Buechertitel.de - Bücher Shop

 

 

tl_files/Joachim Seidel.jpg

 

Joachim Seidel, Autor von "HimbeerToni", selbst Ex-Punk der ersten Stunde, arbeitete bei GALA, kolumnierte seitenlang komische Geschichten in der Frankfurter Rundschau, war in den 1980ern Chefredakteur u.a. des Magazins MALER, Leben, Werk und ihre Zeit und strich als Drehbuchautor Förderungen vom Hamburger Filmbüro ein. Joachim Seidel lebt in Hamburg, hat eine Tochter, einen Sohn und einen Kleingarten direkt an der Alster. 1979 nahm er eine der legendärsten Punk-Singles in Deutschland auf (Remo Voor, »Toilet love«), die 2009 in den USA wiederveröffentlicht wurde.

Zur Internet-Seite von Joachim Seidel

 

 

 

 

Sinnkrise in der City

Warum Stadtmöblierung traurig macht

VON JOACHIM SEIDEL

Alles in Maßen, sprach der Oberbaudirektor, rammte kleine Steinquader in das Architekturmodell und hieb seinen Assistenten mit dem Geodreieck", rief ich der guten Freundin zu, die mich in der großstädtischen Fußgängerzone bereits erwartete. Während sie die wie zufällig hingeworfenen symmetrischen Natursteinquader eingehend betrachtete, hatte ich mir in der angrenzenden Filiale einer großen Buchhandelskette Michel de Montaignes wohlfeile "Essais" in der Neuübersetzung von Hans Stilett zum Frühbestseller-Vorzugspreis gegönnt und steuerte nun, die geballten Lebensweisheiten unterm Arm, auf die Freundin zu. Das am Vortag von ihr telefonisch erbetene mittagspäusliche Treffen in der Fußgängerzone hatte ich gerne zugesagt, lag es doch verkehrsgünstig fast auf direktem Wege zu der von mir im Anschluß vorgenommenen Kino- Preview-Pressevorführung eines neuen englischen Musikfilms namens "Still Crazy", bei der sich feste und freie Kinoredakteure, Studenten, Künstlervolk und allerlei sonstige Tagediebe neben dem obligaten Streifen, der zumeist nicht mal synchronisiert ist, Kaffee satt und Softdrinks für lau reinziehen und anschließend in dieRedaktionsstuben oder nach Hause eilen, um eine Rezension des eben auf der Leinwand Gesehenen zu verfassen oder es auch bleiben zu lassen. "Was? Du kaufst deine Bücher in einem Lese-Supermarkt?" begrüßte mich die Freundin mit Blick auf meinen Montaigne unterm Arm und die hinter mir befindliche Buchhandelsfiliale, aus der sie mich hatte kommen sehen. Ich klärte sie umgehend darüber auf, daß ich ansonsten mein Geld ausschließlich existenzbedrohten Buchpreisbindungshändlern hinterherzutragen pflege, es diesmal aber aus rein abholtechnischen Gründen geboten schien, die Dienste der Buchhandelskette in Anspruch zu nehmen.

"Fußgängerzonen und Stadtmöblierung machen mich traurig", ließ die Freundin Michel de Montaigne und die Buchhandelskette auf sich beruhen und begann wieder unverwandt auf die symmetrischen Steinquader zu starren. Ich korrigierte ihre Elendsbekundung dahingehend, daß nämlich ymmetrische Steinquader Kunst seien und deshalb nicht in den Stadtmöblierungstopf zusammen mit schnöden Mülleimern, Sitzbänken, Lampen und Hinweisschildern gehörten. "Steinquader in Fußgängerzonen sind Freiraumgestaltung." "Na und", sagte sie, "traurig machen sie mich trotzdem."

