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Guido Dieckmann, Jahrgang 1969, arbeitete nach seinem Studium der Geschichte und Anglistik in Mannheim und Jerusalem zunächst als Übersetzer und Wirtschaftshistoriker. Heute ist er als Autor zahlreicher Erfolgsromane vor historischem Hintergrund („Die Poetin“, Die Magistra“, Die Meisterin der schwarzen Kunst“) und einiger „Bücher zum Film“ („Luther“, „Albert Schweitzer“) bekannt. Guido Dieckmann lebt mit seiner Familie im rheinland-pfälzischen Haßloch.

 

 

 

 

 

 

Wenn aus Wünschen Bilder werden

von Guido Dieckmann

Wie mögen sich die Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefühlt haben, als sie zum ersten Mal das Atelier eines Photographen betraten? Bestaunten sie die phantasievolle Staffage und die sonderbaren Apparaturen oder verspürten sie vielmehr Herzklopfen, weil sie nicht wussten, was sie erwartete?

„Daguerreotypisten“ oder „Lichtbildner“ nannte man jene Männer damals noch, die Aufnahmen auf eine neue und völlig unbekannte Weise anfertigten. Sie baten ihre Kunden, auf unbequemen Stühlen Platz zu nehmen, stillzusitzen und den Kopf gerade zu halten, während sie unter dem schwarzen Tuch verschwanden, das ihre geheimnisvollen Holzkästen auf drei Beinen bedeckte. Nach einer Weile präsentierten sie dann silbern schimmernde Porträtaufnahmen, wundersame Gebilde aus Licht und Schatten, auf denen unverkennbar die geduldig Wartenden zu sehen waren. Der Linse entging nichts; selbst Details der Kleidung und Frisur waren auf den Porträts zu erkennen. Kleine Meisterwerke, für viele völlig unerklärlich. Ohne jede Beschönigung fingen sie das Mienenspiel der Menschen ein, gaben bald den Ausdruck des Staunens, bald den der Unruhe, der Freude, Langeweile oder Neugier preis. Kein Wunder, dass so mancher Skeptiker auch Vorsicht walten ließ und sich schwor, niemals einem Photographen zu erlauben, seine Seele in den hölzernen Kasten oder auf eine der mysteriösen Platten zu bannen, denn genau davor fürchtete man sich. Trotz einiger Vorbehalte vollzog sich der Siegeszug der Photographie von ihrer Erfindung bis hin zum kommerziellen Gebrauch innerhalb kürzester Zeit, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten. Oftmals waren die eifrigsten Botschafter des neuen Verfahrens ehemalige Maler; diese waren daran gewöhnt, mit Modellen zu arbeiten, und sie besaßen einen Blick für Gesichter, Proportionen und Perspektive.

Ungeachtet ihrer Erfolge führten die Pioniere der Photographie kein leichtes Leben. Viele kämpften mit ihrer Kamera nicht nur gegen Argwohn und Vorurteile, sondern manchmal sogar ums nackte Überleben. Reichtum bescherte die neue Technik zunächst den wenigsten. Davon abgesehen fielen in den Anfangsjahren der Photographie manche Daguerreotypisten einem merkwürdigen Leiden zum Opfer, das sie sich damals nicht erklären konnten. Einige bekamen Krämpfe, andere erblindeten. Ein Fluch? Eine Strafe des Himmels? Heute wissen wir, dass die Männer unter Vergiftungen litten, denn die wunderschönen frühen Porträts, die noch auf versilberten Kupferplatten entstanden, wurden von ihren Schöpfern mit Hilfe gefährlicher Quecksilberdämpfe entwickelt.

Mein Roman erzählt die Geschichte der legendären Geschwister Biow, Bruder und Schwester aus Breslau, die in Hamburg das erste photographische Atelier Deutschlands gründeten. Hermann Biows Aufnahmen berühmter Persönlichkeiten, darunter Franz Liszt und Alexander von Humboldt, schmücken noch heute Geschichtsbücher und Biographien. Man kennt Biows Bilder, doch über ihn und sein Leben ist wenig bekannt. Nicht einmal ein Porträt, das ihn selbst zeigt, wurde der Nachwelt überliefert. Als Biow im Februar 1850 in Dresden starb, erhielt er ein Armenbegräbnis und geriet rasch in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie ich fand, als ich zum ersten Mal eine seiner gestochen scharfen Photographien bewunderte. Um mehr Licht ins Dunkel dieser geheimnisvollen Existenz zu bringen, begab ich mich zwei Jahre lang auf eine abenteuerliche Spurensuche. So entstand aus alten Photographien und Dokumenten eine Geschichte, und ich entdeckte einen Menschen wieder, der für seinen großen Traum viele Opfer bringen musste.

