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   Katryn Berlinger

Die Autorin über sich:

Die Welt inspiriert: ob im Gespräch, auf dem Bauernmarkt, den Wolken des Himmels, beim Konzert, einer Soap, einem Sachbuch oder Grillabend: Ich sammele Stimmungen, Mienen und Gedanken. Für alles Fluidale um mich herum bin ich empfänglich. Ich frage mich, was ist es, das mich berührt und was erschüttert mich? Was davon könnte auch andere berühren? Was sie unterhalten, aber auch an Wissenswertem bereichern?

Dann schotte ich mich wie eine Auster ab und schlüpfe in die Haut meiner Figuren. Wobei sich Begebenheiten und Fakten in eine Rutschbahn umwandeln, die mich in die Welt der Phantasie führen. Ich kann dann in eine neue Welt abtauchen, von der ich hoffe, sie mit meinen Leser/innen teilen zu können. Für diese Arbeit brauche ich Ruhe und Konzentration - und einen konsequent geführten Terminkalender, der mir jeden Morgen vor Augen hält, dass es auch noch eine Welt mit Müllabfuhr-, Schul- oder Kursterminen gibt.
Seit meiner Schulzeit interessiert mich Geschichte, und einige Jahre lang durfte ich meiner Klasse am letzten Tag vor den Sommerferien eine selbst »gewebte« Abenteuerstory vorlesen.

Ich liebe Bücher leidenschaftlich - so wie mich Menschen und ihre Schicksale interessieren. Zu schauen, wie jeder einzelne seinen Weg geht und versucht, seinen Lebenssinn zu finden, fasziniert mich gleichermaßen in der Gegenwart wie in der Vergangenheit.

Hobbys: gemeinsam kochen, gute Gespräche, handwerkern, bergwandern 




Schriftsteller sind seltsame Menschen


Eine Momentaufnahme und spontane Zustandsbeschreibung nach einem soeben abgeschlossenen historischen Roman


Schriftsteller sind seltsame Menschen. Manchmal. In der Tat: Manchmal schauen wir in den Spiegel und erkennen uns nicht. Nicht mehr. Weil wir uns gerade wieder einmal in der Haut eines anderen befinden und uns das eigene Spiegelbild ein wenig befremdlich vorkommt. Das ist mal erschreckend (weil wir so ausgezehrt sind), mal gut (weil wir mit der Figur warm ge­worden sind), mal unvergleichlich fantastisch (weil diese uns längst am Haarschopf gepackt und in ihr eigenes Leben fortge­rissen hat).

Dennoch bleibt der Blick in den Spiegel befremdlich. Dieses Gesicht dort im Spiegel ist jeden Morgen, jeden Abend mehr oder weniger gleich, in unserem Inneren jedoch haben wir   gerade wieder einmal Groß­artiges, Aufregendes erlebt. Komisch ist es schon: Wir selbst sehen es uns nicht an. Und schon gar nicht finden wir eine Ähnlichkeit mit dem (fikti­ven) Gesicht, mit dem wir in unserem Roman spazieren­gehen und das wir wie eine innere Maske tragen, ob es sich nun um einen Oliven­bauern, Revolutionär, eine Malerin, Winzerin oder Süßspeisen­kö­chin handelt. Gemeinsam haben sie alle nur eines: die Kraft, uns Schrift­steller von uns selbst fortzureißen.

Man könnte es auch so sagen: Schrift­steller sind (manchmal) Reisende in Wollsocken. Das klingt lang­wei­lig, nicht? Aber LeserInnen sind keine Fahr­kar­ten­kon­trolleure, und Schriftsteller haben einen Hexenbesen.

Kommen Sie, steigen Sie auf!