Statt jetzt das einzig Richtige zu tun und sie mit einem "Na, erzähl schon, was ist denn los?" aufzumuntern und ansonsten, abgesehen von einem gelegentlichen "Hm, das ist ja wirklich schlimm", tunlichst die Klappe zu halten, rühmte ich die Weit- und Einsichten des großen französischen Essayisten aus dem 16. Jahrhundert, der auch mal Bürgermeister von Bordeaux war: "Wer seinen Montaigne aufmerksam liest, ist gegen Sinnkrisen in Fußgängerzonen und anderswo stets aufs vortrefflichste gefeit." "Was weiß denn dieser Montaigne von Fußgängerzonen?" fauchte die Freundin und ging weiter. "Montaigne weiß sehr wohl darüber Bescheid, denn strenggenommen war die Welt im 16. Jahrhundert eine einzige Fußgängerzone." Sie blieb stehen und schaute mich ratlos an: "Und was war mit den vielen Pferden?" "Wie, Pferde?" fragte ich. "Liefen in der Fußgängerzone von deinem Montaigne etwa keine Pferde rum?" "Und", konterte ich schwach, "gehen Pferde etwa nicht zu Fuß, oder haste schon mal ein Pferd auf Rädern gesehen?" Daraufhin zischte die Freundin knapp, das Pferd in Troja habe sehr wohl Räder untendran gehabt "plus 30 Griechen im Bauch". Dann verließ sie die Humorebene, sagte leise "Ich bin traurig" und fuhr fort, einen weiteren Steinbrocken zu hypnotisieren. Gen Himmel blickend empfahl ich, die Freiraumgestaltungsquader doch einfach mit etwas mehr Abstand zu betrachten: "Von da oben aus gesehen ergeben die Dinger bestimmt ein ganz gefälliges Muster."

Seit wann es uns denn gegeben sei, mal eben über die Fußgängerzone drüberwegzufliegen, maulte sie. "Ich will dir mal sagen, wie das in echt läuft. Dein Oberbaudirektor hat so ein Modell von der Fußgängerzone vor sich auf dem Tisch stehen, da läuft er dann dreimal rum, checkt das Ganze quasi aus der Vogelperspektive, murmelt ,interessanter Entwurf’, segnet es ab und stürzt mich und einen ganzen Stadtteil ins Unglück. Und nur by the way, dein Zitat mit dem Oberbaudirektor, der seinen Assistenten mit dem Geodreieck haut, stammt immer noch von Chilon aus Sparta, denn der hat schon vor 2500 Jahren ,alles in Maßen’ gesagt. Und mein Opa sagte immer: ,Alles in Maßen, sprach der Schneider und hieb seine Frau mit der Elle’, wenn er wollte, daß Oma ihren Sabbel hält."

Jetzt war ich still. Wir gingen auf gleicher Höhe vorbei an "Freizeit Center Spielomat", dem Schuhladen "PS Company", "Blume 2000", Damenbekleidungsfachgeschäften mit Namen "mieder maive moden" sowie dem "Haus der Dame", das "Hosen + Mode" feilbot, dem CDU-Abgeordnetenbüro und "Idea die grüne Drogerie". Ich brach das Schweigen, jetzt mit der korrekten Aufforderung, sie solle mir gefälligst und endlich ihr Herz ausschütten und das Innere nach außen kehren, was sie sich nicht zweimal sagen ließ. "Seit zwei Tagen habe ich das Gefühl, ich kriege überhaupt nichts mehr gebacken. Vieles ist einfach so sinnlos."

Ich schaute ziemlich ernst drein und fragte arglos, was denn so sinnlos sei."Ja, nur mal so zum Beispiel das allmittägliche kollegiale Mahlzeit-Gebrabbel. Mittags um elf geht das los, und ab zwölf trötet das ganze Büro: ,Mahlzeit!’ An jeder Ecke nur ,Mahlzeit’. Ich krieg’ Pickel davon. Mit etwas Glück bekommst du auch gleich den ganzen Kantinenplan um die Ohren gehauen. ,Mmh, lecker, willst du wissen, was es heute für Dessert gibt?’ löchert mich doch die blöde Schickse", womit offenbar eine ihrer Kolleginnen gemeint war. "Nein, das will ich nicht", blaffte die Freundin jetzt mich und eine eben noch arglos neben mir stehende Passantin an, die in das Werbeplakat der Markt-Apotheke vertieft war, das "Venenaktionstage im März" versprach, den "Venenfunktionstest zur Früherkennung und viele Hinweise" sowie "Stütz- und Kompressionsstrümpfe in modischen Farben". "Heute gibt’s übrigens Tiramisu zum Nachtisch", offenbarte die Freundin mir und der Passantin, die offenbar genug von Aktionen dieser Art hatte und eilends das Weite suchte.

