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Über eine wunderbar schillernde Frau und das Hofnarrentum der frühen Neuzeit

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Angeline Bauer, im Altmühltal geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung im Klassischen Ballett bei Frau von Sagnowski in München und trat später in Shows, Opern, Operetten und Ballettabenden auf. Mit ihrem Mann lebte Angeline Bauer einige Jahre in Amsterdam. Nach ihrer Rückkehr nach Bayern machte sie eine psychologische Ausbildung und führt seither eine eigene Praxis. Angeline Bauer schreibt Romane, Sachbücher und Kurzgeschichten und Krimis für Zeitschriften.

Zur Internet-Seite von Angeline Bauer.

Buechertitel.de führte auch ein Interview mit der Autorin.



Über eine wunderbar schillernde Frau und das Hofnarrentum der frühen Neuzeit

VON ANGELINE BAUER

Eines Sonntag morgens hörte ich beim Zähneputzen auf Deutschland Radio Kultur die Kindersendung Kakadu. Es ging um Narren und ihre Stellung bei Hofe, und - ich bekam große Ohren! - um eine gewisse Mathurine, ihres Zeichens Hofnärrin am französischen Louvre im 16. Jahrhundert. Mit der Zahnbürste im Mund notierte ich mir ihren Namen. Eine Hofnärrin! Eine schillernde Persönlichkeit! Die Erfinderin der Yellowpress! Das war eine Figur für einen Roman!

Ich fing an zu recherchieren. Viel konnte ich nicht über sie in Erfahrung bringen, aber was ich herausfand, begeisterte mich, und so 'verliebte'ich mich Hals über Kopf in die Närrin dreier französischer Könige.

Der erste in dieser Reihe - Henry III. - hatte Mathurine (auch Marthurine geschrieben) entdeckt. Sie war Kantinenwirtin beim Militär, und er war begeistert von ihrem derben Witz und ihrer Klugheit.

Mehr als dreißig Jahre trieb sie von da an als 'Fou en titre' ihre Späße, gestaltete Feste, sang, tanzte und spielte für den König und seine Gäste.

Eine gewisse Art burlesker Schriften nennt man noch heute Mathurinade, und was der 'Kasperle' für die deutschen Kinder ist, ist 'Mathurine' für die französischen.

Als sie einmal an der rechten Seite einer Hofdame zur Audienz beim König ging und diese sie loszuwerden versucht, indem sie zu ihr sagte: "Ich wünsche keine Närrin an meiner rechten Seite!", wechselte Mathurine flugs auf deren linke, so dass nun die Hofdame rechts ging, und entgegnete: "Mir macht es nichts aus!" Noch heute spielen Clowns in der ganzen Welt diesen 'Sketch' nach.

Ein andermal machte sie durch ihren mutigen Einsatz einen Attentäter des Königs dingfest und hätte dabei fast ihr eigenes Leben verloren.

Doch Mathurine war nicht nur bei Hofe erfolgreich, sondern auch beim Volk äußerst beliebt. Oft ritt sie durch die Straßen von Paris und unterhielt sich mit den Leuten. So erfuhr sie, was man über den Adel dachte und erspürte die politische Stimmung des Volkes, über die sie dann mit dem König sprach. Auch trat sie hin und wieder in Wirtshäusern auf und brachte durch den Verkauf ihrer 'Hofklatschzeitung' auf dem Pont Neuf ein wenig vom Glanz des Hofes zu den kleinen Leuten. Man kann sie also als 'Erfinderin der Yellowpress' bezeichnen.

Meist verkleidete sich Mathurine als Amazone, trug lange, weite Kleider, dazu einen Helm, eine Rüstung mit Schutzschild und ein Schwert aus Holz. Doch sie trat auch in einer nachempfundenen Offiziersuniform auf und imitierte die Soldaten derart täuschend gut, dass so mancher Zuschauer glaubte, er hätte es tatsächlich mit einem Offizier zu tun.

Als Henry III. ermordet wurde, folgte ihm Henry von Navarra als Henry IV. auf den Thron von Frankreich. Er übernahm Mathurine als Hofnärrin in Amt und Würden. Doch auch er fiel durch das Messer eines Meuchelmörders, und so wurde sein Sohn bereits im Alter von nur neun Jahren als Ludwig XIII. gekrönt. Mathurine blieb bei Hofe, und so war der junge Ludwig der dritte König, dem sie als Hofnärrin diente.

Während der Recherchen zu meinem Roman 'Die Närrin des Königs' beschäftigte ich mich natürlich auch mit dem Hofnarrentum an sich. Ein weites und äußerst interessantes Feld!