Gerade eben noch verblasste hinter uns die brasilianische Küste von Bahia im Dunst, wir rauschen über den Atlantik, auf einem weißen Segelschiff, einem Flying-P-Liner, hart am Wind, dort unten liegt der Hamburger Hafen, aber wir ziehen unseren Hexenbesen Richtung Südosten, nach Budapest, weiter zu den Hirten, zu einer ungarischen Hochzeit ... Schluss. Aus. Ich will Sie weiter durch die Lüfte jagen. Merken Sie, wie die Winde wechseln? Eben noch blies uns heißer Wind aus der ungarischen Tiefebene um die Köpfe, jetzt ... ja, noch einmal Hamburg, aber jetzt: Da! Schauen Sie nach unten. Sehen Sie, wie Neptuns Klauen an der Ostseeküste ein Stück Land herausreißen? Jaja, ich weiß, das war vor langer, langer Zeit, aber wir hören noch einmal das gewaltige Brausen, grausen uns vor dem Tosen des aufgewühlten Meeres. Sehen Sie, wie die Mönche im Zister­zien­ser-Kloster in Doberan vor Angst zittern? Wie ihre Knie auf den Steinfliesen kalt und knochenweiß werden vom langen Beten? Da! Jetzt fliegen wir eine Kurve, noch eine und noch eine, wir kreisen über Heiligendamm und Doberan und sind ... ha! Im Jahre 1885.

Längst gibt es hier keine Mönche mehr, dafür blinzeln wir einmal durch die farbigen Fenster des Doberaner Münster, schau­en dem berühmten Sakralbauarchitekten Möckel bei den Restaurierungsarbeiten zu, brausen schnell zur Küste zum Heili­gen Damm zurück, denn die himmlischen Mächte haben die Ge­bete damals natürlich erhört ...

Jetzt herrscht hier elegantes Luxusleben, es ist Sommer, die noblen Gäste genießen ihre Badekur. Dort, unterhalb des Steil­ufers, erhebt sich gerade eine junge Frau, sie will nicht baden. Sie lässt alles hinter sich am Strand ...

Wir sollten eine Weile im Winde auf und ab schaukeln, um sie zu beobachten. Sie ist hübsch, etwas pummelig wie jemand, der zu genießen weiß - oder wie jemand, der aus Kummer, aus unerfüllter Sehnsucht isst ... Süßes isst ... raffiniert Süßes ... köstliche Desserts ...

Halt, jetzt passiert etwas. Sehen Sie ihn? Ja? Dann: bitte Psst!

Ist ER es wirklich?

Das verrate ich nicht.

Nur eines: Die junge Frau heißt Lilly Alena Babant und ist Süß­speisenköchin in der "Strandperle" (erfunden!) in Heiligen­damm. Das heißt, sie war es ...

Wie eine Perle, deren Austernschalen aufgebrochen werden, wird die Heldin jetzt in das Leben hineinkatapultiert. Hoffnung und Niederlagen, Auf­schwung und Anfeindungen, Gewalt und Liebe: Ein dichtes Netz verschiedenster Charaktere webt sie ein. Und wir fragen uns, wie und ob es ihr gelingen wird, sich aus ihm zu befreien.

Wir fliegen zu dem reetgedeckten alten Haus ihrer Vorfahren in Doberan, steigen mit einem kühlen Nordwestwind hoch auf und kehren zu ihr zurück. Ganz klein sieht sie aus, verzweifelt, bleich, noch immer flattert ihr Haar lose im Wind. Hören Sie, was sie denkt? Ja?

Wirklich ... alles?

Sind wir nicht erleichtert, dass sie kein schlichtes Blondchen ist?

Sie kennt das Geheimnis exquisiter Süßspeisen. Sie hat einen Traum und steht doch eines Tages vor dem größten Rätsel ihres Lebens.

Sie weiß, sie muss es lösen, um den Mann von ihrer Liebe üb­erzeugen zu kön­nen, von dem sie glaubt, dass er es wert ist, ge­liebt zu werden.

Ihre Leidenschaft, ihr Schmerz, die Widerstände, die sich ihr in den Weg stellen, werden uns vertraut sein.

In der Zeit aber, in der sie lebt, wird es ihr allerdings  schwerer sein, ihr Ziel zu erreichen. Zumal der Weg, den sie beschreiten wird, mit Stei­nen gepflastert ist, die wenig heilig sind: Steine des Neides, der Heimtücke, der Gewalt, der Lügen.

Bleiben wir bei ihr.