Ich bekam Hunger und lud die Freundin umgehend ins nahe liegende "Boulevard-Cafe" ein, das uns mit dem Schlager "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein" empfing und durch Panoramascheiben den Blick freigab auf mit winterhartem Grün bepflanzte Blumenkübel aus hellem Waschbeton, einen "Wollwort", wie meine Großmutter selbige Kaufhauskette konsequent zu nennen pflegte, sowie weitere Freiraumgestaltung in Form teppichartig gepflasterter Rotklinker- und Naturstein-Bodenwellen, die sich wie Hünengräber aus der Fußgängerzone erhoben und deren Bestimmung es nur sein konnte, Kinder zu animieren, darauf empor- und auf der anderen Seite im Schweinsgalopp wieder runterzulaufen, dabei auf die Nase zu fallen und dem über der Stützstrumpf-Apotheke residierenden Kinderarzt ein geregeltes Einkommen zu sichern.

Die Freundin schaute mich vorwurfsvoll an, während ich meine Rote Grütze mit Vanillesoße löffelte: "Macht dich dieser Anblick nicht auch ganz traurig?" Nein, wollte ich schon sagen, denn Rote Grütze läßt mein Herz gewöhnlich höherschlagen, als mein Blick unvermittelt auf das mit "Only the best" beschriftete Sweat-Shirt am Nachbarstisch fiel, das zu einem Mittvierziger mit Ohrring gehörte, der sein überlanges Resthaar zum Zopf gebunden hatte und dessen gerade getätigte Getränkebestellung von der Bedienung mit den Worten: "Laß man gut sein, du hattest schon sechs" abschlägig beschieden wurde. Ja, das drohte nun auch mich traurig zu machen.

Ich schlug meinen Montaigne auf, blätterte rasch zum Essay "Über die Traurigkeit" und wurde prompt fündig. "Hier steht’s: ,Die Italiener haben auch die Erbärmlichkeit tristizia getauft; und in der Tat ist die Traurigkeit stets schädlich, stets abwegig, und da überdies stets feige und niedrig, verbieten die Stoiker ihren Weisen, sich ihr zu überlassen." Ich beschloß auf die Stoiker zu hören. "Only the best" bekam nach einigem Palaver Bier Nummer sieben genehmigt, und der guten Freundin empfahl ich, Büro heute Büro sein zu lassen und mich umgehend ins Preview-Kino zu begleiten.

Wir verließen das "Boulevard Cafe" und durchquerten die abgasfreie zona di tristizia, gingen vorbei an der Wäscherei "Frische Brise reinigt + pflegt", wobei ich die Freundin darauf hinwies, daß Fußgängerzonen heutzutage genau wie Verlagskantinen im Aussterben begriffen seien, anachronistische Relikte einer vergangenen Zeit wie der Tchibo-Kaffee-Experte und das lila Lux-Eis am Stiel, und flugs tauchten wir ein in die Welt der überdachten Einkaufspassagen und modernen Kinopaläste der Innenstadt. Die Columbia-Tri-Star-Pressemappe, die man sich zum Gratis-Kaffee im Kinofoyer reinzieht, versprach uns einen launigen englischen Film über eine Rockgruppe namens "Strangefruit", die nach Erfolgen in den frühen Siebzigern durch göttliche Mithilfe im Jahre 1977 das Zeitliche segnet. 20 Jahre später finden sich die unwürdig gealterten Bandmitglieder zu einer Comeback-Tour zusammen: Mittlerweile verfettet, bankrott oder dem Trunk verfallen frönen sie nach wie vor einer musikalischen Gattung, die an "Uriah Heep" so um 1975 herum erinnert.

Mich sprach der Plot total an, hatte ich doch, im Gegensatz zu meiner unverhofften Begleitung, seinerzeit selbst in einer Band gespielt, die sich, genau wie "Strangefruit", allerdings ohne göttliche Mitwirkung, 1979 wieder auflöste und keine nennenswerten Erfolge feiern konnte außer einer frühen Punk-Single in 500er-Auflage, die einmal im Hessischen Rundfunk gespielt wurde. Zum Glück fiel mir auch bei genauerem Nachdenken kein Grund ein, die alte Spackentruppe von damals noch mal reunionsmäßig ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Einzig meine Mutter wäre vielleicht ganz froh darüber, bestünde doch dann die Möglichkeit, den elterlichen Dachboden leer zu bekommen, wo neben weiteren Devotionalien des längst zum Bügelzimmer umfunktionierten Kinderzimmers auch die nicht verkaufte Restauflage der Single in Kartons endlagert. "Still Crazy" war dann tatsächlich ein ganzlauniger Film, allein schon, weil Beano, der Schlagzeuger, aussah wie "Only the best" nach Bier Nummer sechs.

