat er unzählige Schriften studiert und bietet überzeugendes Beweismaterial für seine Ansichten. Unter den zitierten und durchdachten Autoren befinden sich viele bekannte Namen, die jeder im Munde führt, aber kaum jemand gelesen hat und deshalb auch nicht weiß, wofür diese Personen bei konsequenter Lektüre eigentlich standen. Am Ende findet der Leser die These des Autors als bestätigt wieder. Zu den Namen gehören folgende: Fichte, Rodbertus, Lasalle, de Man, Sorel, Spengler, Dühring, Plenge, Nelson, Winnig, Kautsky, Mosley, Shaw, Talmon, Voegelin, Grothjan, Marx, Engels, Schuhmacher. - Und dies sind etwa nur 10 Prozent der verwendeten Literatur durch den Autor.
Kostprobe: Sombart z.B. war der erste etablierte Akademiker gewesen, der den Marxismus aufgriff und diesen derartig verinnerlicht, daß Friedrich Engels als "etwas eklektischer Marxist" erschien, der durchaus als künftiger SPD-Ideologe gehandelt wurde. Marx und Engels waren im Übrigen formal ebenfalls nicht SPD-Mitglieder, obwohl ersterer vom Parteitag der SPD zu Halle 1890 als "unser großer Führer" ausgerufen wurde. Der entschiedene Antisemit und "freiheitliche Sozialist" Eugen Dühring, der sich selbst schon als den künftigen Chefideologen der SPD sah, wurde ebenfalls als Führer gefeiert.

Dem Autoren geht es aber nicht um eine Rechtfertigung irgendeiner Seite des Denkens. Vielmehr will er aufweisen, was bei konsequenter Auslegung der Quellen und ohne deren ideologischer Indienstnahme, konsequenterweise auch zu sagen und zu denken erlaubt sein muß. So sei es zwar unbestreitbar, daß es einen "Sozialdarwinismus" gab, der von der politisch rechten vertreten worden ist. Dies dürfe aber nicht dazu führen, daß die heutigen Interpreten auf die unbestreitbar vorliegenden sozialdarwinistischen Ansichten Hitlers verweisen, um ihn ohne weitere Erörterung ideologisch in einen "konservativen" oder "rechten" Kontext zu stellen. Hier kommt der Autor zum entscheidenden Punkt: Denn gerade dabei werde nachhaltig verdrängt, daß vor allem der Marxismus sich nur deshalb als SPD-Parteidoktrin durchsetzen konnte, weil er in einer spezifischen Weise mit dem Darwinismus verschmolzen worden ist. Und dieser Darwino-Marxismus war Kern der SPD-Ideologie von etwa 1900 bis in die 1930er Jahre. Dieser sozialistische Sozialdarwinismus geht dabei insofern auf Marx zurück, als dieser meinte, daß Darwin naturwissenschaftlich bestätigt hätte, was er selbst sozialwissenschaftlich erkannt habe. Während also sozialistischer Rassismus und Sozialdarwinismus verdrängt seien, werde der konservative, mehr religiös begründete Antisemitismus in der "Erinnerung" am Leben erhalten, um ideologiepolitisch einseitig entsprechende "Vorläufer" für den Nationalsozialismus ausfindig zu machen. Hier hat der Autor insofern Recht, als daß sich die Frage aufdrängt, weshalb sich dann der Nationalsozialismus explizit "sozialistisch" nannte und nicht "konservativ". Ebenso waren frühere sozialistische Positionen in ihrem Selbstverständnis als Positionen des nationalen Sozialismus kommuniziert worden. Genau dieser Begriff geht auch auf die Selbstbezeichnung einer Partei zurück, die sich 1897 als Abspaltung von der böhmisch-mährischen Sozialdemokratie "Tschechoslowakische Nationalsozialistische Partei" nannte und damit die erste Partei war, die explizit diese Bezeichnung im Namen trug. Spannend ist, daß sie aus dem böhmischen Raum stammte und ihre Wurzeln in der Sozialdemokratie hatte!

So läßt sich nach vollendeter Lektüre resümieren, daß - folg man den Thesen des Autors - es den "Antifaschisten" von links heute an der Erkenntnis mangelt, vielleicht selbst die eigentlichen "Faschisten" zu sein, was ihrem Verhalten gegenüber politischer Opposition zufolge durchaus stimmen könnte.

Josef Schüßlburner, Regierungsdirektor und Jurist, hat sich im Zusammenhang mit verfassungs- und völkerrechts- geschichtlichen Studien eingehend mit der Geschichte politischer Ideen beschäftigt. Dies merkt man auch an seiner überzeugenden Studie, die den heute üblichen verengten Horizont etwas zu erweitern befähigt ist. Die Notwendigkeit einer umfassenden Sozialismus-Bewältigung ist in der Tat das, was so manchem selbsternannten Gutmenschen unter den "Demokraten" und gerade unter den weltbeglückenden "Sozialisten" gut tun würde.


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