Ein ganzes Jahr lang.

Begleiten wir sie zum Bauernfest auf Doberans Festwiese, dem Kamp.

Halt.

Heiterer, unbeschwerter Tanz?

Von wegen!

Sehen wir Lilly Alena Muscheln sammeln.

Nur Muscheln?

Von wegen!

Wir sehen sie leiden, möchten uns all den Gerüchten ent­ge­gen­stemmen, die über sie kursieren.

Sie kämpft um ihren Ruf, ihre Arbeit - und um einen Mann, der einer anderen Frau gehört: seiner Mutter.

Menschlich, allzu Menschliches begegnet uns in einer Zeit des Aufschwungs: 1885 kauft  Baron von Kahlden Heili­gen­damm auf,  und 1886 baut der Eisenbahn­un­ter­nehmer Lenz die berühmte Schmalspurbahn "Molli" - Eck­punk­te in Lilly Alena Babants Leben.

Ein Leben allerdings, das durch die tragischen Folgen des Bör­sencrashs von 1873 überschattet ist.

Und dann steht Lilly eines Tages vor der Entscheidung, ob sie einen Auf­trag von weittragender Bedeutung an­neh­men soll - denn sie weiß: Gelingt es ihr, gewinnt sie per­sön­li­che Unab­hän­gigkeit, scheitert sie, verliert sie alles. Doch das, was dann ge­schieht, erschüttert ihre gesamte Exi­s­tenz.

Bleiben wir bei ihr, ein Jahr lang ...

Und dann?

Dann, liebe LeserInnen, fliegen wir weiter, landen vor einem  Lokal am Meer oder in den Bergen und trinken Wein, reden über Lilly oder Madelaine oder Amélie oder Fiona oder ... Oder: Sie!

So einfach ist das, wenn man Wollsocken anzieht und sich zu einem Schriftsteller auf dessen Hexenbesen setzt. Sehen Sie ir­gen­dein Steuer? Einen Kompass? Nein, nein, suchen Sie nicht danach. Er folgt seiner inneren Stimme, seinem Instinkt, seinem Gefühl ... Glauben Sie: Das ist nur eine Seite. Die andere ist das, was er weiß.

Es war ein eiskalter Januarnachmittag. Auf den Straßen lag eine daumendicke Eisschicht. Mir grauste vor der Rückfahrt mit dem Auto und so blieb ich noch am runden Tischchen sitzen. Der Kakao unter dem Rest Sahne war kalt geworden, so locker und schwungvoll war das Interview gelaufen, zu dem mich eine  nette NDR-Journalistin eingeladen hatte. Über sich und die eigene Arbeit zu schreiben oder zu sprechen, ist eine etwas heikle Angelegenheit. Denn je nach Tagesfassung, Stimmung, momentaner Besetztheit durch ein Thema, Motive, Figuren, hebt man Aspekte hervor, die entweder immergültig sind oder einem gerade spontan wichtig erscheinen. Nach dem, was Sie jetzt   gelesen haben, können Sie sich ja vorstellen, dass wir Schrift­steller immer diesen Hexenbesen fühlen, der uns forttreibt ...

Eine junge Kellnerin tritt an mich heran, erzählt mir, wie sehr ihr "Das Schokoladenmädchen" über eine schwierige Zeit hin­weg geholfen habe und fragt, ob sie denn wirklich gelebt habe, diese Madelaine Elisabeth Gürtler.

Madelaine ist eine fiktive Figur, aber die Welt, in die ich sie setzte, ist historisch fundiert. Aus vielerlei Quellen her­aus: kulturhistorischen Fachbüchern, Archivmaterial, zeitgenös­si­schen Fachzeitschriften und Tageszeitungen, Aufsätzen und Berich­ten.

Ich freute mich über die Frage, wie jeder Schriftsteller es wohl täte. Denn die Frage der jun­gen Kellnerin nach dem Authentischen bzw. dem Wahr­schein­lichen ist genau das, was quasi der Lohn für aufwendige Recher­che ausmacht.

Wenn wir also das Leben einer Romanfigur für glaubwürdig halten, hat der Schriftsteller seine Arbeit nicht umsonst gemacht.