Wer glaubt, Hofnarren seien bloße Spaßmacher gewesen, irrt. Sie waren gutbezahlte Amtspersonen, standen hoch in Rang und Würden und fungierten als Berater des Königs, sowohl in menschlicher als auch in politischer Hinsicht. Sie alleine durften ihm unverblümt die Wahrheit sagen, ohne Bestrafung befürchten zu müssen. Noch heute kennen wir ja den Ausdruck 'der hat Narrenfreiheit'. Es gab in der langen Geschichte der Hofnarren nur einen seines Zeichens, der hingerichtet wurde. Der Grund: er hatte den König verraten!

Um das Hofnarrentum besser verstehen zu können, muss man sich folgendes vor Augen halten: Ein Hofstaat zeigte sich dem Volk in Glanz und Glorie, und das Volk erwartete dies auch. Um seine außerordentliche Stellung in Szene zu setzten, umgab sich ein König ausschließlich mit schönen und reichen Menschen. Hofdame oder Hofkavalier zu sein war nicht nur eine große Ehre, sondern auch so teuer, dass es so manchen Adeligen an den Rand des Ruins brachte. Man brauchte Kleidung aus den edelsten Stoffen, Geschmeide, Pferde, Kutschen ... alles nur vom Besten! Die Aufgabe des Hofnarren war es nun, dieser Märchen-Glanzwelt den Spiegel vorzuhalten, ihr das Hässliche und Böse entgegenzusetzen. Er, der Narr, galt als dunkler Zwilling (die 'andere Seite des Königs') und war ihm zumindest symbolisch gleichgesetzt. Er verkörperte aber auch 'die Stimme des Volkes', vertrat also den kleinen Mann bei Hofe, und er hatte die Aufgabe, das 'Böse' auf sich zu lenken und damit vom König abzuwenden.

Dazu fällt mir als konkretes Beispiel folgendes ein: Ein Hofnarr war beim Jagen niemals zugegen, bis auf eine einzige Ausnahme, nämlich die erste große Herbstjagd zur Eröffnung der Jagdsaison. Hier war es seine Aufgabe, sich einen Pelz überzuwerfen und der Jagdgesellschaft als Jagdwild vorauszueilen, um sich hetzen und schließlich vom König 'erlegen' zu lassen - der erlegte und bezwang damit quasi alle Jahre wieder seine eigene animalische, dunkle Seite.

Auch an den Utensilien, die ein Narr bei sich trug und die ihn als Hofnarr auszeichneten, waren seine besonderen Aufgaben zu erkennen. Zuvorderst die Marotte, das 'Zepter' des Narren (sie war meist aus Holz, am oberen Ende war das geschnitzte Konterfei des Narren angebracht). Des weiteren der Narrenorden, der ihn als Narr auszeichnete, ein kleiner Spiegel zum Vorhalten und die Glöckchen an seinem Kostüm, deren Gebimmel den König immerzu daran erinnern sollten, dass auch er nur ein armer Narr war. Das Wichtigste aber war die Narrenkappe, die den Narren symbolisch 'unsichtbar' und damit unverletzbar machte. Solange der Narr seine Kappe trug, genoss er Narrenfreiheit und durfte ihm niemand etwas tun. Wer den Narren des Königs angriff, griff den König selbst an!

Weitere Aufgaben des Narren: Er musste singen und musizieren, tanzen und zaubern können, über ein großes Repertoire an Zitaten, Sprüchen und Gedichten verfügen und klug und schlagfertig sein, denn in jeder Situation musste er sofort parieren können.

Was heute noch vom Hofnarrentum übergeblieben ist, sind die Karnevalsnarren und Kabarettisten. Auch sie tragen die Narrenkappe mit Schellen, dürfen Politikern und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens 'straflos' den Spiegel vorhalten und verteilen Narrenorden.

Was Mathurine betrifft, sie war das, was man heute als 'Karrierefrau' bezeichnen würde. Klug, gewitzt, unerschrocken und nur einem wirklich treu - ihrem König.

 

Veröffentlichungen:

 

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Die Närrin des Königs
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-10: 374662388X
ISBN-13: 978-3746623887
359 Seiten
8,95 Euro

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weltbid.de

Ausgezeichnet bei der Delia-Verleihung 2009                             

Mathurine war eine schillernde Figur - frech und klug, schrill und erhaben, ihrem Herrscher treu, aber niemandem sonst.

Und sie war die Erfinderin der 'Yellow Press'! Auf dem Pont Neuf in Paris verkaufte sie die erste Hofklatschzeitung, die es je gab.

 

 

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Der Maler und das Mädchen
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-10: 3746624746
ISBN-13: 978-3746624747
377 Seiten
9,95 Euro

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Regensburg im Jahre 1546

Eine schöne junge Frau, ein exzentrischer Maler, ein Mädchen, das den Kaiser verführt und von einem Mörder verfolgt wird - ein spannend erzählter historischer Roman um Liebe, Mord und Eifersucht.

 

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