Nicht weniger spannend ist das Schicksal seiner Schwester Jenny, die 1845 zu den ersten Frauen gehörte, die professionell mit der Kamera arbeiteten. Da ihre Spuren noch schemenhafter geblieben sind als die ihres Bruders, habe ich sie in meinem Roman zur Hauptfigur gemacht, eben zur Herrin über Licht und Schatten.

Jenny Biow war mit Sicherheit eine begabte Künstlerin, die es schon Mitte des 19. Jahrhunderts wagte, den strengen Konventionen und Regeln zu entfliehen, die damals für eine bürgerliche Frau galten. Sie stammte aus einer jüdischen Familie in Breslau, ging aber nach dem Scheitern ihrer Ehe zu ihrem Bruder Hermann nach Hamburg, weil sie den Wunsch hatte, von ihm zu lernen. Die wenigen erhalten gebliebenen Zeugnisse ihres Wirkens als Daguerreotypistin zeigen, dass sie eine gelehrige Schülerin war. Und dass auch sie kämpfen musste, um das kleine Unternehmen vor dem ständig drohenden Ruin und vor Widersachern zu bewahren.

Natürlich lebt ein historischer Roman nicht nur von Fakten und biographischen Details, sondern auch von geschickt eingesetzten fiktiven Elementen. Spannung, Dramatik und Romantik waren mir beim Aufbau meiner Geschichte ebenso wichtig wie eine atmosphärische Dichte. So lade ich meine Leser ein, mich nach Breslau, Berlin und zuletzt in die aufregende Hansestadt Hamburg in den Jahren zwischen 1842 und 1850 zu begleiten. Eine Stadt, in der das Licht, aber auch der Schatten regiert. Ob in den düsteren Tavernen des Hafenviertels, den lebhaften Kaufmannskontoren und Märkten mit ihren Gerüchen von Fisch und Gewürzen oder auf einem Landsitz an der Elbe - überall begegnen der Heldin des Romans Motive, die sie mit ihrer Kamera festhalten möchte. Und sie erhält einen bedeutungsschweren Auftrag. Zu spät erkennt sie, dass sie auf ihren Streifzügen einer gefährlichen Person zu nahe gekommen ist. Einer Person, die im Dunkeln bleiben will und ihre Aufnahmen als Bedrohung empfindet. Eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod bahnt sich an.

Aus meinem Wunsch, mehr über zwei in Vergessenheit geratene Pioniere der Photographie zu erfahren, ist nun ein bunter, facettenreicher historischer Roman geworden. Eine – wie ich meine - spannende Geschichte über die Macht von Bildern, die voller Bilder steckt.

Ich denke, den Geschwistern Biow hätte sie gefallen.

 

Veröffentlichung:

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Herrin über Licht und Schatten
Guido Dieckmann
Verlag: rororo
ISBN-10: 3499255901
ISBN-13: 978-3499255908
496 Seiten
9,99 Euro*

* Preis zum Zeitpunkt des Beitrages

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten:

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oder hier:

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Klappentext:

Nach dem Scheitern ihrer Ehe steht die junge Jenny finanziell und gesellschaftlich vor dem Ruin. Sie ist heilfroh, als ihr Bruder Hermann Biow sie zu sich nach Hamburg holt. Dort hat der einstige Porträtmaler das erste photographische Atelier der Stadt gegründet. Seine Aufnahmen berühmter Persönlichkeiten finden bald überall Beachtung. Und auch Jenny beweist Talent mit der Kamera. Doch dann geht Hermann nach Dresden und lässt sie mit Schulden zurück. Jenny gerät erneut in Bedrängnis. Damit nicht genug: Im Haus einer reichen Kaufmannsfamilie, die von Jenny photographiert wurde, kommt es zu mysteriösen Todesfällen. Diese scheinen mit dem großen Brand zu tun zu haben, der vor Jahren fast ganz Hamburg zerstörte. Jenny stößt auf ein Netz aus Intrigen und ungesühnter Schuld. Und bald ist nicht nur das Atelier, sondern auch ihr Leben in Gefahr.

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