Wie sieht das aus, fragen Sie sich?

Stellen Sie sich vor: Jemand schiebt Sie mit Nachdruck vor ein großes, schwarz gähnendes Tor. Nur ein, zwei Fackeln be­leuch­ten links und rechts das Portal, vor dem Sie stehen. Das einzige, was Sie sehen, ist ein wenige Fuß breiter, staubiger Ein­gang. Aus der vermeintlichen Tiefe dahinter ziehen Luft­strö­me auf Sie zu. Sie lauschen, glauben Stimmen zu hören, dann wieder lautes Rauschen, Klänge, Düfte streifen Sie. Sie ziehen los. Mutig gehen Sie ins Dunkle hinein. Dort glimmen Lichter, da räuchern Öllampen, woanders flackern Fackeln, brennt Talg in Schalen. In ihr unruhiges Licht hinein wispern Buchrücken aus allen Wissensgebieten der Menschheit, aus allen Zeiten, aus allen Federn ... Wimpel mit Hinweisen auf Epochen, Themen, Stichwörtern flattern im Luftstrom.

Schnell merken Sie, dass den Wänden Biegungen folgen, Gänge locken links und rechts. Sie würden sich manchmal am liebsten zerteilen, um gleichzeitig all den Wimpeln, all den We­gen zu folgen, die sich Ihnen lauthals anbieten "Lies! Mich! Jetzt!" und "Hör! Mich! An!" und "Hast du's schon gewusst?"

Sie haben eine Idee, einen Plan, Figuren, für die Ihnen kein Pfad, keine Höhle, kein Tunnel zu lang, zu eng, zu beschwerlich ist, um Material einzusammeln, damit eine neue Welt in Ihrem Kopf entstehen kann. Sie füllen ihn mit allem, was Ihnen inter­essant und notwendig erscheint, damit Ihre Figur wahr­haftig mit Ihnen leben kann. Sie muss neben Ihnen schwitzen, atmen, keu­chen, schreien, wispern können. Sie müssen Sie sprin­gen sehen, rennen und weinen. Bei diesem aufregenden - quasi doppelten - Innenleben stört die banale Außenwelt, alles wird langweilig gegenüber dem, was sich in uns "tut".

Also: Der Hexenbesen ist nur eine Metapher für die Leiden­schaft, die dazugehört, von einem Feuer für eine Idee mit­gerissen zu werden. Wenn Sie sich dann eines Tages auf Ihr Sofa legen und das Buch aufschlagen, ist die Arbeit natürlich getan. Und wenn dann der Funke der feurigen "Hexerei" auf Sie überspringt (wie ich es bei Lesungen erlebe), lehne ich mich zu­rück und betrachte glücklich meine durch­löch­erten Wollsocken.

Post scriptum: Der Sand, der aus meinen Reisesocken heraus­rieselt, ist übrigens echt (das bringt faktisches Reisen nun einmal so mit sich) und erinnert mich an etwas ganz Wichtiges: Lilly Alena Babant lebt in der Buchwelt als  "Die Muschel­samm­le­rin", die der Knaur Verlag im Juli 2010 veröffentlichen wird.

Januar 2010

Katryn Berlinger


Veröffenlichungen:

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Der Kuss des Schokoladenmädchens
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 3426639890
ISBN-13: 978-3426639894
528 Seiten
8,95 Euro

Das Buch bestellen:

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Kurzbeschreibung:
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg: Madelaine Gürtler, die einst als »Schokoladenmädchen« mit ihren süßen Kreationen Furore und die Männer verrückt machte, ist mit ihrem Mann, dem Grafen Mazary, in seine Heimat Ungarn gezogen. Doch ihre Ehe steht unter keinem glücklichen Stern: Der lang erwartete männliche Erbe bleibt aus, und Madelaine erträgt den Druck kaum mehr, den die gräfliche Familie auf sie ausübt. Verzweifelt fl üchtet sich Madelaine in die Arme eines anderen Mannes, doch dann droht sie die Liebe beider Männer zu verlieren ...

 

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