Die Freundin sah das etwas anders. "Still crazy" habe ihr nur bestätigt, daß Rockmusiker durch die Bank spießig und sexistisch seien, ständig in Tourbussen und anderswo rumfurzten und wenn überhaupt auf die Bühne und keinesfalls auf die Leinwand gehörten. Die schauspielerische Leistung wollte sie nicht in Abrede stellen, da aber solch geballtes zwischenmenschliches bandinternes Chaos für den gewöhnlichen Kinobesucher schlichtweg unglaubwürdig erscheine, prophezeite sie dem Film, der am 22. April in den Kinos starten soll, eine Leinwand-Halbwertzeit von einer Woche oder gleich die Abkürzung in die Videotheken ohne Umweg über Cinemaxxe. Ich setzte gerade dazu an, einen neuerlichen britischen Sensationserfolg in "Ganz-oder-garnicht"-Manier zu prognostizieren, da begrüßte uns die ebenfalls aus dem Kino kommende Kollegin der guten Freundin, bei der sie sich zwei Stunden zuvor telefonisch für diesen Nachmittag krankheitsbedingt abgemeldet hatte, mit einem süffisant getröteten "Mahlzeit". Ich riet der Freundin noch zum Abschied, "Geh ins Bett und schlaf dich aus. Nimm ein warmes Bad und pflege dich", worauf sie mir mit Tränen in den Augen beschied, diesen Montaigne könne ich mir geflissentlich sonstwo hinstecken. Ich rief ihr nach, daß das von Thomas von Aquin sei, aber das hatte siewahrscheinlich schon nicht mehr gehört.

Mit der "Still-crazy"-Pressemappe und meinem Montaigne unterm Arm ging ich dann rasch nach Hause und grübelte nach über Freiraumgestaltung und Stadtmöblierung in Fußgängerzonen und die ungewohnte Befindlichkeit der guten Freundin. Ich beschloß, eine Flasche Rotwein zu öffnen und keine Filmkritik zu Papier zu bringen. Dann las ich vollends Michel de Montaignes Kapitel "Über die Traurigkeit", außerdem "Man soll sich nicht krank stellen" und "Über die Freundschaft". Irgendwann war die Flasche leer, die Stimmung tief und die Nacht traumlos.

Am nächsten Morgen klingelte recht früh das Telefon, und die gute Freundin teilte mir in bester Laune mit, sie habe Thomas von Aquins Rat beherzigt und mal richtig ausgeschlafen, außerdem habe sie ihre Tage gekriegt, und überhaupt seien Freiraumgestaltungen und schlechte Filme unter prämenstruellen Gesichtspunkten betrachtet nur schwer auszuhalten, und ob ich ihr den Montaigne mal leihen würde, ob es einen bestimmten Grund gäbe, warum ich so schweigsam sei, und ob wir uns tags darauf nicht zur Mittagszeit treffen wollten. "Aber nicht in der Fußgängerzone", stammelte ich noch, aber da hatte sie schon aufgelegt.

 

Kurzlesung: Tony hat ein neues Problem Nr. 1 ... Ada auch

 

 

Kurzlesung: Die kürzeste Lesung der Welt (mit Interview Thomas Tebbe, Programmleiter Piper)

 

 

Veröffentlichung:

tl_files/Seidel_HimbeertoniBuchtitel.jpg

Himbeer Toni
Joachim SeidelVerlag: Piper
ISBN-10: 3492257925
ISBN-13: 978-3492257923
214 Seiten
8,95 Euro

Bestellen bei:

tl_files/amazon.png

Kurzbeschreibung:

Dass alle ständig Witze über seinen Namen machen, ist für Anton »HimbeerToni« Hornig im Augenblick das geringste Problem. Samstag sollte Party sein, die 25-jährige Auflösung ihrer Band Remo Smash feiern, das war der Plan. Jetzt erzählt ihm seine geliebte Geliebte, dass sie Familie will. Und die alten Bandmitglieder haben ihre eigenen Pläne. Allen voran Herr Blümchen, der schon beim ersten Bier durchblicken lässt, dass da grundsätzlich was nicht mehr stimmt.Aberwitzig und anarchisch erzählt »HimbeerToni« von den späten Ängsten großer Jungs, von Freundschaft und der anhaltenden Vorläufigkeit guter Pläne.

Ihr Kommentar

Suche

Benutzerdefinierte Suche